Aber so ist Broder. Ohne steile Thesen begibt er sich nicht in die Arena der Eitelkeiten. Er plädiert tatsächlich für ein "Ende des kleinkarierten Größenwahns", und nach solchen Worten ist viel eher der Siegeszug des großkarierten Größenwahns zu fürchten.
Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland: Charlotte Knobloch (© Foto: AP)
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Falls der Polemiker zufälligerweise nicht als Präsident des Zentralrats der Juden aus der Arena zurückkommt, dann war es doch wenigstens ein Auftritt, der eines Trapezkünstlers würdig ist.
Als Broder 2007 vor mehr als zwei Jahren den Ludwig-Börne-Preis erhielt, erlaubte er einige Einblicke in seine Persönlichkeitsstruktur. "Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden", bekannte er. Immer wieder benannte der Herr Preisträger vor hohem Publikum die persönliche Schlüsselfrage: "Bin ich verrückt oder sind es die anderen?"
Und dann räumte Broder auch noch mit den drei "Untugenden" Äquidistanz, Relativismus und Toleranz auf. Ja, in den heutigen Gesellschaften komme "das Toleranzgebot nicht den Schwachen, sondern den Rücksichtslosen entgegen". Er sprach von "Toleranzkeule" wie Martin Walser von der "Auschwitz-Keule" - und lieferte im hinteren Teil seiner Ego-Betrachtung die Erkenntnis über jene Rolle, die er spiele: "Die des jüdischen Pausenclowns, der in einer großen Manege kleine Kunststücke vorführen darf".
In dieser Funktion führt er jetzt zum Gaudium mancher einen Verband vor. Dabei hat der Unterhalter doch schon seine eigene Manege, in der er die Geduld anderer strapazieren kann.
Bruch mit der Linken
Zusammen mit Michael Miersch und Dirk Maxeiner betreibt er im Internet das Blog "Die Achse des Guten", das die Macher für liberal und pro-westlich halten. Mit untrüglichem Instinkt weiß Broder inzwischen, wie er den Mainstream der Meinungen konterkariert, insbesondere wenn es um die verbliebenen Linken Deutschlands geht.
Dazu gehörte er auch einmal, vor rund 40 Jahren, als er für St. Pauli Nachrichten, Pardon und Spontan arbeitete und die Reihe seiner Buch-Epen mit dem Titel "Wer hat Angst vor Pornographie" eröffnete. Mit der Linken aber hat er wegen deren Israelpolitik gebrochen.
Selbstverständlich war Henryk Modest Broder auch für den Irakkrieg des George W. Bush. Der Mitherausgeber des Jüdischen Kalenders sieht offenbar überall Weichlinge im Kampf gegen Diktatur, Islamismus und Terrorismus. Da gibt er im Clownskostüm den Kämpfer.
Er wolle sich im Amt des Zentralrats-Präsidenten um gute Beziehungen zu den Moslems in Deutschland bemühen, die für eine strikte Trennung von Staat und Religion eintreten, schreibt Broder - aber nicht zu "religiösen Eiferern oder türkischen Nationalisten".
Traktat gegen 1,5 Milliarden "chronisch beleidigte" Muslime
Einmal hat der Vielschreiber in einem Traktat die Haltung von "1,5 Milliarden Moslems in aller Welt" kritisiert, "die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen". 2006 veröffentlichte er dann das definitive Buch: "Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken".
Im Zusammenhang mit dem seiner Meinung nach oft falschen Umgang mit islamischen Immigranten - da ist er Thilo Sarrazin ganz nah - sprach er auch schon mal von "Inländerfeindlichkeit".
Als Vertreter der deutschen Juden könnte Broder solchen Analysen sicherlich noch mehr Wucht verleihen. Der von Einigen anscheinend regelrecht herbeigesehnte "Kampf der Kulturen" würde mit einem solchen Propagandisten vermutlich an Fahrt aufnehmen.
Der Zentralrat solle sich nach Auffassung Broders der Gesellschaft öffnen. "Ich bin überzeugt, dass es keine partikularen jüdischen Interessen gibt. Ob jemand koscher isst oder halal oder doch lieber Kasseler, ist Privatsache", meint er. Offensiv verteidigt werden müssten indes Freiheit, Demokratie und der Rechtsstaat, und zwar von "Juden, Christen, Moslems, Atheisten, Agnostikern, Häretikern, von Ariern und Vegetariern, Frauen und Männern, Heteros und Homos".
Aus der Umgebung von Charlotte Knobloch heißt es, von ihr gebe es keine Stellungnahme zur Causa Broder. Schweigen kann Gold sein - und Reden Blech.
"Als Präsident des Zentralrates wäre Broder eine fulminante Fehlbesetzung", sagt Vizepräsident Dieter Graumann zu sueddeutsche.de. Er sei "gewiss ein brillanter Satiriker" und "kluger Kopf", aber "Phantasie reicht nicht aus, um sich Broder als Präsident vorzustellen". Hier gehe es um Krawall, nicht um Konsens. Bei der Wahl hätte Broder keine Chance. Im Übrigen könne er sich nicht erinnern, dass sich der Selfmade-Kandidat im jüdischen Gemeindeleben jemals engagiert hätte.
