Kriegsende 1945 Weitergekämpft bis fünf nach zwölf

Ein amerikanischer GI bewacht junge deutsche Wehrmachtssoldaten nach ihrer Gefangennahme durch die US-Armee.

(Foto: dpa)

Der Krieg verloren, der Glaube an den "Führer" dahin: Warum wehrte sich Deutschland 1945 so blindwütig gegen eine unabwendbare Niederlage? Die Antwort muss man in der Wehrmacht selbst suchen.

Von Felix Römer

An diesem Freitag vor 70 Jahren und fünf Tagen kam mein Großvater um: In den frühen Morgenstunden des 3. Mai 1945 verblutete der 36 Jahre alte Obergefreite Erwin Römer in der Nähe einer kleinen bayerischen Ortschaft am Waginger See, die einen Tag später kampflos von der US-Armee besetzt wurde. Er war einer von mehr als 95 000 deutschen Soldaten, die noch in den letzten acht Tagen des Zweiten Weltkriegs den Tod fanden - ein Sinnbild für den irrwitzigen Kampf der Wehrmacht im Frühjahr 1945.

Bis heute scheint dies schwer verständlich zu sein: Warum verteidigten die Deutschen das untergehende NS-Regime noch so lange und nahmen dafür so viel Tod und Zerstörung in Kauf? Die historische Forschung sieht den entscheidenden Faktor nicht mehr in der NS-Ideologie, stützt aber auch kein neues Opfernarrativ.

Kein Staat wehrte sich jemals so blindwütig gegen eine unabwendbare Niederlage wie das NS-Regime im Frühjahr 1945. Der Krieg war längst entschieden, dennoch starben in keiner Phase so viele Soldaten wie in diesen letzten Monaten. Der Januar 1945 wurde mit 450 000 Toten zum verlustreichsten Monat des gesamten Zweiten Weltkriegs, und bis zu dessen Ende fiel eine weitere Million. Hinzu kam der Tod aus der Luft, der seit September 1944 neue Dimensionen annahm: In den letzten acht Monaten fielen etwa drei Viertel aller Bomben des ganzen Krieges.

Die Endphase des Krieges ließ für die Deutschen alles andere verblassen

Außer immer größeren Verwüstungen erlebten die Deutschen den Terror des NS-Regimes, Hunger und Not, Flucht und Vertreibung. Die letzten Kriegsmonate waren eine solch einschneidende Erfahrung, dass in der Erinnerung der Deutschen nach 1945 zunächst alles andere verblasste - einschließlich der Gewalt, die zuvor von ihnen selbst ausgegangen war. Die überragende Rolle der Endphase im Gedächtnis der Nachkriegszeit sprach noch aus Richard von Weizsäckers wegweisender Rede von 1985.

Die Katastrophe war absehbar, denn die Ausgangslage zum Jahresbeginn 1945 war hoffnungslos. Die Wehrmacht war nur noch auf dem Papier stark. An Truppen, Waffen und Material waren ihr die Gegner um ein Vielfaches überlegen. In Ostpreußen standen die deutschen Einheiten teilweise einer zwanzigfachen Übermacht der Roten Armee gegenüber. Gleichzeitig kompensierte die Wehrmacht ihre Verluste mit hastig aufgestellten Verbänden aus überwiegend unerfahrenen und schlecht ausgebildeten Rekruten. Für eine moderne Kriegführung fehlten fast alle Voraussetzungen: Die alliierte Luftoffensive gegen die deutsche Treibstoffproduktion legte seit Frühjahr 1944 nicht nur die Luftwaffe, sondern zunehmend auch das Heer lahm. Seit Frühsommer 1944 besaßen die Alliierten die absolute Luftüberlegenheit.

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An der Ostfront kämpften Wehrmacht, SS und Volkssturm deutlich aufopferungsvoller als im Westen. Nur ein Beispiel: Bei der Auflösung des Ruhrkessels im April 1945 etwa ergaben sich die meisten der mehr als 300 000 eingeschlossenen Wehrmachtssoldaten der US-Armee. Fast um dieselbe Zeit lieferten sich die bei Halbe südlich von Berlin eingekesselten Truppen erbitterte Kämpfe mit der Roten Armee - bei den verzweifelten Ausbruchsversuchen kamen wohl 60 000 von ihnen ums Leben.

Nicht alle Soldaten marschierten wie Lemminge in den Untergang

Der andere Kriegsstil war letztlich eine Folge der deutschen Vernichtungspolitik in der Sowjetunion und der wechselseitigen Eskalation der Gewalt zwischen Wehrmacht und Roter Armee seit 1941 - hierbei spielten auch ideologisierte Feindbilder eine Rolle, die von der NS-Propaganda geschürt wurden. Insbesondere an der Ostfront glaubten die Soldaten, das Vaterland verteidigen zu müssen, auch wenn sie es dabei zerstörten.

Bis fünf nach zwölf kämpfte die Wehrmacht indes nur stellenweise: Der Widerstand war am Anfang vom Ende besonders stark und ließ dann tendenziell nach. Im Vorfeld des Rheins und am Westwall war der Widerstand der deutschen Truppen noch deutlich zäher als nach der alliierten Rheinüberquerung im März. Als die Westalliierten anschließend durch die aufgerissene Front vorstießen, leisteten viele Soldaten nur noch scheinbar Widerstand - eine reelle Alternative zur Desertion, die massenhaft genutzt wurde. Dasselbe Muster zeigte sich jetzt sogar an der Ostfront. Nicht alle Soldaten marschierten also wie Lemminge in den Untergang.

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Gleichwohl: Auch nach dem Rheinübergang kam es vielerorts zu heftigen Gefechten. Die zusammengewürfelten Truppen der 19. Armee leisten während der ersten drei Aprilwochen so ernsthaften Widerstand, dass viele Ortschaften in Baden dabei dem Erdboden gleichgemacht wurden. Das Verhalten der Truppen wurde immer uneinheitlicher: Manche Einheiten kapitulierten schnell, während andere unter hohen Verlusten verbissen weiterkämpften. Entscheidend waren die Verhältnisse vor Ort - der Zustand, die Ausrüstung, die Zusammensetzung und nicht zuletzt das Führungspersonal der Einheiten.