Tourismusboom in Deutschland Warum Urlaub in Deutschland immer beliebter wird

Wanderurlauber im Schwarzwald - nicht nur hier entwickelt sich der Tourismus bestens.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Die Angst vor Anschlägen in anderen Urlaubsregionen ist nur ein Grund.

Von Hans Gasser

Holzdielen statt Linoleum, Massivholzstühle statt gepolsterter Eckbank. Und die Kuckucksuhr hängt nur noch als Zitat in Form einer Laubsägearbeit an der Wand. Wer ein "Kuckucksnest" im Hochschwarzwald gemietet hat, der wohnt in einer modernen, aber trotzdem gemütlichen Ferienwohnung, die es mit dem Holz-Filz-Stein-Chic vieler Alpenhotels durchaus aufnehmen kann. 13 solche Apartments gibt es bis jetzt, sie wurden in den vergangenen zwei Jahren von Hochschwarzwald-Tourismus saniert und eingerichtet, obwohl sie verschiedene private Eigentümer haben.

Die Idee dahinter: Weil die Touristenzahlen im Schwarzwald kontinuierlich steigen, in veralteten Ferienwohnungen aber niemand wohnen will, übernimmt die Tourismus-GmbH die Sanierung und die Vermarktung. Die Vermieter bekommen dafür nur noch einen Teil der Mieteinnahmen, was aber deutlich mehr ist als vorher, da die "Kuckucksnester" im Schnitt an 210 Tagen im Jahr belegt sind.

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Das Projekt steht exemplarisch für eine nun schon mehrere Jahre anhaltende Entwicklung im Deutschlandtourismus. Viele Regionen haben erkannt, dass sie in Qualität investieren müssen, um auf dem internationalen Tourismus-Markt mitzuhalten. Und es zahlt sich aus: Die Gäste- und Übernachtungszahlen in Deutschland steigen seit Jahren. 272 Millionen Übernachtungen waren es laut Hotelverband Deutschland (IHA) 2015 in der Hotellerie, das sind 3,4 Prozent mehr als 2014. Besonders stark, um 5,4 Prozent, nahm laut der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) die Zahl der Übernachtungen von ausländischen Gästen zu, in den ersten zwei Monaten dieses Jahres lagen deren Buchungen sogar sechs Prozent über dem Vorjahr.

Vor allem kommen immer mehr ausländische Gäste nach Deutschland

Am wichtigsten für den Deutschland-Tourismus sind aber die Deutschen selbst. Für sie ist Deutschland das wichtigste Reiseland, noch weit vor Spanien, Italien oder Frankreich. Und im kommenden Sommer erwarten manche Experten einen noch stärkeren Trend zum Urlaub im eigenen Land. Zum einen sei die "gefühlte Sicherheit" zu Hause besonders hoch, sagt Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, die das Freizeit- und Urlaubsverhalten der Deutschen erforscht. "Zum anderen reisen die Menschen immer öfter, aber auch immer kürzer, was Deutschland natürlich zugutekommt."Auch die zunehmende Zahl an älteren Menschen ziehe oft Urlaub im eigenen Land vor, weil auch die touristische Infrastruktur sich gut entwickelt habe und das Preis-Leistungsverhältnis oft stimme.

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In diesem Sommer könnte aber noch ein weiterer Faktor dazukommen: Wegen der Terroranschläge in der Türkei und der unsicheren Lage in Ägypten und Tunesien schauen sich viele Menschen nach neuen Zielen um. Spanien mit den Balearen und Kanaren sowie Portugal und Italien werden in der Hauptsaison aus allen Nähten platzen, das verkünden jetzt schon Reiseveranstalter wie Tui oder Thomas Cook. Aber auch Deutschland wird sein Stück vom Kuchen abkriegen. Man habe bei den Buchungen ordentliche Zuwächse für die deutschen Ziele, sagt Tui-Sprecherin Susanne Stünckel. Besonders Mecklenburg-Vorpommern mit den Ostseestränden und der Seenplatte sei beliebt, gleich danach komme Bayern.

Man habe in diesen Regionen die Hotelbetten-Kapazitäten aufgestockt, so Stünckel, aber nicht vorrangig wegen der Sicherheitslage am Mittelmeer. "Urlauber, die in eine Warmwasser-Destination wie die Türkei oder Tunesien wollten, schwenken eher selten auf Ostsee oder Nordsee um - die zieht es eher vom östlichen ans westliche Mittelmeer." Dieser Meinung ist auch Martin Lohmann, wissenschaftlicher Berater der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), die seit Jahrzehnten das Reiseverhalten der Deutschen untersucht. "Badeziele sind relativ gut austauschbar", so Lohmann, "Hauptsache Sonne und Strand, egal, ob das in Tunesien oder Mallorca ist." Der Andrang für Urlaub in Spanien oder Portugal sei von den Reiseveranstaltern gesteuert: "Die haben in diesen Ländern einfach große Hotel-Kapazitäten, die sie den Pauschalurlaubern anbieten."

Deutsche Urlauber fahren am liebsten nach Bayern und an die Ostsee

In Deutschland sind die Kapazitäten erstens kleiner und zweitens organisierten die meisten ihre Reise hier selbst, ohne Veranstalter, so Lohmann. "Wir glauben, dass es ein Plus an Deutschlandurlaubern geben wird, aber nicht wegen der Sicherheit, sondern weil es generell beliebt ist", so Lohmann. Laut FUR verbringen die Deutschen etwa 30 Prozent ihrer Haupturlaubsreisen im eigenen Land; nach Spanien, dem beliebtesten Auslandsziel, reisten 2015 etwa 13 Prozent. Deutschland ist und bleibt das beliebteste Reiseland der Deutschen, bei den Kurzreisen unter fünf Tagen Dauer sind es laut FUR sogar 75 Prozent aller Urlaube. Am meisten Reisen führen nach Bayern, dicht gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern.

Dort erwartet man einen Rekordsommer. 30 Prozent mehr Buchungen habe es im Januar und Februar gegeben, sagt Tobias Woitendorf, Pressesprecher des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt rechnet er mit drei bis fünf Prozent mehr Übernachtungen. "Unsere Kapazitäten sind begrenzt." Es würden nun auch die Hotels in 3. und 4. Reihe zum Strand gebucht. Dass die Zuwächse großteils vom Sicherheitsbedürfnis her kommen, hofft er nicht. "Denn solche Gäste sind auch schnell wieder weg im nächsten Jahr."

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