Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Die Wikileaks-Enthüllungen zeigen, wie gut der Auswärtige Dienst der USA funktioniert. Und doch richten sie großen Schaden an, weil sie die Vertraulichkeit der Diplomatie zerstören.

Die USA haben einen sehr ordentlichen diplomatischen Dienst. Wenn es ein schnelles und oberflächliches Urteil über eine viertel Million Dokumente aus dem amerikanischen Außenministerium geben kann, dann dieses: Die Botschafter liefern gute Arbeit ab. Etwa 250 Vertretungen unterhalten die USA auf der ganzen Welt, und überall sitzen Beamte, die mit politischem Verstand und analytischem Gespür die Verhältnisse klar und weitgehend korrekt darstellen. Manchmal tun sie dies mit patriotischem Überschwang, manchmal mit beneidenswerter Landes- und Menschenkenntnis, manchmal bestärken sie auch nur das Klischee vom bornierten Amerikaner.

Wikileaks: USA suchen mit Hochdruck nach Wikileaks-Informanten

(Video: reuters, Foto: dpa)

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Nach der Veröffentlichung der gestohlenen Depeschen, Analysen, Handlungsanweisungen und Kommentare drängt sich nun aber die Frage auf, wie lange die USA noch die Früchte ihres diplomatischen Dienstes genießen können. Die von der Internet-Organisation Wikileaks verbreitete Beute eines Datendiebes zerstört das Bindegewebe, das die unter Staaten übliche Kommunikation ausmacht: die Vertraulichkeit. Ohne Vertraulichkeit keine Information, kein Geben und Nehmen, kein Zugang. Ohne Information aber auch keine Kenntnis, keine Urteilskraft, keine richtigen Entscheidungen.

Wenn der US-Präsident eines Tages über den Stand des iranischen Atomprogramms richten muss und zu einem Luftschlag gedrängt würde, dann wünschte man ihm verlässliche Einschätzungen. Wenn die Konfrontation mit China über den Währungskurs wächst, dann braucht man besonnene Emissäre, die das Vertrauen der anderen Seite genießen. Wenn der Automobilkonzern Opel um deutsche Steuergelder bittet, dann möchte man einen sicheren Draht haben zur amerikanischen Regierung, weil sie beim Mutterkonzern GM mitentscheidet, was mit dem Tafelsilber geschieht.

Der Schaden für die USA ist nach der Veröffentlichung der Dokumente immens groß. Kein Platz auf der Welt, der nicht betroffen wäre von den Enthüllungen; keine Botschaft, die nicht brüskiert wurde. Die diplomatische Fassade ist abgebröckelt, dahinter zeigt sich, wie berechnend das Geschäft mit der internationalen Politik ist. Darin unterscheidet sich der amerikanische Dienst von keinem anderen der Welt. Deutsche Depeschen haben vermutlich nur weniger Humor.

Die Empörung über den Datenverrat ist gewaltig - das war nicht anders zu erwarten. Doch sie sollte sich zunächst gegen all jene richten, die den Verrat ermöglicht haben, die Amerikas Datensystem zum Selbstbedienungsladen für Gefreite am Server-Stecker und Hobby-Hacker verkommen ließen. Es gibt keinen Grund, warum Berichte des Botschafters in Berlin über die zaudernde Kanzlerin und den desinteressierten Außenminister von einer halben Million, manche sagen von zweieinhalb Millionen US-Bediensteten mitgelesen werden können.

Amerikas Informationsbeschaffungs- und Auswertungs-System ist anarchisch. Datensicherheit scheint ein Fremdwort. Besonders die von den Geheimdiensten gesammelten Datenmengen sind nicht mehr zu verarbeiten. In einer vertikalen Massenbürokratie, die Entscheidungen scheut und auf die wenigen Leute an der Spitze starrt, haben diese Berichte nichts verloren.

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  2. Fragwürdige Alleswisser-Allmacht
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