Digital reisen Küchentischsegeln, bis man fast vom Stuhl fällt

Zyklone, Haie, Tränen einer jungen Frau: Unser Autor unternimmt gerade eine aufregende Weltreise auf der Yacht Delos. Dabei sitzt er doch eigentlich nur zu Hause an seinem Laptop.

Von Karl Forster

Der Nachtsegler ist wieder unterwegs. Wohin soll's heute gehen? Vielleicht mit dem Volvo-Ocean-Race rund um Kap Hoorn; mit der Chronos von der Karibik nach Portugal; oder mit einer der J-Yachten, den Königinnen der Segelwelt, nach St. Barth zum Bucket Race, wo Milliardäre Kapitän spielen. Der Nachtsegler scrollt die Liste rauf und runter. Und bleibt hängen bei einem Bild: Hand hält Bierdose, im Hintergrund eine Segelyacht. Darüber steht: "Made possible by you! Support us at SV Delos / buy-us-a-beer." Kauf uns ein Bier?

Der Nachtsegler klickt auf die Website der Sailing Vessel Delos. Eine, wie sich zeigen sollte, folgenreiche Entscheidung. Denn er wird, nicht nur des Bieres wegen nun über Tage und Monate zu einem virtuellen Passagier auf dieser Yacht, zu einem Mitsegler über die Ozeane der Welt. Er wird mit Skipper Brian schwitzen, wenn der die Selbststeueranlage repariert, er wird mit Brady, dessen jüngerem Bruder, weinen, wenn Josje in Madagaskar das Schiff verlässt, und er wird, wie Karin bei der nächtlichen Ruderwache, die haushohen Wellen beim Sturm vor Madagaskar ausreiten, bis er fast vom Stuhl fällt. Denn er sitzt ja auf festem Hosenboden zu Hause, in der Küche, vor dem Laptop. Von dort aus wird der Nachtsegler mit der Delos die Welt umsegeln. Youtube macht's möglich.

Auf engstem Raum zu siebt wochenlang an Bord: Geht man sich dabei nicht auf die Nerven?

Er wird dabei erleben, wie ein junger Geschäftsmann aus Seattle lernt, das Wasser zu lieben; was es bedeutet, nur vom Wind getrieben Tausende Meilen vorwärts zu kommen, fremde Menschen in fremden Ländern als Freunde zu gewinnen, auf engstem Raum mit oft sechs anderen Menschen Tage und Wochen durch die Wasserwüsten der Erde zu gleiten - und sich dabei nicht auf die Nerven zu gehen. Und er wird lernen, wie man von diesem Abenteuer leben kann.

Die Reise um den Globus startet am 27. März 2010 in La Cruz, Mexico, südlich der Baja California. Um 4.56 Uhr post meridiem macht die Delos die Leinen los mit Kurs Neuseeland, über die Insel Hiva Oa in der Marquesas-Gruppe und mit einem Stopp vor der unbewohnten Vulkaninsel San Benedicto zum Tauchen. Aber eigentlich beginnt das Abenteuer schon ein paar Jahre vor diesem 27. März. Brian Trautman, geboren und aufgewachsen in Flagstaff, Arizona, hatte in Seattle sein Ingenieurstudium abgeschlossen, eine kurze Zeit bei Microsoft gearbeitet und sich dann mit einer Softwarefirma selbständig gemacht. Einer seiner Brüder fragte ihn einmal, warum er noch kein Segelboot besitze für einen der vielen Seen hier oben. Also kaufte Brian ein Boot. Was Kleines nur, eine Catalina 22, ungefähr siebeneinhalb Meter lang. Doch dann fiel ihm ein Buch in die Hände mit dem Titel "How to cross an ocean with your own boat".

Sein "own boat" heißt Delos. Ein perfektes Fahrtenschiff vom Typ Super Maramu aus der renommierten Werft Amel in La Rochelle an der französischen Atlantikküste. 53 Fuß lang, das sind in etwa 16 Meter, überdachtes Mittelcockpit, bis zu sieben Schlafplätze, geräumiger Salon, kochfreundliche Pantry, Kompressor für Tauchflaschen. Keine Rennmaschine, eher eine schwimmende Wohnung mit zwei Masten und deswegen perfekten Segeleigenschaften bei allen Winden. Auch bei Sturm. Brian erinnert sich, wie das Boot zu rufen scheint: "Nimm mich mit über den Ozean!" Spätestens jetzt kommt der Nachtsegler ins Grübeln darüber, ob er nicht doch etwas falsch gemacht hat in seinem Leben. Denn die Reise der Delos steht für mehr als nur die paar Tausend Meilen nach Neuseeland und weiter. Sie steht für eine große Entscheidung raus aus dem "Nine to five"-Rattenrennen.

Brian zeigt in den Videos gerne ein Foto von damals: ein sehr rundes, etwas teigiges Gesicht mit Nerdbrille, ein Businessanzug, in der Hand einen Cocktail, der nach wenig Geschmack aussieht. Wie kommt Brian Trautman dagegen heute, 42 Jahre alt, beim Abspann auf seinen Youtube-Episoden daher, wenn er voller Lust, mit mächtigem Bart und blitzenden Augen sein jetziges Leben skizziert: "You like it? I like it at all!" Und dann ploppen die Ikons von Instagram, Facebook und Youtube auf: Verbindungen zum Leben jenseits der Meere.

Die Fahrt nach Neuseeland verlief offenbar ganz angenehm. 2700 Seemeilen in knapp 30 Tagen. Und eine Erkenntnis: "There was no way I could stop now ..." Das notierte Brian in einem seiner ersten Blogs. Dazu kam ein weiteres Hindernis, das Abenteuer zu beenden: In einer Hafenkneipe kam Brian mit einer Schwedin namens Karin ins Reden und lud sie zu einem Tagestrip auf die Delos ein. Brady traf auf ähnliche Weise die Neuseeländerin Josje, die Urlaub machte mit ihrem Onkel auf einem Segelboot. Josje blieb vier Jahre auf der Delos, Karin lebt noch heute auf dem Schiff und sagt auch in der Episode 168, also etwa acht Jahre und 40 000 Meilen später über Brian: "He is the love of my life."

Anfangs sind die Filme noch etwas pixelig. Mittlerweile hat die Crew aufgerüstet

Der Nachtsegler hat sich vorgenommen, hintereinander nicht mehr als drei der etwa jeweils halbstündigen Youtube-Episoden anzuschauen, wie bei einem sehr guten Buch, von dem man möchte, dass es nie zu Ende geht. Er arbeitet sich so durch die acht Jahre an die Gegenwart heran. Er ist dabei, als die Delos nach vielen Monaten Pause in Australien die Leinen losmacht Richtung Philippinen und Malaysia. Und er stellt fest, dass die Filme nun, nach den eher pixeligen und etwas ungelenk geschnittenen Beiträgen der ersten Tour, deutlich besser sind was Bildqualität, Schnitt und Dramaturgie betrifft. Man hat aufgerüstet, denn schon die ersten Youtube-Filmchen bekamen so viele Klicks, dass Brian, mit dem Internetbusiness von früher her vertraut, daran ging, die Filmerei zu einem Standbein der Delos-Reise auszubauen. Von nun an wurde, die Go-Pro-Kameras waren da schon auf dem Markt, gefilmt, was auch passierte, mit immer mehr Geschick geschnitten und komponiert, mit Musik unterlegt, mit Zeichnungen angereichert und zwischendurch mit Delos-typischem Bordleben garniert. Und bald schon überschritten die Klickzahlen die Grenze in den sechsstelligen Bereich. Die Geschichte der Delos, sie ist nun ein kommerzieller Erfolg.

Brian, Brady, Karin, der Nachtsegler lernt sie immer besser kennen. Sie haben zwar nicht jeglicher Zivilisation entsagt, davon zeugen fünf Computer, dazu Laptops, digitale Wetterinfos und sogar eine Filmleinwand an Bord. Entsagt haben sie aber dem Zeitschema, dem Rhythmus nach Stunden, Tagen, Monaten. Einzig die meteorologischen Weltströmungen bestimmen Zeit und Ziel, der Monsun im Indischen Ozean, die Zyklone um Australien, die Monsterseen vor Südafrika, und nun die Hurrikans der Karibik, wo sich die Delos aktuell befindet. Irgendwann wird Brian sagen: "Es ist schon erstaunlich, mit wie wenigen Dingen des Lebens es einem so gut gehen kann." Brady wird nicken und ein bisschen lachen, wie er es so gerne tut. Und Karin schaut dann zwar etwas streng. Aber als der Nachtsegler eines Tages nach Graz fährt, um Lisa Hopf zu treffen und ganz real und ohne Bildschirm mit jemanden zu reden, der acht Monate auf der Delos verbracht hat, wird ihm diese junge Österreicherin, die von Kapstadt bis Brasilien an Bord war, von Karin als einer "wirklichen Freundin" schwärmen, die sie so sehr vermisse, "denn sie war ganz, ganz nah an meinem Herzen".

