Der Polemiker Henryk Modest Broder bringt sich als Präsident des Zentralrats der Juden ins Spiel.
Vielleicht fehlt es ihm an Toleranz, vielleicht auch an Sachlichkeit - an Formulierungen immerhin war nie Mangel. Henryk Modest Broder ist sozusagen die Kalaschnikow des deutschen Meinungsjournalismus. Hier zählt der Knalleffekt. Und wo Broder ist, knallt es oft und laut.
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Die Kalaschnikow des deutschen Meinungsjournalismus: Henryk M. Broder (© Foto: dpa)
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Er habe drei "Problemvölker", sagte der Publizist einmal - und meinte damit Deutsche, Araber und Juden. Hieran arbeitet er sich ab.
Aber muss der Spiegel-Reporter und häufig mit Preisen dekorierte Buchautor deshalb diese Völker mit dem Problem behelligen, dass er Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland werden will?
Blickwinkel eines manischen Provokateurs
"Meine Kippa liegt im Ring", lässt der 63-Jährige im Tagesspiegel die Nation wissen. Zwei kleine jüdische Gemeinden hätten ihm angeblich ihre Unterstützung zugesagt und Broder hat offenbar so bestärkt den Ruf der Geschichte gehört: "Jetzt ist die Zeit gekommen, das zu tun, was ich tun sollte."
Das alles ist natürlich aus dem Blickwinkel eines manischen Provokateurs wunderbar: In eine sogleich nachgereichten Bewerberlyrik kann man alles hineinschreiben, was den Groll der Etablierten erregt. Auf diesen dramaturgischen Trick muss man nur kommen.
Warum hat sich eigentlich Eugen Drewermann nie für den Vorsitz beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken beworben? Das wäre auch lustig geworden. Warum ist dem Regisseur Fatih Akin nicht eingefallen, für den Zentralverband der Muslime zu kandidieren und wilde Reden zu halten? Warum kandidiert Heiner Geißler nicht einfach mit dem Verweis auf die Unterstützung durch einige christdemokratische Ortsverbände für das Amt des CDU-Vorsitzenden und teilt allen mit, wie er die Union nach Angela Merkel umkrempeln will?
Wer wie Broder den Mut zur permanenten Reizschwellendebatte hat, für den ist in einer Mediengesellschaft alles möglich. Die Lümmel sitzen hier regelmäßig in der ersten Bank.
Mal gegen Antisemitismus, mal gegen Philosemitismus
Die derzeitige Präsidentin des Zentralverbands der Juden, Charlotte Knobloch, nennt der Kippa-Werfer erst gar nicht beim Namen. Über seine vermutliche Vorgängerin im Amt kolportiert er nur - ganz Methode billig - die interne Bezeichnung "Tante Charly".
Selbstverständlich ist sie vom Job überfordert, sonst bräuchte es ja Henryk Modest Broder nicht. Überhaupt, der Verband sei in "einem erbärmlichen Zustand" und gebe "inflationäre" Stellungnahmen ab. Das meine er "wirklich nicht böse", sagt Broder später zu sueddeutsche.de. Knobloch sei eine "nette Dame", nur für den Job "ungeeignet" - "eine Fehlbesetzung".
Nicht nur die Präsidentin nimmt sich Broder vor, sondern auch deren Generalsekretär Stephan Kramer. Der versuche vergeblich, die schwindende Bedeutung der Organisation mit ihren rund 120.000 Mitgliedern durch taktische Allianzen und "sinnfreien Aktionismus" auszugleichen. Nicht verziehen hat Bewerber Broder die Kritik an Bundesbank-Direktor Thilo Sarrazin nach dessen Berliner Migranten-Schelte: Der Verband hatte den streitbaren Ex-Finanzsenator in eine Reihe mit Hitler und Goebbels gestellt.
Es könne nicht Aufgabe des Verbands sein, "sich als das gute Gewissen Deutschlands aufzuführen" und den Deutschen vorzuschreiben, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen sollten, erklärt Broder. Seit Jahren schreibt der Mann mal gegen Antisemitismus, mal gegen Philosemitismus an.
Die Neonazis dürfen sich bedanken
Als Präsident will er sich dafür einsetzen, dass die Holocaustleugnung als Straftatbestand aufgehoben wird. "Das Gesetz war gut gemeint, hat sich aber als kontraproduktiv erwiesen, indem es Idioten dazu verhilft, sich als Märtyrer im Kampf um die historische Wahrheit zu inszenieren", erklärt der ambitionierte Journalist: "Unser aller Problem ist nicht der letzte Holocaust, dessen Faktizität außer Frage steht, sondern der Völkermord, der vor unseren Augen im Sudan stattfindet."
Deutschland brauche nicht noch mehr Holocaustmahnmale und Gedenkstätten, sondern eine aktive Politik im Dienst der Menschenrechte ohne Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Interessen - als ob es um ein Entweder-oder gehe.
