Wikileaks-Chef Assange und die Irak-Papiere Mit messianischem Eifer

US-Geheimdokumente über den Irak-Krieg im Netz: Warum der Verdacht besteht, dass es Wikileaks-Chef Assange nicht allein um die Wahrheit geht - sondern auch um eine politische Agenda und seinen Ruhm.

Ein Kommentar von Paul-Anton Krüger

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit - diesen Satz des republikanischen US-Senators Hiram W. Johnson aus dem Jahr 1917 hat Wikileaks-Chef Julian Assange am Samstag bemüht, als die von ihm gegründete Organisation fast 400.000 Dokumente des US-Militärs über den Irak-Krieg ins Netz gestellt hat.

Sieht sich selbst vor allem als Kämpfer für die Wahrheit: Julian Assange

(Foto: AFP)

Die Veröffentlichung begründete er damit, dass er hoffe, die Attacken auf die Wahrheit zu korrigieren, zu denen es vor, während und auch nach dem Krieg gekommen sei. Das ist eine Überhöhung, mit der Assange die Bedeutung der Publikation zu steigern versucht. Das Material aber kann sie nur zum Teil einlösen.

Die Feldberichte der US-Soldaten bergen "keine welterschütternden Enthüllungen", wie die New York Times urteilt. Sie konnte das Material wie einige andere Medien vorab monatelang sichten. Es ergibt sich kein grundlegend neues Bild des Krieges.

Allerdings verdichten und erhärten die Dokumente vieles, was in Grundzügen bekannt ist über schießwütige Sicherheitsdienste, das zum Teil rücksichtslose Vorgehen von US-Soldaten auch gegen Zivilisten, tödliche Zwischenfälle an Kontrollpunkten, die Misshandlungen Gefangener oder Irans Unterstützung für Schiiten-Milizen. Und erste Analysen legen nahe, dass die Zahl der zivilen Opfer noch höher war, als bislang vermutet.

Die Berichte sind Rohmaterial von der Front. Entsprechend vorsichtig muss man ihren Wahrheitsgehalt beurteilen. Es lässt sich kaum prüfen, ob Angaben eines irakischen Informanten den Tatsachen entsprechen, oder ob er nur sagte, was die Amerikaner mutmaßlich von ihm hören wollten. Bei Kampfhandlungen sind die Meldungen oft widersprüchlich, die Zahlen von Opfern unzuverlässig. Dennoch beinhaltet das Material eine Fülle von erschütternden Details, die neue, andere Einblicke in die grausame Wirklichkeit des Krieges geben - sie dokumentieren Schicksale von Menschen.

Nimmt man etwa die Tatsache, dass US-Truppen nicht einschritten, wenn irakische Polizisten oder Soldaten Landsleute misshandelt oder gefoltert haben: Der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat diese Linie vor aller Öffentlichkeit vertreten.

Bei einer Pressekonferenz im November 2005 maßregelte er seinen Generalstabschef Peter Pace, der gesagt hatte, seine Soldaten müssten Misshandlungen stoppen, wenn sie davon erführen: "Ich denke, Sie meinen nicht, dass sie es physisch stoppen müssen, sie müssen es berichten", herrschte Rumsfeld den höchsten US-Offizier an. Welche Folgen dieser Befehl für Tausende Iraker hatte, lässt sich nun nachlesen, und das Ausmaß an Brutalität und Sadismus ist so entsetzlich, dass es beim Leser Übelkeit hochsteigen lässt.

Löchriger Geheimschutz

Die US-Regierung hat Assange vorgeworfen, Leben zu gefährden und auch die Sicherheit der USA. Das Pentagon hat eine 120 Mann starke Truppe zusammengestellt, um den befürchteten Schaden durch die Publikation zu minimieren. Schon das zeigt, wie ernst Washington die Enthüllung nimmt, auch wenn es nur um Berichte der relativ niedrigen Einstufung "geheim" geht, die vermutlich ein US-Gefreiter gestohlen hat.

Assange aber hat reagiert auf die berechtigte Kritik an der Veröffentlichung der Afghanistan-Papiere im Juli: Diesmal wurden offenbar Namen und andere Informationen entfernt, die dazu führen könnten, dass Menschen in Gefahr geraten. Der größte Schaden für die US-Regierung ist, dass Wikileaks bloßgestellt hat, wie löchrig der Geheimschutz des US-Militärs ist. Verbündete wie Informanten werden künftig zögern, den USA noch Informationen anzuvertrauen.

Der Grundkonflikt jedoch geht tiefer: Assange hält Geheimhaltung grundsätzlich für illegitim. Wo es an Offenheit mangelt, vermutet er automatisch Vertuschung, Willkür und Verbrechen. Im Irak-Krieg lässt sich das nicht leugnen, auch wenn vieles in den Papieren belanglos ist. Menschenrechtsorganisationen fordern zu Recht, dass Morde und Misshandlungen aufgeklärt werden, für die es in den Dokumenten Anhaltspunkte gibt.

Das Informationsinteresse der Öffentlichkeit überwiegt hier eindeutig, zumal es sich um historische Daten handelt, die aktuelle Operationen wohl kaum beeinflussen dürften. Assange kann es als sein Verdienst verbuchen, wenn die irakische und auch die britische Regierung - wie angekündigt - den Vorwürfen nachgehen.

Assange und der Ruhm

Regierungen und Streitkräfte sind andererseits auch auf geheimes Wissen angewiesen, um ihre Aufgaben zu erfüllen, um Sicherheit für ihre Bürger zu gewährleisten. Ein Informationsvorsprung kann im Krieg über Sieg oder Niederlage entscheiden, er kann auch dazu beitragen, Anschläge zu verhindern.

Assange erkennt das nicht an, sogar die Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder der Privatsphäre Dritter haben ihn bei Veröffentlichungen bislang nicht gestört. Er verfolgt seine selbstgewählte Mission mit messianischem Eifer und lässt jede Bereitschaft zur Abwägung der widerstreitenden Interessen vermissen.

Enge Mitstreiter, die es gewagt haben, ihn dafür zu kritisierten, schloss Assange kurzerhand von Wikileaks aus. Das nährt den Verdacht, dass es ihm nicht allein um die Wahrheit geht, sondern auch um eine politische Agenda und seinen Ruhm.