Food-Tour durch Little India London Masala

Früher fuhr niemand aus kulinarischen Gründen an die Themse, heute bietet London bestes Streetfood aus aller Welt. Wird durch den Brexit alles fader werden?

Von Evelyn Pschak

Es riecht gut in Southall. Nach Zimt und Gewürznelken, aber mit pfeffriger Schärfe, die man im Rachen spürt, wenn man tief einatmet. Viele der Menschen, die in dem Stadtteil im Londoner Westen leben, oder aber ihre Vorfahren stammen aus Indien, Bangladesch oder Pakistan. Selbst die Straßenschilder sind zweisprachig, in Englisch und Punjabi. Wer ihnen zum Southall Broadway folgt, drängelt sich bald vorbei an Essens- und Gewürzständen, an säuberlich gefalteten Stapeln aus bunten Seidenstoffen und goldener Spitze, Plastikkörben voller Yamswurzeln, Granatäpfeln und grünen Chilis, an hinduistischen Heiratsvermittlungsbüros und Beauty- Salons.

Little India wird diese Gegend rund um den Southall Broadway genannt, die sich auf ihrer Webseite rühmt, "Kirche, Moschee, Sikh- und Hindutempel in Reichweite" zu haben. Und eben immer auch den Duft von Garam Masala. "Du wirst hier viel riechen", sagt Celia Brooks ihrem Gast gleich zur Begrüßung bei ihrer Food Tour durch Southall.

Die amerikanische Fernsehköchin lebt seit 28 Jahren in London. Ihre vegetarischen Kochbücher sind in zehn Sprachen übersetzt. Sie selbst sieht ihre Ernährungsweise ganz undogmatisch: "Ich bin kein Vegetarier aus moralischer oder politischer Überzeugung, ich mag einfach kein Fleisch." Southall ist sicherlich der richtige Ort für Vegetarismus. Die Restaurants am Broadway werben damit auf ihren Schildern. Und selbst manche Zimmerannonce richtet sich hier ausschließlich an Vegetarier. Von daher passen Little India und seine fleischlose Küche gut zu Celia Brooks. Auch wenn es so etwas wie die indische Küche im Grunde gar nicht gebe, wie die 47-Jährige anmerkt: "Es gibt mehr als eine Milliarde Inder. Will man von der indischen Küche sprechen, wäre das in etwa so, als ob man die europäische Küche unter einen Hut bringen wollte. So viele Unterschiede gibt es."

Die Londoner brüsten sich mit dem besten südasiatischen Essen außerhalb Indiens

Eigentlich kam Brooks während ihres Schauspielstudiums nach London, um Regisseurin zu werden. Aber wie das bei Auslandsstudien eben so ist: "Ich musste Geld verdienen, wo immer ich konnte. Durch Zufall entdeckte ich das Kochen." Und der amerikanische Filmemacher Stanley Kubrick entdeckte bald darauf sie. Leider nicht als Regisseurin, witzelt sie - aber als Privatköchin. Noch heute kocht Brooks hin und wieder für die 84-jährige Witwe von Kubrick. Mit ihrer schillernden Biografie und dem quirligen Temperament passt Celia Brooks genau ins Raster des Londoner Start-up-Unternehmens Side Story.

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Die Plattform bittet "Experten aus der Kreativindustrie", wie man das hier nennt, mit zahlenden Gästen thematische Spaziergänge durch London zu unternehmen: etwa zu Mode, Kunst, Architektur oder Kulinarischem. So führt ein BBC-Fachmann der "Antiques Roadshow" - das ist ein ähnliches Format wie "Kunst & Krempel" des Bayerischen Rundfunks - durch die Antiquitätenläden von Marylebone. Und ein Künstler mit Studio im 31-stöckigen Trellick Tower, einem der höchsten Bauwerke Londons, beschwört auf seiner Tour durch North Kensington die Schönheit brutalistischer Betonbauten. Derzeit sind 32 verschiedene Rundgänge buchbar. Bis Ende 2017 soll es deutlich mehr "experiences" in London geben. Und auch für Ziele in anderen Ländern, etwa Amsterdam, Lissabon, São Paulo und Tokio, werden schon neue Touren geplant.

Seit einem Jahr ist Celia Brooks mit verschiedenen Food-Touren über Side Story buchbar. Little India hält sie für einen guten Ausgangspunkt. Die Londoner brüsten sich sowieso mit dem besten südasiatischen Essen außerhalb von Indien, Bangladesch oder Pakistan, man kann hier sogar zwischen vier indischen Sternerestaurants wählen. Doch für kulinarische Genüsse bucht Celia Brooks nicht einfach einen Tisch in einem Gourmet-Restaurant. Mit ihr testet man eher in einer der kleinen indischen Bäckereien des Southall Broadway knallorangefarbene, klebrige Jalebi, also mit Safran-Zuckersirup überzogene und in erhitzter, geklärter Butter ausgebackene Kichererbsenteigspiralen: "Es ist hauptsächlich Zucker, in Fett frittiert", erklärt Brooks und bricht sich ein großes Stück von der glänzenden Süßigkeit ab. "Also so ziemlich das Ungesündeste, was man sich überhaupt an Essbarem vorstellen kann." Die Amerikanerin reicht ihren Begleitern antibakterielles Handgel, bevor sie selbst nach einer anderen Spezialität greift, den Pani Puri. Die Puri - das sind kleine, mit Kichererbsenstampf und Koriandermus gefüllte Knusperteigbällchen - bekommen obendrauf noch einen Schuss Pani, Tamarindensud. Jedes Bällchen muss im Ganzen in den Mund geschoben werden, wo es knackend platzt.

