Hindu-Fest Kumbh Mela in Indien Im Menschenfundbüro von Allahabad

Raja Ram Tiwari ist jetzt 86 Jahre alt, sein Körper ist klapprig, er kommt gerade aus dem Krankenhaus. Aber eine Maha Kumbh Mela nicht mitmachen? Sein Lacher geht in Husten über. Nein, nein. Er leitet das Khoya Paya Shivir Camp, "Lost and Found", nennt er es. Es ist das Fundbüro für Menschen. Man braucht ihn hier.

Schon bei seiner ersten Kumbh Mela 1946 hat er gemerkt, dass man einen Ort braucht, an dem sich Menschen finden können. Viele verlieren sich in diesem Gewusel, Alte, Kinder. Es heißt, dass früher Tausende verschwunden sind. Für immer. Also gründete er mit Freunden das Lost-and-Found-Camp. Am Anfang schrien sie die Namen noch durch Blechdosen in die Menge. Damals gab es keine Elektrizität, kein Licht, keine Krankenhäuser, keine 550 Kilometer langen Pipelines, keine 14 Pontonbrücken, um den Ganges zu überqueren, keine 35 000 Toiletten. Raja Ram Tiwari sagt: "Und es gab viel weniger Sadhus."

Es sind so viele Akharas, so viele Heilige. All die Babas, Eremiten, Mahants, Yogis. Die Gorakhnathis mit ihren Ohrringen, die Aghoris, die sich in der Asche der Toten wälzen, die Sakhis mit ihren Frauenkleidern, die Wrestler mit ihren mächtigen Körpern, die Naga Babas, in Asche gekleidet. Und über allem schwebt die Stimme des Mädchens, das die Namen und Adressen der Verlorengegangenen vorliest, Stunde um Stunde. Es ist der Sound der Maha Kumbh Mela. Mehr als eine Million Erwachsene und 20 000 Kinder haben Tiwari und seine Helfer in all den Jahren vereint. Dieses Jahr waren es schon am ersten Tag 6000.

Vor zwölf Jahren haben sich am großen Badetag, dem Tag des Neumonds, 80 000 Menschen verloren. Kein Witz. Der 24. Januar 2001 war der schlimmste Tag im Menschenfundbüro. Und dieses Jahr? Tiwari sagt: "Ach, sie haben jetzt alle Handys."

Ein alter Mann steht vor dem Zelt, er hat seine Frau verloren, Helfer beruhigen ihn. Er war in den vergangenen Tagen oft da. Seine Frau und seine Tochter auch. Er war da, sie waren da. Sie verlieren sich, sie finden sich. Es gibt vieles, was Tiwari nicht mehr versteht, die als Göttinnen verkleideten Bettel-Kinder, die Luxuszelte auf der anderen Flussseite für Touristen und Bollywood-Stars, mit Spa und Terrasse mit Teleskop, um die Heiligen anzuglotzen. Aber wenn er sieht, wie sich Menschen wieder finden, weiß er, warum er da ist.

Draußen auf der Straße breiten die Händler jetzt ihre Tücher aus, Affenknochen für Bettnässer, getrocknete Schlangenhaut gegen Schlangenbisse.

Gleich daneben hängt Kelash Giri sein linkes Knie in die Schlaufe. Menschen starren seinen Aschekörper an, berühren seine Füße, werfen Geld in die Schüssel. "Baba, seit wann stehst du?", fragt einer. "Seit zehn Jahren." Seine Füße haben am Rist eiternde Wunden. Es ist nichts, sagt er. Er und die anderen Naga Babas in seinem Zelt reden über den großen Badetag. Sie wissen, dass sie die Ersten sind. Keiner legt sich mit ihnen an. Sie haben immer gekämpft, gegen rivalisierende Sekten, gegen die Muslime, gegen die Briten. "Wir sind die Verteidiger der Religion." Die Babas nicken. "Die Leute meinen, wir nehmen ihnen ihre Kinder weg." Gelächter.

Die Naga Babas werden auch an diesem Sonntag die Ersten sein. Mitten in der Nacht werden sie an dem für die Heiligen reservierten Teil in den Sangam rennen, Tausende mit Asche beschmierte Nackte. Wie eine Armee aus der Urzeit. Und in den Luxuszelten werden sie durch ihre Teleskope schauen auf die größte Menschenansammlung der Welt. Und froh sein, dass sie auf der anderen Seite des Flusses stehen.