Verhältnis Skandinavien-Russland Furcht vor dem großen Nachbarn

Der Kremlchef 2013 bei einem Seemanöver: Auch die skandinavischen Länder beginnen, ihre Sicherheitspolitik zu überdenken.

(Foto: Aleksey Nikolskyi/Reuters)

Die Nähe zu Russland zwingt die Nordeuropäer in der Ukraine-Krise dazu, ihre Sicherheitspolitik zu überdenken. Schweden will wieder in seine Armee investieren - und denkt wie Finnland über einen Nato-Beitritt nach.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Es ist ausgerechnet zu einem Zeitpunkt passiert, als ganz Europa über sichere Lufträume sprach. Am 18. Juli drang ein amerikanisches Spionageflugzeug ohne Erlaubnis in den schwedischen Luftraum ein. Nur einen Tag zuvor war der Flug MH17 über der Ostukraine abgestürzt, vermutlich getroffen von einer Rakete prorussischer Separatisten. Entsprechend groß war die Aufregung der schwedischen Medien, als nun bekannt wurde, dass eine fremde Maschine unerlaubt über Gotland geflogen war. Es habe sich um ein US-Spionageflugzeug gehandelt, berichtete die schwedische Zeitung Svenska Dagbladet. Der Sender CNN zitiert einen Offiziellen des US-Militärs: Der Aufklärer sei in internationalem Luftraum vom russischen Militär entdeckt worden und habe den kürzesten Weg gewählt, um der Situation zu entkommen. Weil so etwas in Zukunft wieder vorkommen könnte, rede man nun mit den schwedischen Behörden. Die allerdings sagen lieber nichts zu dem Vorfall.

Der Ukraine-Konflikt stellt die nordeuropäischen Länder Schweden, Finnland und Norwegen vor Herausforderungen. Wegen ihrer geografischen Nähe zu Russland müssen sie ihre Sicherheitspolitik überdenken. Schweden und Finnland gehören nicht der Nato an. Wegen ihrer Handelsbeziehungen zum großen Nachbarn leiden sie unter Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Norwegen ist Nato-, aber kein EU-Mitglied.

In Schweden diskutieren Politiker seit Jahren über eine neue Verteidigungsstrategie. Seit Russland die Krim annektiert hat, folgen den Worten zunehmend Taten: Verteidigungsministerin Karin Enström hat mehr Truppen in die Ostsee und auf die Insel Gotland geschickt. Schweden, das jahrelang an seiner Armee gespart hat, will nun wieder investieren. Die Regierung hat im Mai angekündigt, 70 statt 60 Kampfflugzeuge und fünf statt vier U-Boote zu ordern. Die Frage, ob Schweden sich selbst verteidigen kann, wird umso emotionaler gestellt, seit im April Berichte über sechs russische Kampfflugzeuge öffentlich wurden, die Angriffe auf Schweden geübt haben sollen. Damals war offenbar kein schwedischer Kampfjet einsatzbereit.

Als Nato-Nichtmitglieder rücken Schweden und Finnland enger zusammen. Enström und ihr finnischer Amtskollege Carl Haglund wollen stärker kooperieren, vor allem was Ausbildung und Training angeht. Es gilt als sicher, dass beide Länder nur gemeinsam der Nato beitreten würden. Derzeit ist die Mehrheit der Finnen und Schweden dagegen, doch der Widerstand schrumpft. Bei einer Umfrage in Schweden konnte sich im Mai bereits ein Drittel der Befragten den Beitritt vorstellen, vor drei Jahren lag die Quote nur bei 23 Prozent. Allerdings sind die Nato-Gegner mit 40 Prozent immer noch in der relativen Mehrheit.

In Finnland hat sich die Regierungskoalition aus sechs Parteien bei Amtsantritt darauf geeinigt, der Nato fernzubleiben. Daran hält sich bisher Premierminister Alexander Stubb, der das Amt im Juni von seinem Parteikollegen Jyrki Katainen übernommen hat und wie dieser den Beitritt befürwortet. Russland, mit dem sich Finnland eine 1340 Kilometer lange Grenze teilt, ist in Helsinki das wichtigste Thema nach der Sommerpause. Vergangene Woche forderte Jussi Niinistö, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Parlament, die Bündnisoptionen Finnlands genauer zu untersuchen. Insgesamt gebe es drei Möglichkeiten, erläutert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, neben dem Beitritt zur Nato eine stärkere Partnerschaft mit Schweden oder die Fortsetzung des Alleingangs.

Wirtschaftssanktionen gegen Russland treffen auch Skandinavier

Mehr noch als um Sicherheit sorgen sich finnische Politiker darum, welchen Schaden die Wirtschaftssanktionen gegen Russland bei ihnen verursachen könnten. Ministerpräsident Stubb versucht zwar, zu beschwichtigen: Die Maßnahmen würden nur einen kleinen Teil des Handels mit Russland betreffen, die Auswirkungen auf Finnland seien nicht gravierend. Wenn allerdings die russische Wirtschaft stagniert, könne das Finnland indirekt treffen. Fast zehn Prozent der finnischen Exporte gehen nach Russland. Moskau liefert dafür Rohstoffe und Energie. Beispielsweise bezieht Finnland 100 Prozent seines Erdgases aus Russland und hat deshalb dafür gesorgt, dass es vom Gas als Energiequelle weitgehend unabhängig wird.

Finnlands Präsident Sauli Niinistö warnte vor allem vor indirekten Folgen der Sanktionen, etwa Gegenmaßnahmen der Russen. Es sei wichtig, den Dialog mit ihnen fortzuführen, zitiert ihn das finnische Radio. "Die Spirale aus Negativität, die die globale Politik zwischen West und Ost zu bestimmen scheint, hat noch nie jemandem genutzt, am wenigsten Finnland."

Während Finnland als EU-Mitglied die Sanktionen gegen Russland mit beschlossen hat, muss Norwegen sich entscheiden, ob es ihnen folgen wird. Das Land grenzt im Norden ebenfalls an Russland. Es gebe "gute Gründe für Norwegen", die Maßnahmen zu übernehmen, sagte Außenminister Børge Brende. Er werde aber das norwegische Parlament befragen, bevor er entscheide. "In einer Situation wie dieser haben wir keine Wahl als zu reagieren. Die EU hat das in konsequenter Weise getan." Entscheidet sich Norwegen für die Sanktionen, müsste wohl auch der 653 Milliarden Euro schwere staatliche Pensionsfonds sein Portfolio überdenken. Er hatte zu Jahresende mehrere Milliarden Euro in Russland investiert.

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