Die Linken fühlen sich missachtet, SPD und Grüne fühlen sich über den Tisch gezogen - am Tag nach den gescheiterten Hartz-IV-Verhandlungen wollen alle Parteien die Deutungshoheit über die Ereignisse der Nacht erringen.
Gregor Gysi versucht es mit einem Beschwerdebrief: Der Linken-Fraktionschef schreibt an Bundestagspräsident Norbert Lammert, das ganze Vermittlungsverfahren um die Hartz-IV-Reform sei illegal. Die am Ende gescheiterten nächtlichen Verhandlungsrunden: illegal. Die heutige Sitzung des Vermittlungsausschusses: illegal. Warum? Weil man die Linke nicht beteiligt hatte. Schließlich war dies zugesagt worden, nachdem die Partei Verfassungsbeschwerde gegen die Nichtbeteiligung eingelegt hatte.
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Der Brief, der sueddeutsche.de vorliegt, ist einer von vielen Versuchen, in der PR-Schlacht um die Hartz-IV-Reform die Deutungshoheit zu gewinnen.
"Unsere Vertreterin im Vermittlungsausschuss wird selbstverständlich die Absetzung der Sitzung und die Einhaltung der Ladungsfrist fordern", schreibt Gysi an Lammert. Es sei aber damit zu rechnen, dass die Vertreter der anderen Parteien bei ihrem "illegalen Vorhaben bleiben und den Antrag zurückweisen werden".
Zusätzliche Bedingung?
Die Sozialdemokraten haben unterdessen neue Nahrung für ihren Verdacht gefunden, dass die Verhandlungen von Sonntag und Dienstag von Seiten der Regierung auf ein Scheitern angelegt gewesen waren - um Streit innerhalb von Schwarz-Gelb zu kaschieren.
Geliefert hat den Hinweis ausgerechnet die Koalition selbst. An diesem Morgen ging in den Büros der Verhandler von SPD und Grünen auf offiziellem Wege kurz vor Beginn der Sitzung des Vermittlungsausschusses eine Protokollnotiz ein, die sueddeutsche.de vorliegt. Darin geht es um die Zusage, dass der Bund den Kommunen die Kosten für die Grundsicherung im Alter sukzessive abnimmt. Bis 2015 sollen so rund zwölf Milliarden Euro in den kommunalen Kassen bleiben.
Bisher hieß es, das Angebot sei an keine weitergehende Bedingung geknüpft als jene, dass die Kommunen dafür die Bildungsangebote für bedürftige Kinder koordinieren und finanzieren, um die im Rahmen der Hartz-IV-Verhandlungen hart gerungen wird.
Die Protokollnotiz aber liest sich, als wenn es ohne eine Gemeindefinanzreform keine Entlastung geben könne. Wörtlich heißt es: Die Änderungen bei der kommunalen Steuerfinanzierung und die Entlastung der Kommunen bei den Sozialabgaben werden "im Paket" im Rahmen der abschließenden Gemeindefinanzkommission im März einvernehmlich beschlossen.
Wäre das so, hätte die Regierung ganz offensichtlich versucht, die Opposition über den Tisch zu ziehen. Die hegt nun nämlich den Verdacht, dass die Zahlung sehr wohl an eine Bedingung geknüpft ist.
Vermutungen bei den Sozialdemokraten
Vor allem die SPD vermutet dahinter einen ungeklärten Streit um die Gemeindefinanzreform in der Koalition. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte das Zwölf-Milliarden-Euro-Paket bereits im vergangenen Herbst in Aussicht gestellt, um die darbenden Kommunen zu entlasten. Die FDP wollte dies jedoch an die Gemeindefinanzreform koppeln. Das aber wollte die Unionsseite damals nicht mittragen.
In den Hartz-IV-Verhandlungen tauchte dann der Entlastungsvorschlag für die Kommunen wieder auf - angeblich ohne eine Kopplung an einen kommunalen Hebesatz. SPD und Grüne haben das grundsätzlich begrüßt.