Aber es ist nicht nur die Sehnsucht nach Sonne und Meer, die den Nachtsegler und seine vielen Hunderttausend Klickkollegen an die Delos und ihre Crew fesselt. Da sind auch der Youtube-Erfolg und insbesondere die positiven Reaktionen auf die Crowdfunding-Aktionen mit "Buy us a beer" und einem ausgeklügelten Patensystem (ein paar Gimmicks von der Delos für Spenden von einem Dollar aufwärts), die der "Konkurrenz" nicht verborgen blieben. Es gibt mittlerweile viele Nachahmer, Segelnomaden, die ihre Geschichten heute so ähnlich erzählen wie die Delos-Crew. Und doch, sagt der Nachtsegler, kommt keiner der Qualität der Delos-Filmchen nahe. Vielleicht liegt es daran, dass, wie Lisa aus Graz erzählt, trotz der Kamera jeder so ist wie auch ohne Kamera. "Da gibt es kein Drehbuch, nichts wird gestellt. Es kann nur sein, dass man merkt: Halt, da, bei dem Tauchgang vor Ascension kommt es nicht rüber, wie gefährlich der Sog aus der Höhle war, das musste dann einer noch mal kurz nacherzählen."

Die Gefühle sind echt. Nach dieser Folge braucht es erstmal einen Grappa

In den besten Momenten erreichen manche der Youtube-Episoden die Qualität professioneller Filme. Die Gewalt des Sturmes vor Madagaskar (93), der letzte Segeltag vor Brasilien (168), die Tauchgänge mit den Haien. Des Nachtseglers Liebling ist die Folge 90 mit der Rubrik: "It's not all sunshine and rainbows". Hier sagt Josje, es sind noch gut tausend Meilen bis Madagaskar, Adieu zur Delos, Adieu zum Leben auf dem Meer, Adieu zur großen Liebe Brady. Mit 18 ist sie auf das Schiff gekommen, mit 22 verlässt sie es, um zurückzugehen nach Neuseeland, "um meinen eigenen Weg ins Leben zu suchen". Josje spricht das in die Kamera, sie ist ganz alleine dabei. Sie erinnert in diesen langen Minuten an eine der großen Szenen der Filmgeschichte: an Nastassja Kinski in "Paris, Texas". Nur, dass hier nicht der Schauspieler Harry Dean Stanton seine Lebensgeschichte als Travis erzählt und die Schauspielerin Nastassja Kinski als Travis Frau Jane sich ab und zu räuspert und mit belegter Stimme sagt: "Yes, I know that feeling." Nein, hier spricht eine junge Frau über sich und schluchzt dabei unter Tränen diese Zerrissenheit zwischen einem sorglosen Leben und der Sorge über die eigene Zukunft in die Welt. Diese Episode hat 280 138 Aufrufe. Der Nachtsegler braucht danach einen doppelten Grappa.

Er wäre gerne oft ganz real an Bord der Delos gewesen. Bei einem der grandiosen Tauchgänge vor menschenleeren Atollen, beim Brauen von Original-Delos-Whisky, bei der 2300-Meilen-Passage nach Brasilien. Nur an dem Tag, an dem die Toilette explodierte und die Holdingtanks sich ins Innere ergossen, da war er doch froh, dies nur nachts am Küchentisch vor dem Bildschirm zu erleben.

"Wir lieben die Freiheit, aber sie kostet Kraft"

Drei Jahre reisten Gwen Weisser und Patrick Allgaier um die Welt. Sie schliefen in Zelten, trampten und bekamen ein Kind. Eine Geschichte darüber, was passiert, wenn man sich selbst folgt - und warum es sich lohnt, Fremden zu vertrauen. Von Josef Kelnberger mehr...