Vor Wahlen in Argentinien Kirchners Operation sorgt für innenpolitische Komplikationen

Das Volk schickt Genesungswünsche, die Opposition Kritik: Drei Wochen vor der Parlamentswahl liegt Argentiniens Staatschefin Cristina Kirchner wegen einer Operation im Krankenhaus und muss sich schonen. Ihr Vertreter ist wegen einer Korruptionsaffäre umstritten.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ist am Dienstag operiert worden, und das Land hielt kurz den Atem an. Ein Neurochirurg entfernte einen Bluterguss unter der Schädeldecke, den sich Kirchner offenbar bei einem Sturz zugezogen hatte. Am Wochenende war die 60 Jahre alte Politikerin wegen Herzrhythmusstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen untersucht worden, dabei wurde das Hämatom entdeckt. Wegen tauber Gefühle im linken Arm ließ sie sich dann in die Klinik der Stiftung Favaloro von Buenos Aires einweisen. Zunächst wurde der Patientin nur Ruhe verordnet. Danach entschieden Spezialisten, die Blutung abzusaugen. Es war eine Routinemaßnahme ohne Komplikationen, am Mittag gab ein Sprecher Entwarnung.

Nach dem Eingriff soll die Präsidentin bis zu zwei Tagen auf der Intensivstation bleiben. Ihr Amt wird sie wohl einen Monat lang nicht ausführen können, trotz der Parlamentswahl am 27. Oktober. Die Vertretung übernimmt ihr Vize Amado Boudou. Das entspricht der Verfassung, sorgt aber dennoch für Unruhe.

Gegen den früheren Wirtschaftsminister Boudou, 50, wird wegen Korruption ermittelt, es geht unter anderem um den Kauf einer Druckerei für Banknoten. "Sie nimmt sich die Auszeit, die sie braucht", sagte Boudou. "Wir führen die Verwaltung mit aller Kraft fort. Das ist nicht neu und schafft keinerlei Unsicherheit."

Nach ihrem ersten Wahlsieg 2007 war die argentinische Präsidentin immer mal wieder wegen gesundheitlicher Probleme ausgefallen. Unter anderem wurde bei ihr Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, der sich jedoch als gutartiges Geschwür erwies. Im Oktober 2010 starb ihr Mann und Vorgänger Néstor Kirchner im Wochenenddomizil in Patagonien an einem Herzinfarkt. Seitdem trägt die Witwe schwarz und wirkt besonders sensibel. Erst die Geburt ihres ersten Enkels sorgte für neue Hochgefühle. Bilder ihrer Einlieferung in das Hospital zeigten sie ungeschminkt und mit Sonnenbrille. Ihre Mutter, ihr Sohn Máximo sowie ihre Schwägerin und Sozialministerin Alícia Kirchner eilten zur Stiftung Favaloro. Sympathisanten versammelten sich mit Plakaten am Eingang.

Nachfolger gesucht

Gerüchte über ihren Zustand machten die Runde, im Fernsehen erklärten Ärzte mit Plastikmodellen die anstehende Operation. Auch Oppositionelle wünschten der Staatschefin gute Besserung, beschwerten sich aber über ihren Stellvertreter Boudou und angebliche Geheimniskrämerei. Manche Kritiker verstiegen sich zu absurden Theorien über die Ursachen des Leidens mitten im Wahlkampf. Frau Fernández de Kirchner hat wie einst Evita Perón außer vielen Anhängern auch zahlreiche Gegner.

Seit 2003 regieren die Kirchners und ihre Frente para la victoria, die "Front für den Sieg", eine linke Fraktion des Peronismus'. Erst war Néstor Kirchner der Hausherr im Präsidentschaftspalast Casa Rosada und der Residenz Los Olivos, seit sechs Jahren führt sie das Land. Argentiniens Wirtschaft wächst immer noch, aber nicht mehr so fulminant wie während des Booms, der dem Staatsbankrott 2001/2002 folgte. Wählern missfallen vor allem die Inflation und Beschränkungen bei Importen und Dollarkauf. Im Parlament könnte die Regierung demnächst ihre Mehrheit verlieren. Doch die Herausforderer suchen noch nach ihrer Figur für die Präsidentenwahl 2015. Auch Cristina Fernández de Kirchner muss sich um einen politischen Erben bemühen, denn sie darf nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten.