Zweifel an wissenschaftlichem Aufsatz Neue Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg

Kaum hat Karl-Theodor zu Guttenberg öffentlich damit begonnen, seine Zukunft zu planen, widmen sich die Aktivisten von GuttenPlag wieder seiner Vergangenheit - und werden fündig: Schon vor seiner Doktorarbeit soll der CSU-Politiker für einen Aufsatz abgeschrieben haben - auch bei einem Partei-Kollegen.

Von Tanjev Schultz

Karl-Theodor zu Guttenbergs Blendwerk beginnt nicht erst mit seiner Doktorarbeit. Im Jahr 2004 veröffentlichte er in einer Schriftenreihe der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung einen Aufsatz zu den Beziehungen zwischen EU und Türkei ("Die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU - eine 'Privilegierte Partnerschaft' "). Bereits diesen Aufsatz hatte Guttenberg nach einer neuen Analyse der Online-Aktivisten des GuttenPlag-Wiki in weiten Teilen zusammenkopiert. Mehr als die Hälfte der Seiten enthalte Plagiate - Passagen, in denen Guttenberg sich bei anderen bediente, ohne dies sauber zu kennzeichnen. Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen, stündlich kommen neue Funde dazu.

Kar-Theodor zu Guttenberg versucht sich an einem Neuanfang in Deutschland. Doch nun holt ihn seine Vergangenheit ein: Schon vor seiner Doktorarbeit soll er geschummelt haben.

(Foto: dpa)

Das "Montageprinzip", das für die Dissertation stilprägend gewesen sei, zeige sich auch hier, sagen die Internet-Aktivisten: "Die Aussage Guttenbergs, beim Verfassen der Dissertation unter besonderem Druck über eine Vielzahl von Quellen den Überblick verloren zu haben, erweist sich in diesem Licht als Schutzbehauptung."

Es handle sich vielmehr um eine "nachweislich erprobte Vorgehensweise", erklären die Aktivisten von GuttenPlag. "Das Plagiieren hatte bei Guttenberg schlicht System."

In seinem Aufsatz hat Guttenberg offenbar aus diversen Onlinequellen, aus Dokumenten der EU, aus Zeitungsartikeln und einer Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags abgekupfert.

Bezeichnend ist der Anfang des 29 Seiten umfassenden Aufsatzes. Dort argumentiert Guttenberg, jede Erweiterung der EU sei eine "besondere Herausforderung". Nötig seien "Geduld und Einfühlungsvermögen". Der ganze Absatz entspricht fast wortgleich einer Passage aus einem Beitrag von Guttenbergs CSU-Parteifreund Michael Glos. Der hatte im Jahr 2003, ebenfalls in einer Reihe der Hanns-Seidel-Stiftung, einen Text über die Europäische Union veröffentlicht. Dessen Aufsatz taucht bei Guttenberg aber weder als Fußnote auf, noch wird er im Literaturverzeichnis erwähnt. Auch in seiner Doktorarbeit hatte Guttenberg gleich die ersten Sätze aus einer anderen Quelle übernommen.

Eine Aktivistin von GuttenPlag nennt es "fast tragisch", dass Guttenberg ausgerechnet bei Glos abkupferte, der gerade erst in der Talkshow Anne Will auftrat, um ein paar gute Worte über den gefallenen CSU-Star zu verlieren.

Die Online-Aktivisten haben sich den Aufsatz auch deshalb noch einmal vorgeknöpft, weil sie Guttenbergs Beteuerungen, er habe in der Doktorarbeit nicht absichtlich getäuscht, für völlig unglaubwürdig halten. Wie will er denn die Plagiate in dem Aufsatz von 2004 erklären? Kann er etwa auch dort, in einem derart kurzen Text, den Überblick verloren haben? "Vielleicht waren es da ja nur 20 Disketten, mit denen er durcheinander gekommen ist", scherzt die Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulff. Die Berliner Informatik-Professorin gehört zu den Aktivisten von GuttenPlag.

Eine "chaotische und ungeordnete Arbeitsweise" hatte sich Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zuletzt selbst attestiert. Auf mindestens 80 Datenträgern habe er das Material für seine missratene Doktorarbeit gesammelt und so den Überblick über die Quellen verloren.

Zu den neuen Vorwürfen äußerte sich Guttenberg gegenüber der Welt am Sonntag. Er räumte zwar ein, dass für den Text fremde Quellen genutzt worden seien - es habe sich aber nicht um eine wissenschaftliche Leistung, sondern um ein außenpolitisches Papier gehandelt. "Und selbstverständlich wurden hierbei bestehende, fremde Quellen genutzt, da ja lediglich die politische Meinung unterfüttert werden sollte."

Bereits im Februar hatte es Plagiatsvorwürfe gegen den Aufsatz aus dem Jahr 2004 gegeben. Damals waren sie jedoch kaum weiter beachtet und verfolgt worden, weil zu dem Zeitpunkt Guttenbergs Dissertation im Vordergrund stand. Schon damals ließ Guttenbergs Büro ausrichten, bei Guttenbergs Aufsatz handle es sich ja nicht um eine wissenschaftliche Arbeit. Für die Aktivisten von GuttenPlag ist das eine fadenscheinige Ausflucht. Die Zitierregeln hätten auch bei diesem Aufsatz selbstverständlich angewendet werden müssen.

Guttenberg sagte der Welt am Sonntag, der Aufsatz, den er als "politisches Papier" werte, sei in seinem Bundestagsbüro im Rahmen seiner Tätigkeit als Abgeordneter erstellt worden - "unter Mithilfe meiner Mitarbeiter". Es haben demnach also Mitarbeiter an dem Aufsatz mitgewirkt. Dies ist bei "politischen Papieren", beispielsweise Reden, durchaus üblich. Ob dies allerdings auch für Namensbeiträge in Schriftenreihen politischer Stiftungen zulässig ist, die als sogenannte "graue Literatur" wissenschaftlich zitiert werden können, ist mindestens diskussionswürdig.

Außerdem nährt der Fund erneut die Spekulationen über die Autorschaft von Guttenbergs Doktorarbeit. Guttenberg hat stets und auch zuletzt wieder versichert, er allein habe seine Doktorarbeit erstellt, niemand habe ihm dabei geholfen. PlagDoc, ein maßgeblicher Aktivist und Initiator des GuttenPlag-Wiki, sagte am Samstag über Guttenbergs Aufsatz, bei dem Guttenberg Mithelfer einräumte: "Viele Details der Arbeitsweise, die aus der Dissertation von Herrn zu Guttenberg bekannt ist, finden sich auch in diesem Text wieder. Dies lässt vermuten, dass die Dissertation und der hier dokumentierte Aufsatz vom gleichen Autor stammen."