Da werden sich die Aktivisten der Neonazi-Szene aber bedanken, dass sie jetzt offen ihr Gedankengebräu verabreichen können. Alle, die den Holocaust überlebt haben, wundern sich.
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Broder hat, wie so oft, Recht. Den meisten Zitaten Broders, die in diesem Artikel als Negativbeispiele aufgefuehrt werden, kann ich nur zustimmen. Ausserdem hat er die Natur des heutigen Antisemitismus extrem gut verstanden: er ist sehr oft im linken politischen Sprektrum zu finden, und als Israelkritik kaschiert. Natuerlich muss man nicht fuer die Politik israels sein, aber wenn man sieht, wie einseitig und hysterisch manche Linken ueber Israel sprechen (waehrend sie das Leiden der Tibeter oder Burmesen anscheinend ziemlich kalt laesst), wird schnell klar, dass da mehr ist als Sympathie fuer die Palaestinenser. Linke Akademiker boykottieren Akademiker aus Israel. Werden chinesische Akademiker boykottiert? Oder etwa russische fuer ihre Behandlung der Tschetschenen? Fehlanzeige. Eine weitere grosse Quelle des Antisemitismus, und vorallem antisemitischer Straftaten, sind viele in Europa lebende Moslems. Das mag der Sueddeutschen Zeitung nicht gefallen, aendert aber nichts daran, dass es einfach der Wahrheit entspricht. ...ja, ja, ich weiss schon: es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Das heisst natuerlich nicht, dass man die Ewiggestrigen Antisemiten nicht mit aller Macht bekaempfen sollte; natuerlich sollte man es. Aber sie stellen nunmal fuer die heutigen Juden eine geringere Bedrohung dar.
Uebrigens ist es seine Beleidigung, dass sich der Autor anmasst, fuer alle Ueberlebenden des Holocaust zu sprechen. Mein Grossvater hat als einer der wenigen aus meiner Familie ueberlebt (Theresienstadt); sonst sind 64 Mitglieder unserer Familie umgebracht worden. Er lebt noch - und denkt, dass die Kriminalisierung der Holocaustleugnung der extremen Rechten hilft. Wir haben uns darueber einige Male unterhalten, den es gibt sehr verschiedene Meinungen zu dem Thema in unserer familie. Mein Grossvater meint, dass die Kriminalisierung die Argumentation der Rechetn staerkt, dass sich die Opfer des Holocaust als etwas besonderes ansehen. ("Was ist mit all den anderen Opfern; sind die etwa weniger wert?!"), und macht Holocaustleugner in der Tat zu Maertyrern in ihren Kreisen, wie Broder korrekt sagt.
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Wer so provokativ polemisch und bewußt verletzend schreibt wie der Herr Broder wird so einen Artikel verkraften können, ich glaube er (der Herr Broder) erwartet so einen Artikel sonst wäre er enttäuscht. Wie der Herr Broder auf andere losgeht und welcher Sprache er sich bedient ist unter anderen hier http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/2144747_0_9223_-dokumentiert-broder-an-palmer-an-broder.html
zu lesen. Wer so niedermacht wie Sie (szonlineleser), von dem sollte man Kenntnis erwarten auch über die Art und Weise der Broder Publikationen. Also einfach mal nachlesen. Über Meinungen kann man streiten, die eigne zur einzig glückselig machende zu erklären erinnert mich an Papst und katholische Kirche und ein bißchen an vergangene DDR (Medien-) Zustände.
gruß gokahe
Amen to that.
Die SZ-Onlineredaktion hat gut datran getan, diesen Artikel jetzt von prominenter Stelle in die Rubrik "Politik" abzulegen und dort den Gang alles irdischen gehen zu lassen. Ich habe mich gestern bereits mit einem Kommentar zu diesem Artikel der Herren Jakobs und Das Gupta geäußert und meinem Ärger darüber Luft gemacht. Allerdings wird meine Fassungslosigkeit beim heutigen erneuten Lesen nicht gemindert.
Ich weiß nicht, was dieser Artikel, der einer Schmähschrift gleichkommt, mit seriösem Journalismus zu tun hat. Was haben sich die beiden Redakteure eigentlich dabei gedacht, dermassen auf Herrn Broder loszugehen und ihn regelrecht zu diffamieren? Natürlich polarisiert Henryk Broder, aber kann das unsere Öffentlichkeit nicht vertragen? Einen derartig meinungsgefärbten und persönlichen Artikel zu verfassen, ohne ihn als Kommentar zu deklarieren, ist ein Unding und für eine Publikation unter dem Etikett "Süddeutsche Zeitung" - auch wenn es sich dabei um den Online-Ableger handelt - absolut unangemessen und das allerletzte. Dagegen kann man die BILD Zeitung ja fast schon als seriös bezeichnen.
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