Wenig später steht Brooks in einem Supermarkt am Southall Broadway und erklärt geduldig Gewürz um Gewürz. Hier, so erinnert sie sich, hatte sie einst als Köchin für die BBC Saturday Kitchen einen Auswärtsdreh zu südasiatischen Gemüsen. "Schaut mal", sagt sie und zieht ein rostrotes Plastiksäckchen hervor, auf dem "Sumak" steht. Eigentlich ist der Färberbaum, auch Gerber-Sumach genannt, in Iran, der Türkei, in Arabien oder Zentralasien zu finden. "Aber hier in London gibt es viele davon, vermutlich erkennt sie nur keiner", sagt Brooks. Aus seinen getrockneten und gemahlenen Steinfrüchten wird das säuerliche Sumak hergestellt, das auch Brooks für Chutneys verwendet.

Noch gibt es hier Spreewaldgurken und Eis aus der Milch walisischer Ziegen

Man merkt es Celia Brooks an, dass sie nicht nur ihren Job liebt, sondern auch das Sprechen darüber. Noch zur warzigsten Karela-Bittergurke weiß die Kochbuchautorin ein Rezept. Das ist sicherlich mit ein Grund, warum sie die einzige Food-Führerin mit offizieller Lizenz für den Borough Market ist. Der Markt ist einer der ältesten Lebensmittelmärkte Londons, er liegt im historischen Stadtteil South Bank, eine halbstündige Taxifahrt von Little India entfernt. "Erst in den letzten 15 Jahren wurde der Borough Market zu dieser exzellenten Food-Adresse, die er heute ist", sagt Brooks. Mitte der Neunzigerjahre habe der Markt noch eher wie das Setting einer Charles-Dickens-Geschichte gewirkt: Der rote Backstein war fast schwarz vor Ruß und die Bahnbögen, unter denen sich Markthallen und offene Stände ausbreiten, bröckelten vor sich hin. Diese neue Wertschätzung des Marktes ist für Brooks Symptom eines größeren Phänomens in der Stadtentwicklung: Früher sei kein Reisender aus kulinarischen Gründen an die Themse gefahren. Dass sich das geändert habe, sei auch das Verdienst der Europäischen Union gewesen, die diese Vielfalt an Waren erst ermöglicht habe.

Der Borough Market ist tatsächlich überraschend international: Bärtige Hipster verkaufen Spreewaldgurken aus Brandenburg. Junge Frauen in flatternden Batikstoffen Eiscreme aus der Milch walisischer Ziegen. Und Marianna Kolokotroni, eine zierliche Griechin mit britischem Pass, verkauft Olivenöl vom Fuße des Taygetos-Gebirges. Die 36-Jährige sagt, sie spüre noch keine besonderen Einschränkungen im Post-Referendums-London: "Ich versuche, positiv zu bleiben und mich der Situation anzupassen", erklärt sie. Im Moment könne sie zudem auf die Kulanz ihrer Lieferanten zählen: "Natürlich ist für uns der Einkauf teurer. Aber meine griechischen Produzenten sind extra mit ihren Preisen runtergegangen. Trotzdem müssen wir bei einigen Produkten schon mehr verlangen." Andererseits kämen derzeit viele Touristen ins Königreich, die mit ihrem erstarkten Euro jetzt gerne einkaufen, was ihnen vorher zu teuer erschien.

"Das wird noch interessant, in wie weit sich mit dem Brexit die kulinarische Fülle im Allgemeinen und der Borough Market im Besonderen verändert", sagt auch Celia Brooks: "Wird es den Händlern zu teuer werden, ihre exquisiten Waren zu importieren? Müssen sie ihre Stände schließen, weil es der Kundschaft zu teuer wird?" Manchmal hängt sie solchen pessimistischen Gedanken nach. Dann fängt sie sich wieder: "Großbritannien basiert auf seiner kulturellen Vielfalt, sie ist der Grund, warum aus London überhaupt so eine großartige Stadt wurde." Die Food-Führerin zuckt ein wenig ratlos mit den Schultern: "Aber es werden sich wohl Dinge ändern", sagt sie seufzend. "Ich wünschte, ich hätte eine Kristallkugel!"

Die hier beschriebene dreistündige Food-Tour mit Celia Brooks kostet ca. 115 Euro pro Person; andere Themen-Spaziergänge durch London ab 59 Euro, www.sidestory.co. Weitere Informationen zu Großbritannien: www.visitbritain.com; Übernachtung in London: Mandeville Hotel, DZ ab 240 Euro, www.mandeville.co.uk

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