Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus Kinder, rettet die Demokratie!

Teenager sind rätselhafte Wesen, auch für Politiker. Doch wenn beide aufeinandertreffen, zeigt sich: in manchen Dingen sind sie erwachsener als die Erwachsenen.

Ein Schulbesuch von Hannah Beitzer, Berlin

Sie ziehen sich komisch an. Zum Beispiel diese Hosen, die die Nieren einschnüren und dann am Knie so große Löcher haben, dass man von Hosen kaum mehr sprechen kann! Sie reden komisch. Smombie, sagt man das echt so, ja? Teenager sind aus der Sicht von Erwachsenen ziemlich rätselhafte Wesen, das gilt für Eltern, zufällige Beobachter und für Politiker.

Weil Jugendliche aber irgendwann wählen können, müssen letztere sich dringend mit ihnen auseinandersetzen. Am 18. September wählen zum Beispiel die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Knapp 188 000 der Wahlberechtigten sind zwischen 18 und 25 Jahren alt, viele davon wählen zum ersten Mal. Um diese Erstwähler geht es bei der "It's your choice"-Schultour.

Die Idee: Vertreter der Parteien im Abgeordnetenhaus besuchen Schüler in ganz Berlin - und motivieren diese nebenbei, im September tatsächlich zur Wahl zu gehen. Wie läuft das so? Ein Besuch auf dem Grünen Campus Malchow, einer Gesamtschule im Berliner Bezirk Lichtenberg. Drei Themen haben sich die Schüler hier ausgesucht, über die sie die Politiker befragen wollen: Nachhaltigkeit, Asyl/Rassismus und die Finanzierung der Bildung.

Sex vor der Ehe? "Total eklig!"

Welche Werte haben Schüler aus Neukölln? Sie wollen Sex nur in der Ehe und später vielleicht Polizist werden, verrät ein Besuch im Bildungsprogramm "Dialog macht Schule". Reportage von Hannah Beitzer mehr ...

Wie machten sich die Politiker?

Die Distanzierte: "Ich bin schon ein bisschen älter": Stimmt schon, was Marion Platta von den Linken sagt. 1960 ist sie geboren und damit schon recht weit entfernt von der Lebenswelt der Jugendlichen. Wer sich so gibt, wirkt im besten Fall ehrlich. Zuweilen aber auch steif. Zum Beispiel wenn Platta Dinge sagt wie: "Ich habe mir Hohenschönhausen erst später erobert, weil die große Straße Landsberger Allee eine trennende Wirkung hat." Oder erzählt, wie sie in der DDR "Sekundärrohstoffe" gesammelt habe.

Manchmal kann das auch in Unsicherheit kippen, wie Plattas Abgeordnetenhaus Kollegin Karin Halsch (SPD, ebenfalls Jahrgang 1960) zeigt. "Ich freue mich, dass ihr so zahlreich...", setzt sie an und unterbricht sich. "Darf man eigentlich noch Du sagen? Oder Sie?" Du ist in Ordnung, befinden die Moderatoren für sie.

Die Freundin: Ganz anders geht Antje Kapek von den Grünen vor: "Guten Tag, ich bin die Antje. Ihr dürft mich auch duzen." Und etwas später: "Ganz ehrlich, ich bin genauso müde wie ihr." Das kann schnell in die Hose gehen - Stichwort: Anbiederung. Aber zu den Grünen passt es, zu Kapek auch. Zum einen ist sie mit 39 Jahren tatsächlich noch einigermaßen jung. Zumindestens für die Maßstäbe des Politikbetriebs. Und zum anderen schafft sie es immer wieder, mit persönlichen Geschichten klar zu machen: So wie es euch jetzt geht, ging es mir auch mal.

Der Herausfordernde: Als eigentlich jugendlichste Partei gelten die Grünen allerdings schon lange nicht mehr. Den Anspruch haben ihnen 2011 die Piraten abgenommen. Doch ihr Abgeordneter Philipp Magalski hält sich mit dem Du nicht auf. Stattdessen ist er es, der die Jugendlichen am meisten herausfordert. Statt auf Ich-Appelle setzt er auf die gesellschaftlichen Zusammehänge, fordert die Schüler zum Handeln auf. "Wir müssen in dieser Gesellschaft ein Bewusstsein dafür schaffen, dass alle Menschen dieselben Rechte haben", sagt er zum Thema Asyl. "Wir müssen es schaffen, Ressentiments abzubauen." Dafür gibt es viel Applaus.

Der Väterliche: Jüngster Teilnehmer der Runde ist Danny Freymark, CDU. Er ist 33 Jahre - und nimmt trotzdem etwas unerwartet in der Runde die Vaterrolle an. "Erst einmal zu dir, junger Mann", wendet er sich zum Beispiel an einen Schüler. Die Schülersprecherin, die berichtet, wie sie vergeblich Geld für Spinde beantragt hat, verweist er milde darauf, dass es für solche Angelegenheiten die Abgeordneten vor Ort gäbe. Das wirkt etwas von oben herab, erst recht weil seine SPD-Kollegin einwirft, die Schule habe sie kontaktiert. Doch es gelingt ihm ebenso wie Magalski, die Schüler herauszufordern, gerade, weil er streng mit ihnen ist, ihnen verbal in den Hintern tritt. Und nebenbei immer wieder Anekdoten aus dem eigenen Leben beisteuert, die zeigen, dass auch er nicht von Anfang an superengagiert war.

Wie lief die Diskussion?

Sie beginnt mit einem schwierigen Fall, nämlich dem von Schüler Levan. Er erzählt, dass seine Mutter bald, nämlich einen Tag vor seinem 18. Geburtstag, abgeschoben werden soll. Ihm selbst habe auch schon einmal die Abschiebung gedroht, doch wegen seiner guten Noten sei ihm schließlich erlaubt worden, hier die Schule fertig zu machen. "Wie kann das sein, dass jetzt so viele Leute kommen und meine Mutter gehen muss?"

SPD-Frau Halscha fragt erst einmal nach: Warum genau muss die Mutter gehen? Was macht sie denn gerade? Und was macht Levan? Etwas einfacher tut sich da "die Antje" von den Grünen: "Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ungerecht und schwierig das deutsche Asylrecht ist." Doch auch sie stimmt mit Halscha überein: Levans Fall ist ein wenig zu schwer, um ihn hier auf die Schnelle zu lösen.