Angesichts der Protokollnotiz aber fällt es der Opposition schwer, zu glauben, dass das Geld bedingungslos fließen sollte. Hinzu kommt, dass das Schreiben vom vergangenen Sonntag, elf Uhr, datiert. Es war also fertig, bevor die Verhandlungen mit SPD und Grünen in die entscheidende Phase gingen. Die Vermutung liegt nahe, dass die FDP sich hier gegenüber der Union durchgesetzt hat.
Im Bundesrat beteuern den Morgen über Vertreter der Regierungsseite, dass an einer solchen Verknüpfung nichts dran sei. Noch in der Vorbesprechung zur Sitzung des Vermittlungsausschusses sei die Bedingungslosigkeit noch einmal bestätigt worden.
Nach Informationen von sueddeutsche.de soll der missverständliche Passus nun noch geändert werden.
Der Vermittlungsausschuss hat am Nachmittag erwartungsgemäß keinen Durchbruch gebracht. Ein letzter Vorstoß von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) fand keine Unterstützung der SPD-geführten Bundesländer.
Seehofer schlug vor, das umstrittene Zwölf-Milliarden-Paket mit einer Überprüfungsklausel zu versehen, um die Sorge der Opposition zu zerstreuen, dass das Geld möglicherweise nicht wie geplant bei den Kindern ankommen würde.
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(sueddeutsche.de/mcs/woja/plin/mikö)
Debatte über Militäreinsatz in Syrien
Bei den Freibeträgen vom Einkommen zu Hartz-IV wird wie folgt gerechnet.
Ihre Einnahmen: Bruttolohn plus Kindergeld, ggf. Unterhalt, Zinsen....
Abzüglich: Steuern/Sozialversicherung auf den Lohn
Abzüglich: Werbungskosten, ggf. Versicherungspauschale.
Abzüglich: Freibeträge vom Erwerbseinkommen.
Dieses sind Ihre Einnahmen. Davon abgezogen wird weiterhin
Abzüglich: angemessene Miete, Nebenkosten
Abzüglich: Ihr ALG-II Barbedarf der Familie.
Ist die Zahl kleiner Null wird die Differenz zu Null ausbezahlt.
Rechenbeispiel: Sie sind in München, 3 schulpflichtige Kinder, 900€ angemessene Kaltmiete, 150€ Heiz- und Nebenkosten liegen an, Sie bekommen 1500€ Brutto, Ihre Frau hat einen 400€ Job.
Einnahmen: 1500€ Brutto plus 400€ sind 1900€ plus ca. 570€ Kindergeld. Summe: 2470€ formal.
Freibetrag Erwerbseinkommen Vater: 310€ (100€ plus 20% von 100..800€ plus 10% von 800..1500€)
Freibetrag Erwerbseinkommen Mutter: 160€ (100€ plus 20% 100..400€)
Verbleiben formal als Einkommen: 2000€ minus meistens 2 x 30€ Versicherungspauschale, also 1940€.
Ausgaben:
313€ Sozialabgaben
0€ Werbungskosten. ÖPNV Monatstickets werden durchaus anerkannt.
900€ Kaltmiete
150€ Nebenkosten
2 x 323€ Hartz-IV Bedarf Vater/Mutter
753€ für die Kinder
Diese vom formalen Einkommen abgezogen ergibt -762 bis -822€. Diese Summe erhalten Sie vom Amt als Stütze.
Das heißt für Ihr Konto:
Von 1500€ des Vaters kommen 1186€ Netto an.
Von 400€ der Mutter 400€
Kindergeld 570€
Stütze: 822€ wenn die Versicherungspauschale gewährt wird.
Sind in Summe Einnahmen von 2978€.
Ohne Arbeit fallen natürlich die Freibeträge von 310 + 160€ weg, damit kommen als Summe aus Kindergeld und Stütze 2450€ aufs Konto.
Dass die Argen alles andere als Effizient sind bestreitet wahrscheinlich niemand. Ich kenne im Bekanntenkreis persönlich keinen, dem eine Stelle vom Arbeitsamt vermittelt werden konnte. Natürlich kann man den Verwaltungskram noch weiter vereinfachen. Wenn Sie z.B. wie in Schweden oder AFAIK Dänemark eine regional festzulegende Mietpauschale nach Haushaltsgröße gestaffelt ausbezahlen wäre ein fett zweistelliger Prozentsatz aller Streitigkeiten hinfällig. Kabelgeböhren z.B. sind Nebenkosten wenn es im Haus gemeinschaftlich genutzt wird, haben Sie einen gleich teuren "privaten" Kabelanschluss ist das Ihr Privatvergnügen.
Na, dann ist die Mietobergrenze für München noch niedriger, als ich anhand der Dachauer geschätzt hatte...
Na dann sollen diejenigen, die sich über die Mietkostenübernahme aufregen, mal versuchen in München eine 45m²-Wohnung mit 8€50/m² zu finden...
Ihr Rechnungsbeispiel hab ich zugegebenermaßen nicht verstanden.
Das heißt also, dass man bis zu 1500€ brutto Hartz-IV in Höhe von etwa 300€ bekommen könnte?
"Wenn Sie nicht arbeiten wollen und Ihnen der Unwille nachgewiesen wird. Wenn Sie nur keinen Job finden, sich aber wenigstens formal bemühen wird nichts gekürzt."
Das ist so nicht ganz richtig: Sie müssen Eigeninitiative vorweisen und pro Monat in der Regel 5 Bewerbungen vorweisen können. Wenn Ihre Sachbearbeiterin eine Stelle für Sie gefunden hat, dann müssen Sie sich auf diese auch bewerben. Zu Vorstellungsgesprächen muss man natürlich auch antreten - und darf nicht sofort abweisend reagieren. Sind Sie nun Langzeitarbeitsloser, dann werden die Ihnen angbotenen Jobs natürlich immer anspruchsloser... Wenn es dann mit der Vermittlung immer noch nicht klappt, wird natürlich nachgefragt, woran s denn liegt.
"Ihr Punkt 6 ist ebenfalls nicht richtig. Sie schreiben "Und die Lohnnebenkosten zu hoch (nicht wegen zu hoher Sozialausgaben, sondern wegen zu teurer Bürokratie)"
Verwaltungsausgaben der Rentenkasse: ca 2%, schauen Sie in deren Finanzportal. Die Techniker Krankenkasse weist 2006 620 Millionen Verwaltungsauskosten bei 14 Mrd Euro Gesamtausgaben aus, das sind 4% "
Na, dann ist doch offensichtlich, warum die TKK zu den beliebteren und empfohleneren GKV gehört... Mich würde in de Zusammenhang mal ein Vergleich mit AOK und Barmer interessieren... ;-)
Gerade die Agentur für Arbeit und v.a. die ARGE sind aber auch ein erschreckendes Beispiel für den Bürokratiewahnsinn: Die Mitarbeiter (zumindest die auf Kundenebene) sind schlecht bezahlt, der Verwaltungsaufwand aber viel zu groß und die Kosten (nicht die Ausgaben!) viel zu hoch...
Sie Irren.
Google sagt folgende Mietobergrenzen für München: http://www.muenchen.de/Rathaus/soz/03a_arge/233888/mietobergrenzen.html ... Kaltmiete ca 8,50€/m².
Ihr Punkt 3 ist inhaltlich völliger Unfug. Sie schreiben:
"Auch bei der Hartz-IV-Familie müssen die Eltern arbeiten. Die werden dann aber auf das Hartz-IV-Leistung angerechnet, sodass es bei der Regelleistung bleiben dürfte... "
Unfug. Freibeträge vom Erwerbseinkommen. Jeder hat die ersten 100€ frei, von den nächsten 700€ werden 80% als Einkommen angerechnet (Summe: 800€), von weiteren 700€ werden 90% verrechnet. Macht bei 1500€ Brutto etwa 310€ plus ggf. anerkennungsfähige Werbungskosten, hängt leider etwas vom Fallmanager ab.
