Zweiter Weltkrieg So wurde Lidice zum Symbol der Grausamkeit

Lidice am 10. Juni 1942: Deutsche Soldaten posieren vor einem Haus, das sie angezündet haben.

(Foto: dpa)

Vor 75 Jahren löschten die Deutschen das tschechische Dorf Lidice aus, erschossen die Männer, vergasten die meisten Kinder und steckten die Frauen ins KZ. Jaroslava Skleničková ist eine der wenigen Überlebenden. Eine Begegnung.

Von Oliver Das Gupta, Prag/Lidice

Das monströse Verbrechen beginnt mit Höflichkeit. Als der Morgen noch dunkel über Lidice liegt, klopfen drei Männer an der Haustüre der Familie Suchánková.

Es sind Deutsche, einfache Soldaten, einer spricht Tschechisch. Freundlich trägt er der Familie seine Bitte vor: Kleidung zusammenpacken für zwei Tage, etwas zu essen dazu. Wertgegenstände mitnehmen, Schmuck und Gold, sagt der Soldat, auch das Geld, das in Büchern versteckt ist. Und was wird mit unserem Vieh?, fragt die Mutter. Keine Sorge, sagt der Deutsche, wir kümmern uns darum.

Alles geschieht unaufgeregt, leise, die Deutschen wirken respektvoll. Als die Familie aus dem Haus geht, bleibt der Vater mit seiner Tochter Jaroslava kurz stehen. Der groß gewachsene Küchenchef, der im nahen Prag für die bessere Gesellschaft kocht, ahnt, was passiert. "Geb's Gott, dass wir uns noch mal sehen, Jaří", sagt er und küsst seine Tochter. Jaroslava versteht nicht, was der Vater meint. Wir sind doch in zwei Tagen zurück, denkt sie.

Wenige Minuten später, auf dem Dorfplatz, trennen die Deutschen die Männer von den Frauen und Kindern. "Naiv", sagt die Greisin heute über das 16-jährige Mädchen, das sie damals war, und schaut aus ihren alten, wachen Augen: "Ich bin so naiv gewesen."

Ein paar hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem sie ihr Vater geherzt hat, lebt die alte Frau heute. In ihrem Garten blüht ein Apfelbäumchen, die Luft ist schwanger vom Fliederduft, Spatzen zwitschern aufgeregt. "Um den Garten kann ich mich nicht mehr kümmern", sagt Jaroslava Skleničková, geborene Suchánková, "ich habe mehrere Hüftoperationen hinter mir."

Jaroslava und ihre Schwester Mila sind die letzten Zeitzeuginnen, die vom Unheil erzählen können, das in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 über ihr Dorf kam: Damals geschah die Vernichtung von Lidice, eines der bekanntesten Einzelverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Die Gedenkstätte nennt eine Gesamtzahl von 340 Todesopfern.

"Sie hätten mich erschossen, wenn ich ein Junge gewesen wäre"

173 Männer wurden von den Deutschen sofort ermordet, darunter Jaroslavas Vater. Manche der Ermordeten waren erst 15 Jahre alt. "Sie hätten mich erschossen, wenn ich ein Junge gewesen wäre", sagt Skleničková. Zusammen mit den anderen Frauen wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück geschafft.

Vorher hat man den Frauen die Kinder weggenommen. Einige mit blonden Haaren wurden "eingedeutscht". Die übrigen 88 kamen nach Chelmo, wo sie im Gas umkamen. Soldaten zündeten die Gebäude von Lidice an und sprengten die Ruinen.

Später rückten Männer des Reichsarbeitsdienstes an, schafften die Trümmer weg, verwüsteten den Friedhof, karrten Erde heran. Nach kurzer Zeit war Lidice buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Jedes Detail des Führerbefehls wurde umgesetzt, der am Vortag in Berlin ausgegeben worden war.

Die Vernichtung von Lidice

mehr...

Dort war Reinhard Heydrich mit einem Staatsakt geehrt worden. Der SS-Obergruppenführer war an den Folgen eines Attentats gestorben, das tschechische Widerstandskämpfer auf ihn verübt hatten. Heydrich galt als Vorzeige-Nazi, wenige Monate zuvor hatte er die "Endlösung der Judenfrage" konzipiert, den millionenfachen Mord an den Juden Europas. Im besetzten Tschechien, dem "Protektorat Böhmen und Mähren", herrschte Heydrich brutal als "stellvertretender Reichsprotektor".

Nach seinem Tod überzogen die Deutschen das "Protektorat" mit Terror. Willkürlich verhafteten sie Tschechen, Zivilisten wurden auf Verdacht erschossen. "Ein falsches Wort konnte Lebensgefahr bedeuten", sagt Wladimir Feierabend, damals 17 Jahre alt. "Wir hatten ständig Angst."

Als Heydrich mit Pomp beigesetzt wurde, hatten die Deutschen immer noch keine Spur von den Attentätern. SS-Chef Heinrich Himmler sagte in seiner Trauerrede, es sei seine "heilige Verpflichtung, seinen Tod nun zu sühnen". Zu diesem Zeitpunkt stand wohl schon fest, dass Lidice vernichtet werden sollte.

Aus der Landschaft rasiert

Den Vorwand lieferte der Brief eines verheirateten Tschechen, der seine Geliebte mit einer erfundenen Geschichte loswerden wollte. In dem abgefangenen Schreiben behauptet der Mann, er müsste untertauchen, weil er etwas mit dem Widerstand gegen die Deutschen zu tun habe - eine Lüge mit fatalen Folgen.

Beide hatten nichts mit Lidice zu tun, aber im Brief wurde das Dorf erwähnt. Das reichte den Deutschen als "einwandfreier Hinweis", sie wollten ein Exempel statuieren. Lidice wurde zum Schauplatz des Grauens.

Das Dorf wurde aus der Landschaft rasiert. In der Mulde zwischen zwei Hügelrücken, wo der Großteil der etwa 100 Häuser einst stand, wächst Wiese, auf den ersten Blick sieht es aus wie ein großes Nichts. Geblieben ist nur der Bach, gesäumt von Trauerweiden und anderen Bäumen.

Jaroslava Skleničková im Mai 2017

(Foto: Oliver Das Gupta)

Einige Wege führen durch das Grün zu Stationen, die nach dem Krieg entstanden: Die nachgezeichneten Grundmauern der Sankt-Martins-Kirche und des Schulhauses daneben, in dem Jaroslava mit den Frauen und Kindern eingesperrt war, bevor sie weggebracht wurden.

Auf der anderen Bachseite wurden Grundmauern ausgegraben. Hier, am Bauernhof der Familie Horak, ermordeten Schutzpolizisten aus Halle an der Saale Jaroslavas Vater und die anderen Männer Lidices.

Eine "Stärke von einem Offizier, zwei Unterführern und 20 Mann" habe das Exekutionskommando gehabt, heißt es im SS-Bericht. Dort ist auch vermerkt, wie viele Liter Benzin zum Abfackeln der Häuser verwendet wurden, wo das geraubte Vieh hinkam, und dass noch "zur Verschrottung geeignete Eisenteile" aus den Trümmern gezogen wurden.