US-Botschaft in Berlin Anfangsverdacht auf Abhörtechnik

Wurde Merkels Telefon aus nur wenigen Hundert Metern Entfernung abgehört, aus der US-Botschaft nahe dem Kanzleramt? Experten suchen jetzt mithilfe von Wärmebildern Verdächtiges in der diplomatischen Vertretung der Amerikaner.

Von John Goetz und Hans Leyendecker

Am Pariser Platz in Berlin parkt ein Kleinlaster mit einer Hebebühne. Die Plattform wird mehr als zwanzig Meter in die Höhe gefahren. Abwechselnd machen ein Kameramann des NDR und der Ingenieur Joachim Löbe, der ein Spezialist für Infrarotmessungen ist, Aufnahmen von der amerikanischen Botschaft. Touristen bleiben stehen. Sie machen Fotos. Polizisten schauen vorbei und stellen Fragen. Was ist hier los?

Was da am Donnerstag und am Freitag mitten in Berlin passierte, war der Versuch, mithilfe von Wärmebildern Antworten auf eine hochpolitische Frage zu finden: Befindet sich in der US-Botschaft, nahe Reichstag und nicht weit weg vom Kanzleramt, die Abhöreinrichtung einer Sondereinheit von NSA und CIA namens "Special Collection Service" (SCS) , die sich weltweit aufs Horchen aus US-Botschaften und US-Konsulaten spezialisiert hat?

Die Süddeutsche Zeitung und der NDR hatten in der vergangenen Woche über diesen Verdacht berichtet, der sich auch aus Unterlagen des Whistleblowers Edward Snowden ergibt. Weder die Bundesregierung noch die amerikanischen Dienste wollten zu dem Verdacht etwas sagen. Von allen zugänglichen Standorten aus "thermografierte" Löbe, wie er sagt, die Botschaft. Fachleute wie er sprechen nicht von Fotografien. Seine Wärmebilder zeigen thermische Auffälligkeiten, das sind die helleren Stellen. Mit der Höhe der Temperatur nimmt die Wärmestrahlung zu.

Einbuchtungen und Verblendungen

Manche scheinbare Auffälligkeit, sagt der Ingenieur sei harmlos: "Klimageräte, Lüftungen, Türen - eher uninteressant. Aber da gibt es, wie er bei der Auswertung der Bilder feststellte, auch Dinge, die er sich "normal nicht erklären" kann. Auf dem Dach der Botschaft liegt an einer Stelle die Temperatur drei Grad höher als ein paar Meter weiter. Löbe meint, dort sei "möglicherweise mal ein Fenster gewesen". Mit einer Sichtblende ist die Stelle verdeckt, auch gibt es Einbuchtungen. In einem innenliegenden Rondell ziemlich weit oben sei "eine Auffälligkeit erkennbar". Seine Infrarot-Messungen zeigen in der Mauer ganz oben eine auffällig helle Stelle. Mit bloßem Auge ist sie nicht zu sehen. Da ist sie nur ein Teil der Mauer.

Was sagt das ? In der Residenz der USA gibt es mehrere Einbuchtungen, Verblendungen oder Mauerflächen, hinter denen sich thermisch etwas abspielt, was auch für Spezialisten so einfach nicht zu verstehen ist. Die normale schlechte Dämmung in Gebäuden kann nicht der Grund für die höheren Temperaturen dahinter sein.

Die von Löbe festgestellten thermischen Auffälligkeiten korrespondieren mit den Schilderungen von Experten und ehemaligen NSA-Mitarbeitern über die besten Plätze für Abhöreinrichtungen in US-Residenzen. So zitiert der Spiegel in seiner neuen Ausgabe den britischen Enthüllungsjournalisten Duncan Campbell mit der Einschätzung, die fensterartigen Einbuchtungen auf dem Dach der US-Botschaft seien mit "dielektrischem" Material "in der Optik des umliegenden Mauerwerks verblendet".

Auch der NSA-Experte James Bamford habe Verdächtiges entdeckt. Dieses Material sei selbst für schwache Signale durchlässig und dahinter verberge sich die Abhörtechnik. Bekannt ist, dass die SCS-Mitarbeiter meist in den oberen Etagen der Botschaften arbeiten. Ein gerichtsfester Beweis ist das alles nicht, aber für einen Anfangsverdacht reichen Löbes Thermografiebericht und andere Expertisen schon.