"Arbeiten sie nicht, wird ihnen die Leistung gekürzt (bis auf ein Drittel des Regelsatzes). "
Nicht richtig. Wenn Sie nicht arbeiten wollen und Ihnen der Unwille nachgewiesen wird. Wenn Sie nur keinen Job finden, sich aber wenigstens formal bemühen wird nichts gekürzt.
Ihr Punkt 6 ist ebenfalls nicht richtig. Sie schreiben "Und die Lohnnebenkosten zu hoch (nicht wegen zu hoher Sozialausgaben, sondern wegen zu teurer Bürokratie)"
Verwaltungsausgaben der Rentenkasse: ca 2%, schauen Sie in deren Finanzportal. Die Techniker Krankenkasse weist 2006 620 Millionen Verwaltungsauskosten bei 14 Mrd Euro Gesamtausgaben aus, das sind 4%
Freut mich dass Sie sich offensichtlich engagieren, nachdenken und etwas mehr wie "alle dumm ausser ich" Foristen schreiben. Das ist leider sehr selten in diesem Forum. Trotzdem könnten sie mit einem Hauch mehr Sorgfalt manche Stammtischparole entkräften.
Nun:
1. Auch die Familie mit den arbeitenden Eltern kann Wohngeld beantragen, wird sie vermutlich auch kriegen. (Sie kriegen übrigens auch eine Wohnungserstausstattung bezahlt vom Amt, wenn Sie in eine neue Wohnung zur Arbeitsaufnahme einziehen.)
2. Wie hoch ist denn der Mietzuschuss?
Werden Kinder für die Wohnraumberechnung voll angerechnet?
Dann wäre der gesetzliche Anspruch bei 105m². (45m²+15m² für jede weitere Person)
Der Quadratmeterpreis, der in München zur Berechnung der Hartz-IV-Miete herangezogen wird, dürfte bei 10€/m² liegen. (In Dachau waren es 9€/m².)
3. Auch bei der Hartz-IV-Familie müssen die Eltern arbeiten. Wenn Sie "minderqualifiziert" sind, dann finden sich 100%ig entsprechende Jobs... Die werden dann aber auf das Hartz-IV-Leistung angerechnet, sodass es bei der Regelleistung bleiben dürfte... Arbeiten sie nicht, wird ihnen die Leistung gekürzt (bis auf ein Drittel des Regelsatzes).
4. Wenn Sie wissen wollen, worin der Ansporn für den Arbeitsuchenden sein soll: Machen Sie doch mal folgendes Experiment. Nehmen Sie ein Jahr Urlaub und sitzen Sie zuhause rum. Machen Sie nichts. Ihnen wird todlangweilig, und sie werden eine Beschäftigung herbeisehnen!
5. Warum wird immer davon ausgegangen, dass Hartzer nicht arbeiten wollen? Das sind doch nur wenige Extremfälle. Betrachten Sie doch lieber die Normalfälle: Leute über 50, die Ihre Stelle verloren haben. Leute, die ihr Stuidum/ihre Ausbildung abgeschlossen haben, und keine Einstiegsstelle finden. Leute, die einer Arbeit nachgehen, aber den Lohn mit HArtz IV aufstocken müssen.
6. Und es ist ja nicht so, dass die Regelbezüge eines Hartz-IV-Empfänger zu hoch wären - die Löhne eines Arbeitnehmers sind zu niedrig! Und die Lohnnebenkosten zu hoch (nicht wegen zu hoher Sozialausgaben, sondern wegen zu teurer Bürokratie)...
Schuld an der Misere trägt die Wirtschaft, die das Humankapital ausbeutet und die Politik, die es nicht schafft, die Bürokratie so abzubauen, dass die Lohnnebenkosten sinken würden. (Beispiel: Die KV-Beiträge sind gerade deshalb so hoch, weil der Verwaltungsapparat so teuer ist.)
Tja, Herr Guysi, das Leben ist zum Glück nicht mehr so wie in der DDR, wo die SED/PDS/Linke alles vorgeschrieben hat.
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