Zeugenaussage im NSU-Prozess Eine Autofahrt mit Beate Zschäpe

Vernehmen durfte er sie nicht, mit ihr reden schon: Im NSU-Prozess sagt ein Polizist aus, der Beate Zschäpe im Gefangenentransporter begleitet hat. Es ist ein seltener Einblick in die Gefühlswelt der mutmaßlichen NSU-Terroristin - und es geht um die Frage, ob Zschäpe entgegen dem Rat ihrer Anwälte nicht doch aussagen wollte.

Von Annette Ramelsberger

Man muss Rheinländer nehmen, die kriegen sogar Steine zum Sprechen. Rainer Binz ist so einer, 57 Jahre alt, grau meliertes Haar, grau melierter Schnauzer. Man kann sich gut vorstellen, wie er im Karneval schunkelt und wie er dann nach ein paar Stunden viele neue Freunde hat. Rainer Binz ist aber nicht nur Rheinländer, sondern auch Erster Kriminalhauptkommissar beim Bundeskriminalamt. Und es hatte sicher einen Grund, dass ausgerechnet er Beate Zschäpe im vergangenen Sommer auf einer acht Stunden langen Reise von der Haftanstalt Köln nach Thüringen und zurück begleitete. Eine Reise, die dazu diente, dass Zschäpe ihre kranke Oma und ihre Mutter noch einmal sehen konnte.

Vermutlich ist Rainer Binz der beste Vernehmer des BKA. Aber er durfte Beate Zschäpe ja nicht vernehmen - ihr Anwalt hatte geschrieben, sie wolle weder vernommen noch befragt werden, sie stehe unter hohem emotionalen Druck. Also sprach Binz über das Wetter. Das Wetter auf Fehmarn. Fehmarn ist die Insel, auf der Zschäpe und ihre beiden Männer Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos immer wieder Ferien gemacht haben. Und auch Rainer Binz hat dort Ferien gemacht, früher, mit seinen Kindern. Deswegen kennt er das Wetter dort. Ob Beate Zschäpe auch diesen Effekt kenne, dass es am Festland regnet, aber auf Fehmarn die Sonne scheint, fragte er. Sie aber blockte ab: "Wer sagt denn, dass ich jemals auf Fehmarn war?"- "Sie haben rein zufällig von Ihren Urlaubserlebnissen auf Fehmarn erzählt?", fragt Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl. "Na klar", antwortet Binz fröhlich.

Auch wenn er mit Fehmarn nicht weiterkam, Binz und eine Kollegin nutzten die Zeit, die sie mit Zschäpe in einem VW-Bus auf der Autobahn verbrachten. Wie nebenbei kamen sie zum Reden - über Gott und die Welt. Vor allem aber darüber, ob sie nicht doch aussagen wolle. Rainer Binz erzählt im NSU-Prozess über diese Fahrt. Es ist das Dokument eines Versuchs: den Versuch, Steine zum Sprechen zu bringen oder zumindest zum Nachdenken.

Kein Aufnahmegerät, kein Laptop, nur Zschäpes Zigaretten lagen auf dem Tisch

"Sie wurde bei Beginn der Fahrt belehrt, dass das keine Vernehmung ist", sagt Binz, "aber wir können über alles reden, danach wird ein Vermerk für die Akten geschrieben. Frau Zschäpe sagte, sie weiß, was sie sagen kann und was nicht. Und sie sage nur Dinge, die aufgeschrieben werden können." Herr Binz beteuert, sie hätten keinerlei Notizen gemacht. Es habe kein Aufnahmegerät gegeben, kein Laptop, nur Zschäpes Zigaretten lagen auf dem Tischchen zwischen ihnen. Aus dem Gespräch entstand ein zwölfseitiger Vermerk. Und zu diesem Vermerk wird Binz am Mittwoch in München befragt.

Es ist ein seltener Einblick in die Gefühlswelt von Beate Zschäpe, die bisher kein einziges Wort vor Gericht gesagt hat, nicht einmal ihren Namen. Auf dieser Fahrt hat sie über ihre Zweifel an ihrer Verteidigung gesprochen, sie hat überlegt, ob sie nicht doch aussagen soll - ihrer Oma zuliebe. Sie hat erzählt, dass sie sich nicht lange mit den Ermittlungsakten befassen kann, das sei zu belastend, sie verdränge das lieber. Und Kripomann Binz fand viele Anknüpfungspunkte. Sie solle doch mal den Bericht des Brandermittlers lesen, da stehe drin, dass im Brandschutt ihres Hauses in Zwickau 1800 Asservate gefunden wurden, dass gar nicht alles verbrannt sei. Da seien viele Beweise zu erwarten. Und dass es auch Anwälte gebe, die ihrer Mandantin in so einer Situation raten würden, zu sprechen.

Frau Zschäpe, so berichtet der Kriminaler, habe große Zweifel an ihrem Verteidiger Wolfgang Heer gehabt. "Sie war sehr, sehr unzufrieden mit der Arbeit ihres Verteidigers", sagt Binz. Die Verteidiger fragen nach: "Könnte es sein, dass die Polizei gezielt in das Vertrauensverhältnis zwischen Mandant und Verteidigung eingreift?" - "Das Vertrauensverhältnis hat zu diesem Zeitpunkt nicht bestanden", antwortet Binz. "Das hat uns Frau Zschäpe klar zu verstehen gegeben."

Lang ging es im VW-Bus offenbar um den Satz von Zschäpe, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen. "Sie sagte, sie wollte eigentlich aussagen, auch um ihrer Großmutter deutlich zu machen, wie es gekommen ist, und um sich bei ihr zu entschuldigen, aber ihr Anwalt rät davon ab." Binz setzte nach. Erfahrungsgemäß sei es so, dass Gerichte im Urteil honorieren, wenn der Angeklagte aussagt. "Sie war am Überlegen", sagt Binz vor Gericht, "und dann sagte sie: 'Aber so einen Fall wie mich, das hat's doch noch nie gegeben'."