Iran als Reiseziel Erholsam fremd

Touristen bei einer Besichtigung in Iran.

(Foto: AFP)

Iran ist als Urlaubsziel beliebt wie nie zuvor, melden deutsche Reiseanbieter. Touristen belohnen den Wandel seit dem Machtwechsel - auch wenn ihnen nicht ganz wohl dabei ist. Andere Länder sinken derweil in ihrer Gunst.

Von Monika Maier-Albang

Bei vielen Reisezielen lohnt es sich, die Garderobe mit Bedacht zu wählen. Wer nach Uganda zum Gorilla-Tracking fliegt, sollte moskitoresistente Kleidung einpacken, wer Patagonien im Sommer erleben will, braucht was Warmes. Mit Iran ist das so eine Sache. Für Männer reichen lange Hose und Hemd; Frauen müssen langärmelige Oberteile so mit Hosen oder knöchellangen Röcken kombinieren, dass das Gesäß bedeckt und die Form verhüllt ist. Das kostet Stunden vor dem Spiegel, will man nicht wie ein Müllsack herumlaufen.

Trotzdem reisen so viele Urlauber wie nie in dieses Land, das weiblichen Gästen abverlangt, ein Kopftuch zu tragen, sobald sie das Hotelzimmer verlassen. Im dritten Jahr schon läuft Iran bei deutschen Reiseveranstaltern so gut, dass diese sich schwertun, Hotelbetten zu finden. Der Studienreiseanbieter Gebeco hat sein Angebot verdreifacht. Die Mitbewerber Marco Polo und Studiosus brachten im vergangenen Jahr 1940 Gäste in das Land. Massentourismus ist das nicht, doch viel im Vergleich zu den 741 Interessenten im Jahr 2010. Damals hieß der Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Heute heißt er Hassan Rohani - aber das ist nur ein Grund für den Boom.

"Autokratisches Regime mit freundlichem Antlitz"

Nach wie vor fasziniert der Orient viele Reisende. Vergleichbar vielschichtige Länder dort wie Ägypten oder Syrien fallen krisenbedingt weg. Iran indes bietet weiterhin jene Mischung aus Exotik, Geschichte und Mystik, die schon vor 200 Jahren Johann Wolfgang von Goethe begeisterte, als er, inspiriert vom persischen Dichter Hafis, den West-östlichen Divan schrieb. Wer sich für Religionen interessiert, findet in Iran Juden, Christen, Zarathustrier. Wer geschichtsträchtige Steine mag, kann Inschriften aus achämenidischer und Felsreliefs aus assyrischer Zeit besichtigen. Und der Islam in seiner schiitischen Ausprägung - die Verehrung der Imame, die Gebetssteine, auf die Gläubige ihr Haupt senken - ist selbst Orient-Erfahrenen angenehm fremd.

Natürlich hätte man all das auch vor dem Machtwechsel sehen können. Doch die Lust auf Urlaub vergeht, wenn der Präsident eines Landes dem Westen mit der Atombombe droht und gegen Israel hetzt. Nun ist ein Wandel spürbar, und das belohnt der Reisende, auch wenn ihm nicht ganz wohl dabei ist. Aber Iran wird als auf einem guten Weg befindlich wahrgenommen, als "autokratisches Regime mit freundlichem Antlitz", wie Studiosus-Sprecher Frano Ilic sagt. Rein urlaubstechnisch haben Unterdrückungsregime ja auch einen zynischen Vorteil: Man reist sicher durchs befriedete Land.

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Selten hat es so viele Warnungen des Auswärtigen Amts gegeben wie derzeit. Und selten wurde von so vielen Urlaubszielen abgeraten. Als Gradmesser für die Angst der Touristen gilt ein gebeuteltes Land: Ägypten. Von Jochen Temsch mehr ...

Von dem Ruf, eine gemäßigte Monarchie im Nahen Osten zu sein, profitiert Oman. In Asien ist Myanmar im Aufwind seit der politischen Öffnung. Allerdings wissen Urlauber auch zu strafen. So sinken Länder rasch in der Gunst, wenn sie zunehmend als autoritär empfunden werden. Die Buchungen für Istanbul sind im Zuge der Niederschlagung der Gezi-Park-Proteste zurückgegangen. Indien-Reisen lassen sich seit den Berichten über Gruppenvergewaltigungen schlecht verkaufen. Russland ist seit der Krim-Krise out. Das "freundliche Antlitz", an dem Iran derzeit hart arbeitet, muss es sich erst wieder verdienen.

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