Zentralamerika El Salvador: Wie Jugendbanden ein ganzes Land terrorisieren

FILE-A member of Mara Salvatrucha gang poses at the prison of Ciudad Barrios, 160 km east of San Salvador, El Salvador on June 19, 2012. Inmates participated in a mass to celebrate 100 days after a truce was declared between gangs and the Salvadorean goverment. AFP PHOTO/ Jose CABEZAS

(Foto: AFP)
  • In El Salvador werden täglich etwa 18 Menschen ermordet. Verantwortlich dafür sind vor allem Jugendbanden.
  • Der Staat reagiert auf die Gewaltexzesse mit einer Politik der harten Hand - und nimmt nicht selten an dem Töten teil.
  • Zehntausende junger Menschen fliehen vor den Banden in die USA, und werden oftmals als Wirtschaftsflüchtlinge abgewiesen.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Es heißt, der November sei ein relativ guter Monat für El Salvador gewesen, einer der friedlichsten im ganzen Jahr. Es wurden 14 Menschen ermordet. Pro Tag.

Wenn das eine gute Nachricht sein soll, dann kann etwas nicht stimmen. Es stimmt aber ohnehin nichts mehr, wenn in einem kleinen Land mit nicht einmal sechseinhalb Millionen Einwohnern schon die Morde pro Tag gezählt werden. Im März waren es 15, im August 29, der Jahresmittelwert liegt bei 18. So steht es in lokalen Zeitungen, als gehe es um Sportergebnisse.

Andere Statistiken zählen nicht nach Tagen, sondern nach Morden pro Jahr und 100 000 Einwohner. Deutschland liegt etwa bei 0,8, El Salvador bei 110. Wie man es auch dreht: Dort geht ein Jahr der Mordrekorde zu Ende, das blutigste seit dem Ende des Bürgerkrieges 1992. El Salvador wird 2015 wohl Honduras als das Land mit der weltweit höchsten Mordrate ablösen. Und das liegt nicht daran, dass sich die Lage im Nachbarstaat verbessert hätte.

Kinder töten Kinder und die Polizei schaut weg. Oder tötet mit.

Die nackten Zahlen sagen so viel und erzählen doch so wenig von der Geschichte El Salvadors im Jahr 2015. Es ist die Geschichte vom Scheitern eines Staates, der nicht weiß, was er mit seinen Kindern anfangen soll, die nicht wissen, was sie mit ihren Leben anfangen sollen.

Kinder töten Kinder. Und die Polizei schaut weg. Oder tötet mit. Das ist es vor allem, was El Salvador so unbegreiflich macht. Ganze Landstriche und Stadtviertel werden von den sogenannten Maras kontrolliert. Von Jugendbanden, mit den in Lateinamerika üblichen kriminellen Kernkompetenzen: Drogenhandel, Waffenschmuggel, Schutzgelderpressung.

Jetzt regiert wieder die Politik der harten Hand

Nach offiziellen Schätzungen gibt es in El Salvador etwa 70 000 Bandenmitglieder, wovon derzeit mehr als 10 000 zur heillosen Überfüllung der Gefängnisse beitragen. Der Rest treibt auf den Straßen sein Unwesen. Die beiden größten und bitter verfeindeten Gangs heißen Mara 18 und Mara Salvatrucha (kurz: MS 13). Sie sind mit totaler Unterwürfigkeit nach innen und erbarmungsloser Gewalt nach außen organisiert. Für viele ihrer Mitglieder, die oft nichts als Armut, Hunger und Gewalt kennen, sind sie auch ein Familienersatz. Das Oberste Gericht in der Hauptstadt San Salvador hat sie im August dieses Jahres zu Terrorgruppen erklärt.

Damit regiert jetzt wieder die "Politik der harten Hand" (Mano duro), die schon so oft kläglich gescheitert ist. Präsident Salvador Sánchez Cerén, ein einstiger Guerillero des linksgerichteten FMLN, war im vergangenen Jahr mit dem Versprechen angetreten, die Gewalt "intelligent" zu bekämpfen. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Sánchez Cerén schickte stattdessen das Militär in die Schlacht, drei Bataillone, 7000 Soldaten. Dadurch wurde es nur noch schlimmer. Seither häufen sich auch Berichte über massive Menschenrechtsverletzungen von Milizen und Todesschwadronen, die willkürliche Jagd auf Gangmitglieder machen. Die sogenannten Mareros sind leicht zu erkennen an ihren großflächigen Tätowierungen, den Brandzeichen ihrer Gruppen.

Ein Waffenstillstand hielt nur eine Weile, danach wurde es umso blutiger

Der Horror beschränkt sich keineswegs auf El Salvador. Die Maras operieren längst grenzübergreifend und tyrannisieren auch Teile von Honduras und Guatemala. In all diesen Staaten wurde schon versucht, die Gewalt mit Gegengewalt zu bändigen. Mit Gesetzen, die zum Beispiel "Plan Escoba" hießen, Aktion Besen. Man kann dieses Problem aber nicht einfach wegfegen.

Wenn überhaupt, dann geht es im Dialog und mit kontinuierlicher Sozialarbeit. Ein bisschen Hoffnung gab es 2012, als auf Vermittlung eines katholischen Bischofs verfeindete Maras einen Waffenstillstand schlossen. Für eine Weile sank die Mordrate signifikant. Als der Friede endete, wurde es dafür umso blutiger. Seither tobt ein wilder Kampf um Einflussgebiete.

Bischof Menschenfreund

Von Papst Johannes Paul II. kritisch beäugt, von Papst Franziskus geehrt: 35 Jahre nach seiner Ermordung bekennt sich die katholische Kirche zu Oscar Romero, einst Erzbischof von San Salvador und Anwalt der Armen. Das ist ein Zeichen für den Wandel im Vatikan. Von Matthias Drobinski mehr ... Porträt

Und der Staat macht einfach mit. Der salvadorianische Anthropologe und Buchautor Juan José Martínez d'Aubisson, einer der besten Kenner der Mara-Szene, schreibt: "Man kann die Banden inzwischen nicht mehr auseinanderhalten, weil die Polizei fast wie eine weitere Bande agiert und sich an die Kette aus Rache und Vergeltung angehängt hat."