USA und Deutschland Wer so viel Speicherplatz hat, braucht keine Freunde

Obama und Merkel: schwierige Partnerschaft

Die USA suchen keine Allianzen mehr. Die Geduld mit Europa ist seit 9/11 erschöpft. Die politische Klugheit wurde weggespült von einer Datenflut. Offenbar hat der mächtige, graue Apparat jetzt auch das Steuer der US-Politik ergriffen. Und doch: Deutschland profitiert davon.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Zum 3. Oktober 1990, dem Tag der deutsch-deutschen Vereinigung, sandte der damalige US-Präsident George Bush eine Grußbotschaft an das deutsche Volk. Wer die Worte damals gehört hat, wird sie abgetan haben als Schönwettergewäsch. Wer den Text heute mit ein bisschen Verständnis für das politische Selbstverständnis Amerikas als einzige Weltmacht liest, dem werden die Augen aufgehen. "Wir werden", so schrieb Bush, "gemeinsam Partner bei der Führung sein" - "partners in leadership".

George Bush war einer der letzten Präsidenten (neben Bill Clinton), der Europa und Deutschland wirklich verstand. Wenn er von Deutschland "Führung" einforderte, dann handelte es sich nicht um eine eben mal hingeworfene Floskel. Bush und seine Berater wussten, welches politische Gewicht dieses größere und stärkere Deutschland entwickeln würde. Freilich löste die amerikanische Erwartung in Deutschland eher ein Frösteln aus. Man hatte genug mit sich selbst zu tun. Und Führung wollte das Land, das die Welt einmal mit einem Führer beglückt hatte, nun wirklich nicht bieten.

23 Jahre und ein paar Weltumdrehungen später hat jedes der beiden Länder auf seine Weise Führung gezeigt und Verantwortung übernommen. 9/11 hat die USA verändert wie kaum ein anderes Ereignis des vorausgegangenen Jahrhunderts. Der Terrorangriff hat die Nation in einen tatsächlichen und mentalen Kriegszustand geworfen, aus dem sie sich jetzt erst langsam befreit.

Geheimer Krieg Deutschlands Rolle im "Kampf gegen den Terror"
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Eine Serie der Süddeutschen Zeitung und des NDR +++ Panorama-Film "Geheimer Krieg" +++ Sonderseite zum Projekt: geheimerkrieg.de +++ alle Artikel finden Sie hier: sz.de/GeheimerKrieg +++ englische Version hier +++

Aber die Rivalität um Macht und Einfluss erlaubt keine Pause. Washington schaut jetzt auf Peking. Das US-Militär bleibt das mit Abstand größte und stärkste weltweit, und wenn der Präsident am Brandenburger Tor spricht, dann klingen die Worte nur noch nostalgisch. Deutschland ist für Amerikas neue Weltsicht und seine internationalen Ambitionen nicht wirklich von Bedeutung.

Deutschland indes konnte es sich nach der Vereinigung erlauben, seine Zurückhaltung auf der Weltbühne weiter zu kultivieren. Darf, ja muss man Militär gegen den Schurken Milosevic einsetzen? Will man Abfangstationen gegen iranische Langstreckenraketen installieren? Soll man wirklich diesen sogenannten Krieg gegen den islamistischen Terrorismus mitmachen, oder reicht da nicht ein besserer Polizeischutz?

Außen- und Sicherheitspolitik erzwingt unangenehme, im Zweifel gefährliche Entscheidungen, die schnell im moralischen Dilemma enden können. Gut und Böse sind nicht immer eindeutig zu unterscheiden, und von moralischer Überlegenheit lassen sich die Übeltäter in der Welt nicht beeindrucken. Erst seit der Euro-Krise spüren die Deutschen, dass ihre so gut dosierte Backmischung aus Stärke und Belehrung nicht unbedingt den besseren Teig produziert. Plötzlich weiß jedes Mitglied des Bundestags, was leadership im Umgang mit anderen Staaten und ihrem Souverän wirklich bedeutet. Kuschelstunden sind das jedenfalls nicht.