Er sei sich bewusst, das seine Erfolgsaussichten gering seien, sagt Broder zu sueddeutsche.de. Allerdings, fügt er hinzu, seien seine Chancen besser, als die seiner Eltern, den Holocaust zu überleben: "Und sie haben es auch geschafft."
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(sueddeutsche.de)
Bundespräsident Gauck
Broder hat, wie so oft, Recht. Den meisten Zitaten Broders, die in diesem Artikel als Negativbeispiele aufgefuehrt werden, kann ich nur zustimmen. Ausserdem hat er die Natur des heutigen Antisemitismus extrem gut verstanden: er ist sehr oft im linken politischen Sprektrum zu finden, und als Israelkritik kaschiert. Natuerlich muss man nicht fuer die Politik israels sein, aber wenn man sieht, wie einseitig und hysterisch manche Linken ueber Israel sprechen (waehrend sie das Leiden der Tibeter oder Burmesen anscheinend ziemlich kalt laesst), wird schnell klar, dass da mehr ist als Sympathie fuer die Palaestinenser. Linke Akademiker boykottieren Akademiker aus Israel. Werden chinesische Akademiker boykottiert? Oder etwa russische fuer ihre Behandlung der Tschetschenen? Fehlanzeige. Eine weitere grosse Quelle des Antisemitismus, und vorallem antisemitischer Straftaten, sind viele in Europa lebende Moslems. Das mag der Sueddeutschen Zeitung nicht gefallen, aendert aber nichts daran, dass es einfach der Wahrheit entspricht. ...ja, ja, ich weiss schon: es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Das heisst natuerlich nicht, dass man die Ewiggestrigen Antisemiten nicht mit aller Macht bekaempfen sollte; natuerlich sollte man es. Aber sie stellen nunmal fuer die heutigen Juden eine geringere Bedrohung dar.
Uebrigens ist es seine Beleidigung, dass sich der Autor anmasst, fuer alle Ueberlebenden des Holocaust zu sprechen. Mein Grossvater hat als einer der wenigen aus meiner Familie ueberlebt (Theresienstadt); sonst sind 64 Mitglieder unserer Familie umgebracht worden. Er lebt noch - und denkt, dass die Kriminalisierung der Holocaustleugnung der extremen Rechten hilft. Wir haben uns darueber einige Male unterhalten, den es gibt sehr verschiedene Meinungen zu dem Thema in unserer familie. Mein Grossvater meint, dass die Kriminalisierung die Argumentation der Rechetn staerkt, dass sich die Opfer des Holocaust als etwas besonderes ansehen. ("Was ist mit all den anderen Opfern; sind die etwa weniger wert?!"), und macht Holocaustleugner in der Tat zu Maertyrern in ihren Kreisen, wie Broder korrekt sagt.
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Wer so provokativ polemisch und bewußt verletzend schreibt wie der Herr Broder wird so einen Artikel verkraften können, ich glaube er (der Herr Broder) erwartet so einen Artikel sonst wäre er enttäuscht. Wie der Herr Broder auf andere losgeht und welcher Sprache er sich bedient ist unter anderen hier http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/2144747_0_9223_-dokumentiert-broder-an-palmer-an-broder.html
zu lesen. Wer so niedermacht wie Sie (szonlineleser), von dem sollte man Kenntnis erwarten auch über die Art und Weise der Broder Publikationen. Also einfach mal nachlesen. Über Meinungen kann man streiten, die eigne zur einzig glückselig machende zu erklären erinnert mich an Papst und katholische Kirche und ein bißchen an vergangene DDR (Medien-) Zustände.
gruß gokahe
Amen to that.
Die SZ-Onlineredaktion hat gut datran getan, diesen Artikel jetzt von prominenter Stelle in die Rubrik "Politik" abzulegen und dort den Gang alles irdischen gehen zu lassen. Ich habe mich gestern bereits mit einem Kommentar zu diesem Artikel der Herren Jakobs und Das Gupta geäußert und meinem Ärger darüber Luft gemacht. Allerdings wird meine Fassungslosigkeit beim heutigen erneuten Lesen nicht gemindert.
Ich weiß nicht, was dieser Artikel, der einer Schmähschrift gleichkommt, mit seriösem Journalismus zu tun hat. Was haben sich die beiden Redakteure eigentlich dabei gedacht, dermassen auf Herrn Broder loszugehen und ihn regelrecht zu diffamieren? Natürlich polarisiert Henryk Broder, aber kann das unsere Öffentlichkeit nicht vertragen? Einen derartig meinungsgefärbten und persönlichen Artikel zu verfassen, ohne ihn als Kommentar zu deklarieren, ist ein Unding und für eine Publikation unter dem Etikett "Süddeutsche Zeitung" - auch wenn es sich dabei um den Online-Ableger handelt - absolut unangemessen und das allerletzte. Dagegen kann man die BILD Zeitung ja fast schon als seriös bezeichnen.
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