Architektur in England Wer sagt, dass Ferienhäuser langweilig sind?

Die Unterkünfte, die Alain de Botton in England von bekannten Architekten errichten lässt, sollen glücklich machen. Beim Bau kosten sie erst einmal Nerven - schließlich sind hier Genies am Werk.

Von Evelyn Pschak

Ein Ferienhaus zu bauen, das vielen gefällt, ist eine schwierige Aufgabe. Ein das Leben verbesserndes Ferienhaus zu bauen, und das noch dazu mit bekannten Architekten, tja, wie könnte man diese Herausforderung umschreiben? Vermutlich treffen die Worte Alain de Bottons es ganz gut: "Es ist Qual und Freude zugleich."

Der 47-jährige Alain de Botton ist der kreative Kopf der 2010 ins Leben gerufenen britischen Stiftung Living Architecture, die in Großbritannien bereits sieben Ferienhäuser mit solchen "Starchitects" wie John Pawson oder David Kohn realisieren konnte. Das achte, geplant vom Pritzker-Preisträger Peter Zumthor, hätte im Dezember im Südwesten des Landes eröffnet werden sollen. Inzwischen gehen die Verantwortlichen allerdings von einer Einweihung 2018 aus. Wie sagte de Botton: "Es ist eine Freude, so zu arbeiten, weil diese Menschen oft kreative Genies sind. Und eine Qual, weil wir diese Genies an schrecklich langweilige Dinge erinnern müssen wie den Kostenplan oder Stauraum für die T-Shirts unserer Kunden."

Den Schweizer Philosophen de Botton, der seinen Lebensmittelpunkt in London hat, kennt man in Deutschland vor allem als Begründer der School of Life, einer Schule des guten Lebens. Nun, da der Schriftsteller auch Bauherr ist, will er die Feriengäste in gutem architektonischen Geschmack unterweisen. Was für de Botton vor allem bedeutet: keine Cottages, keine Fachwerkhäuser, keine nostalgischen Niedlichkeiten. In den Ferienhäusern von Living Architecture in Kent, Suffolk oder Wales gilt: Sie haben offene Sichtachsen, keine verschachtelten Grundrisse. Es gibt Glasfronten, die bis zum Boden reichen, keine Efeu-umwachsenen Sprossenfenster.

Und wo sich andernorts der Putz vergangener Jahrhunderte über das Mauerwerk legt, wird hier auf klare Erkennbarkeit von Struktur und Materialien Wert gelegt. Wobei der Philosoph eine Verklärung der Vergangenheit, die sich auch am Bau ausdrückt, schon nachvollziehen kann: "Natürlich fürchten wir uns vor dem Morgen, denn es kann sein, dass wir morgen sterben. Die Vergangenheit ist hingegen sicher: Das ist die Zeit, in der wir entweder noch nicht geboren waren oder nicht starben."

Die Häuser sollen Toleranz und Offenheit symbolisieren - schwierig in diesen Zeiten

Living Architecture soll nun sentimental unterfütterte Wohngewohnheiten aufbrechen. Schon 2008 untertitelte Alain de Botton in seinem Architektur-Glücksratgeber die Fotografie eines offen arrangierten Wohnraums mit weiten Fluchten: "Ein ausbalanciertes Gebäude als Versprechen auf ein ausbalanciertes Leben".

Umgesetzt hat de Botton dies 2010 mit der Balancing Barn, der "Balancierenden Scheune". Der lang gestreckte Bau, entworfen von dem niederländischen Architekturbüro MVRDV, steht am Ende einer Kirschapfelallee an einem Weiher in einem Naturschutzgebiet in Suffolk. Von vorn betrachtet wirkt das geduckte Gebäude tatsächlich so unaufgeregt und einfach wie der Anhang eines Hofes. Doch wer versucht, die "Scheune" zu umrunden, wird scheitern: Sie ist nur zur einen Hälfte im Boden verankert. Die andere Hälfte ragt in die Luft.