Arco am Gardasee Es war einmal ein Paradies

Stadt am Limit: Was passiert, wenn ein verschlafenes italienisches Nest ins Visier der Freizeitsportler rückt.

Von Michael Bitala

Könnte man die Zeit zurückdrehen, fünf, sechs Jahre vielleicht, dann würde man genießen und den Mund halten.

Man würde in diesen norditalienischen Ort fahren, sich auf die Piazza setzen, am besten ins Straßencafé "Conti d'Arco" direkt neben der Kirche, einen Cappuccino trinken und den Einheimischen ein bisschen zusehen, den schwarzgekleideten Großmüttern zum Beispiel, die vor dem Zeitungsladen palavern, den Dorfschönheiten, die übers Pflaster stöckeln, und den gegelten Halbstarken, die mit ihren auffrisierten Rollern Runde um Runde ums Gotteshaus knattern.

Das würde man machen und dann beglückt wieder nach Hause fahren und schweigen - auf dass niemand dieses kleine Paradies entdeckt.

Aber dafür ist es wie gesagt zu spät.

Kommt man heute nach Arco, dann herrscht selbst unter der Woche Hochbetrieb. Im Minutentakt radeln Touristengruppen über den Kirchplatz, viele auf Titan-Rennrädern oder Carbon-Mountainbikes und allesamt in knallengen Sportanzügen. Im Straßencafé kämpfen zwei fahrradbehelmte Kleinfamilien um den einzigen Tisch, der gerade frei wird: Eine Stuttgarter Klettergruppe bricht auf zum "Muro dell'Asino", dem Eselsfelsen, um nach dem Mittagessen "ein paar Seillängen zu stemmen".

Sie alle haben noch den Schweiß und das Magnesia vom Vormittag an den Fingern kleben und die Karabiner an den Hüften baumeln. An einem anderen Tisch voller leicht ergrauter Mountainbiker geht es um Muskelabbau bei Maximalpuls, Laktatwerte und optimale Fettverbrennung.

Ende der Ruhe

Das Städtchen Arco, ein paar Kilometer vom Nordufer des Gardasees entfernt, war einmal ein Geheimtipp, einer derjenigen Orte also, nach denen deutsche Urlauber die ganze Welt absuchen.

Wer Arco vor der Jahrtausendwende kannte, musste nicht an die nicaraguanische Pazifikküste oder ins Dahlak-Archipel vor Eritrea, um von keinem anderen deutschen Urlauber gestört zu werden. In Arco traf man höchstens ein paar Kletterer, aber die hingen die meiste Zeit im Fels und waren ebenso darauf bedacht, dass ihr kleines Paradies nicht dem Massentourismus anheimfällt.

Alles vorbei. Heute ist Arco eines der beliebtesten Ausflugsziele am Gardasee und ein Beispiel dafür, wie unvorhergesehen und vor allem wie radikal eine plötzlich hereinbrechende Modewelle einen Ort umkrempeln kann.

Mehrere Zehntausend Besucher, der größte Teil davon aus Deutschland, fallen jedes Wochenende in das Städtchen ein, so dass selbst diejenigen der 15.000 Einwohner, die von den Besuchern leben, irritiert sind.

Seit in Deutschland nämlich das sogenannte Indoor-Climbing populär geworden ist, seit in nahezu jeder mittelgroßen Stadt eine Kletterhalle steht, wird Arco von den Hobby-Climbern gestürmt. "Früher ging man in die Berge, ums Klettern zu lernen", sagt Hans Martin Götz, "heute gehen die Menschen zuerst in die Halle und dann nach Arco, um zum ersten Mal auf einem echten Felsen zu stehen."

Der 54-Jährige, der seit 1990 hier lebt und zwei Häuser mit Ferienwohnungen betreibt, erklärt auch, warum es gerade Arco sein muss: 2500 Kletterrouten, mediterranes Flair und vor allem das Wetter. "In Garmisch hast du pro Jahr 65 Sonnentage, in Arco 300." An den Südhängen sei es oft schon im Januar so warm, dass man oben ohne klettern kann.

Der perfekte Ego-Trip

Götz weiß, wovon er spricht, er ist selbst Kletterer, ein ziemlich bekannter sogar. In der Szene wird er "der Pater" genannt, weil er einst Theologie studierte, dann aber doch lieber Geschäftsmann wurde und die amerikanische Bergsport-Firma Patagonia nach Europa brachte.

Klettern ist für ihn "der perfekte Ego-Trip", denn wenn man am Felsen hänge, konzentriere man sich nur noch auf den nächsten Griff, auf den nächsten Schritt - "da denkst du nicht mehr an deine Familie, deinen Job, deine Schulden. Da geht's nur um dich und deine Wand".

Zwar ist Arco schon seit den Achtzigern der Treff der internationalen Kletterszene, doch diese war lange Zeit so klein, dass der Ort nicht aus dem Schatten des Gardasee-Tourismus herauskam. Bis zur Jahrtausendwende blieb es ein ziemlich verschlafenes Städtchen, mit heruntergekommenen Fassaden, wenigen Herbergen und noch weniger Straßencafés.

Arcos Problem war, dass es fünf Kilometer vom See entfernt liegt und somit für all diejenigen indiskutabel war, die freitagnachmittags in Rosenheim oder Taufkirchen den Kasten Bier in den Kofferraum hievten und das Surfbrett aufs Dach, um danach Richtung Zeltplatz Torbole zu rasen.