Wikileaks-Informant Bradley Manning Held hinter Gittern

Seit einem Jahr sitzt der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning in Untersuchungshaft, im Extremfall droht ihm die Todesstrafe. Doch die Zahl seiner Anhänger wächst - sie fordern nun, dass der Prozess gegen den "amerikanischen Helden" endlich beginnt.

Von Reymer Klüver, Washington

Zweihundert Leute waren es wieder, die für den jungen Mann demonstriert haben. Als "amerikanischen Helden" feierten sie ihn, der seinem Land einen Dienst erwiesen hat, verlangten seine Freilassung und endlich den Beginn des Prozesses gegen ihn.

Anfang des Monats waren sie zu der Kundgebung in die Mitte des Landes gefahren, nach Fort Leavenworth in Kansas. Dort sitzt Bradley Manning in einem Militärgefängnis in Untersuchungshaft - der Soldat, der für den folgenreichsten Geheimnisverrat und die größte diplomatische Blamage der USA seit Jahrzehnten verantwortlich sein soll.

Die US-Behörden halten den inzwischen 23-Jährigen für die Quelle all der Videos grässlicher Militäreinsätze und Abertausender diplomatischer Depeschen, mit denen die Enthüllungswebsite Wikileaks in den vergangenen Monaten Furore machte.

Manning war vor einem guten Jahr im Irak festgenommen worden. Er soll die Geheimdaten von Militärcomputern heruntergeladen und an Wikileaks weitergeleitet haben. Manning muss sich vor einem Militärgericht verantworten. 22 Straftaten werden ihm vorgeworfen, unter anderem "Hilfe für den Feind". Darauf steht im Extremfall die Todesstrafe. Zwar ließen die Militärstaatsanwälte wissen, dass sie ein Todesurteil nicht beantragen wollen. Die Entscheidung darüber trifft allerdings das Militärgericht.

Dass Manning inzwischen in Fort Leavenworth einsitzt, ist ein Fortschritt. Über Monate war er unter offenkundig schikanösen Bedingungen in Einzelhaft im Militärgefängnis des Marine Corps in Quantico bei Washington untergebracht. Nachts musste er ohne Kleidung schlafen, angeblich weil er selbstmordgefährdet war. Selbst der Sprecher des US-Außenministeriums, Philip Crowley, nannte die Haftbedingungen im Frühjahr "kontraproduktiv und dumm".

Nach Angaben seiner Anwälte haben sich Mannings Haftbedingungen in Leavenworth verbessert. Der Unterstützerkreis für Manning hat erheblichen Zulauf gewonnen und fast 300.000 Dollar an Spenden gesammelt; mehr als 60.000 Dollar gingen zusätzlich auf ein Spendenkonto für die Prozesskosten.

"Manning ist nicht mehr ein Verräter, als ich es war"

Manning hat prominente Unterstützer gefunden, unter anderem Daniel Ellsberg, der vor 40 Jahren die sogenannten Pentagon Papers, geheime Unterlagen des Militärs über den Krieg in Vietnam, an die New York Times weitergegeben hatte. Deren Veröffentlichung hatte damals den Druck für einen Abzug aus Vietnam erhöht. Ellsberg war nicht gerichtlich verfolgt worden. "Manning ist nicht mehr ein Verräter, als ich es war", sagt Ellsberg heute. Rechtsberater in Mannings Unterstützerkreis erwarten, dass im Sommer Anklage gegen ihn erhoben wird.

Mehrere Berichte in US-Medien hatten das Bild eines, wie es immer wieder formuliert wurde, "troubled young man" gezeichnet, eines jungen Mannes voller Selbstzweifel und mit einem Haufen Probleme. Nach der Trennung seiner Eltern und einem Aufenthalt bei seiner britischen Mutter in Wales war Manning zunächst nach Oklahoma zurückgekehrt. Indes hat er im Mittleren Westen und im Haushalt seines inzwischen wieder verheirateten Vaters nicht wieder recht Fuß fassen können, nicht zuletzt wohl wegen seiner Homosexualität.

Auf Druck oder Rat seines Vaters verpflichtete er sich bei der US-Armee, wo er aber bereits in der Grundausbildung aufgrund seiner schmächtigen körperlichen Statur und eines offenkundigen Widerspruchsgeists zu leiden hatte. Das Fernsehmagazin Frontline berichtete, dass er seine Homosexualität kaum verbarg - was ihm zusätzlich Probleme bereitete. Zu der Zeit war noch "Don't ask, don't tell" die offizielle Haltung der US-Streitkräfte: Schwule oder Lesben wurden nur geduldet, solange sie ihre sexuelle Orientierung nicht erkennen ließen.

Manning bekam zudem immer wieder Streit mit Kameraden. Seine Vorgesetzten hatten Bedenken, ihn in den Irak zu schicken. Er erhielt dennoch im Herbst 2009 den Marschbefehl, offenbar auch, weil Soldaten mit guten Computerkenntnissen gefragt waren. Zu der Zeit ging eine Beziehung zu einem jungen Mann in Boston in die Brüche, was den ohnehin labilen Manning offenkundig zusätzlich tief traf.

"Das wahrscheinlich größte Datenleck in der amerikanischen Geschichte"

Dreh- und Angelpunkt der Anklage dürfte ein Online-Chat sein, den ein Chatter unter dem Pseudonym "Bradass87" (Manning ist Jahrgang 1987) mit dem Hacker Adrian Lamo, einer Berühmtheit im US-Cyber-Underground, im Mai vergangenen Jahres geführt hatte. Darin bekannte sich "Bradass87" dazu, "das wahrscheinlich größte Datenleck in der amerikanischen Geschichte" verursachen zu wollen.

Außerdem sprach er davon, Kontakt zu einem Australier, einem "weißhaarigen Kerl", zu haben - eine Beschreibung, die auf Julian Assange, den Gründer von Wikileaks, passen würde. Lamo ging seinerzeit mit dem Informationen zur US- Bundespolizei FBI, die nach wenigen Tagen die Festnahme Mannings veranlasste. Die Spuren der Online-Konversation haben Militärermittler nach Informationen der Washington Post sowohl auf Lamos wie auf Mannings Laptop entdeckt.

Mannings Rechtsberater lassen sich bisher nicht auf die Vorwürfe ein, sie fechten die Grundlage des gesamten Prozesses an. Manning werde kein faires Verfahren mehr bekommen, weil niemand anderes als der Präsident ihn schon vorverurteilt habe. Barack Obama hatte am Rande einer Veranstaltung in San Francisco Ende April gesagt, dass Manning "das Gesetz gebrochen" habe.

"Präsident Obama ist der Oberkommandierende der Streitkräfte", sagt Anwalt Kevin Zeese. Seine Feststellung sei eine ungebührliche Beeinflussung der Angehörigen des Militärgerichts durch ihren obersten Vorgesetzten.