Zweiter Weltkrieg Wie Russen die Schlacht von Stalingrad erlebten

Rotarmisten in Stalingrad 1942

(Foto: Scherl)

Siegen für die Partei: Enorm trieb der Kommunismus die Russen dazu an, Hitlers Wehrmacht zu bekämpfen - das zeigen Zeitzeugenberichte von Sowjets, die Stalingrad überlebt haben. Sie flohen von einem Kellerloch ins nächste und hielten erbittert dagegen, bis sie die "Fritzens" überwunden hatten.

Von Jörg R. Mettke

Das Buch verschlug der Sprecherin des russischen TV-Kanals Westi fast die Sprache: Ein deutscher Historiker in den USA habe es veröffentlicht, rechtzeitig zum siebzigsten Jahrestag der Schlacht von Stalingrad, auf "heißen Spuren" bislang "unbekannten, in Russland gefundenen Materials".

Andere Medien der ehemaligen Sowjetunion zeigten sich über die News aus der eigenen, gut vergessenen Vergangenheit ähnlich verwundert - die Komsomolskaja Prawda in Kiew etwa über den Parteieintritt von 25.000 Menschen während heftigster Kämpfe von August bis Oktober 1942 und das Anwachsen der KPdSU in der Stadt auf 53.500 Mitglieder.

Diese Verwunderung mag Jochen Hellbeck, 46, den an der Rutgers-Staatsuniversität von New Jersey lehrenden Autor, besonders freuen. Denn seine "Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht" verkünden sieben Jahrzehnte nach dem Ereignis als zentrale Botschaft: Der Partei, ihrem politischen Apparat, ihren Kommissaren sei es eigentlich zu danken, dass die Sowjetunion in Stalingrad und im "Großen Vaterländischen Krieg" siegreich war: Die westliche Forschung habe "die mobilisierende Rolle der Partei in der Roten Armee bislang nicht zur Kenntnis genommen".

Obwohl dieses Verdikt in seiner Absolutheit falsch ist, mag es dennoch nicht ganz falsch sein, in Regionen des massiv nachwirkenden, weil jahrzehntelang mit großer Kelle ausgeteilten Antikommunismus gelegentlich daran zu erinnern, dass die sowjetische Staatspartei in bestimmten historischen Momenten durchaus mehr war als nur ein Verein von Karrieristen, Polit-Kriminellen oder Kader-Bürokraten.

Blick auf die Narben der anderen

Der Nutzen von Hellbecks Veröffentlichung jedoch geht über dieses Memento weit hinaus: Er liegt jenseits runder Jahrestage und Jubiläumsdaten vor allem in dem auf rund 250 Seiten vermittelten Originalton sowjetischer Soldaten, Offiziere, kommunaler Bediensteter, Stadtbewohner, Parteiarbeiter in Stalingrad, festgehalten noch während der Kämpfe im Januar und kurz danach bis zum März 1943. Wie kaum ein anderes Buch in den letzten Jahren erlaubt, ja erzwingt es einen Blick auf die Narben der anderen, der während der Lektüre kaum wieder abzuwenden ist.

In gewisser Weise liefert das Buch damit ein Kontrastprogramm zur derzeit im Neuen Museum zu Berlin gezeigten Ausstellung "Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur", die den Krieg auf fünf blühende Landschaften ehemaliger Schlachtfelder reduziert.

Das Leid der Soldaten, im Krieg, in Gefangenschaft und danach, wird hier an den Rand der Erinnerung gedrängt: Aus dem Blickwinkel jener, die Geschichte stets eher erleiden als erleben, nimmt sich diese Ausstellung in all ihrer Prächtigkeit eher jämmerlich vergesslich aus. Doch vielleicht sollen dort, wo das Energieunternehmen Eon finanziell für rechte Beleuchtung sorgt, nur die gesehen werden, die noch stets im Lichte standen.

Aber auch bei medialer Geschichtsverwertung, die wie gehabt Kämpfen und Sterben der 6. Armee bis zur letzten Patrone und bis zum letzten aus dem Stalingrader Kessel gerade noch Ausgeflogenen nachgestellt hat, kann es überaus heilsam sein, über ein Menschenalter hinweg in Hellbecks Buch den Bericht der Küchenarbeiterin Agrafena Posdnajkowa zu lesen: wie sie mit ihrem kranken Kind von einem Kellerloch ins nächste flieht, immer wieder von der Front überrollt wird, wie ihr ausgehungerte deutsche Landser das letzte Pfund Weizen wegnehmen und ebenso hungrige Rotarmisten das letzte Stück Brot.

Oder wie Unterleutnant Ilja Bryssin am 28. Oktober 1942 eine schier aussichtslose Position verteidigt, 20 Meter vor dem Feind und 20 Meter hinter der Wolga. Wie alle Normen menschlichen Verkehrs allmählich aufgehoben werden, man den Gegner belauert, ihn hinter einer Ziegelwand atmen hört, ihn ersticht, erschießt, erdrosselt, in die Luft sprengt, um anschließend den Proviant des "Fritzen", seine Waffen, seine Briefe und Dokumente, ja seine Leiche als Trophäen zu nehmen.