Uruguays Präsident José Mujica Pepe leitet das Projekt Cannabis

José Mujica während eines Interviews im August 2013 in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo.

Uruguays Präsident lebt in einer Art Gartenlaube, fährt einen alten VW Käfer und spendet fast sein gesamtes Gehalt. José "Pepe" Mujica führt sein Land in ein Experiment - es will als erste Nation Cannabis nicht nur für den persönlichen Gebrauch freigeben.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Der Mann, der den Umgang mit Drogen revolutionieren will, lebt am Rande von Montevideo in einer Art Gartenlaube. Uruguays Präsident fährt einen alten VW Käfer, setzt sich im Flugzeug auch mal in die Touristenklasse und spendet 90 Prozent seines Gehalts. Krawatte trägt er grundsätzlich keine.

Früher war José Mujica Guerillero und verbrachte 14 seiner 78 Jahre im Gefängnis, einmal floh er aus dem Kerker. In einer anderen Zelle war Mujica so einsam, dass er den Ameisen zuhörte. Sein kauziges Auftreten erinnert an das des österreichischen Schauspielers Hans Moser, doch sein Leben hat Mujica zu einem weisen Menschen gemacht. Jetzt versucht das kleine Land unter seiner Führung ein Experiment.

Als erste Nation der Welt wird Uruguay Marihuana nicht nur zum persönlichen Gebrauch freigeben. Das Kraut soll künftig sogar unter staatlicher Aufsicht angebaut und in Apotheken verkauft werden. Eingetragene Kunden dürfen monatlich 40 Gramm erwerben oder zu Hause bis zu sechs Pflanzen züchten. Außerdem sind Cannabis-Klubs mit 15 bis 45 Mitgliedern erlaubt. Am Dienstag ging der Gesetzesentwurf der linken Regierungspartei Frente Amplio (Breite Front) auch durch den Senat, nachdem bereits das Parlament zugestimmt hatte. Einer habe den ersten Schritt tun müssen, sagt Mujica. "Wir sind dabei, den Krieg gegen die Drogen zu verlieren." Die Folgen des Verbotes seien schlimmer als die Folgen des Konsums selbst.

Auch in dieser südamerikanischen Republik mit ihren 3,3 Millionen Einwohnern hat die Gewalt der Kartelle zugenommen. 3000 der 9000 Häftlinge sitzen wegen Rauschgiftdelikten ein, das organisierte Verbrechen wird angesichts hoher Gewinne immer mächtiger. Weltweit sterben Zehntausende Menschen in der Schlacht zwischen Gangs und Polizei. Trotz aller Repression verbreiteten sich Drogen wie gehabt, klagt Mujica. Daher will er nun Marihuana kontrolliert zulassen.

Vorbild der deutschen RAF

Es ist der bedeutendste und umstrittenste Vorstoß in seiner langen, turbulenten Karriere. Im Kampf gegen die Wirtschaftsordnung und die Militärdiktatur hatte der Sohn eines armen Landwirts einst die Stadtguerilla Tupamaros gegründet, ein Vorbild der deutschen RAF. 1971 wurde Mujica verhaftet und kam erst 1985 nach der Rückkehr Uruguays zur Demokratie frei.

Seine Freunde nennen ihn seit jeher Pepe, das ist der Kosename für José. Seit den Neunzigerjahren war der geläuterte Rebell Abgeordneter für das Bündnis Frente Amplio. Als er sein erstes Mandat antrat, fuhr Mujica mit dem Moped vor - der Portier am Parlamentsgebäude wollte ihn daraufhin zum Dienstboteneingang schicken. Von 2005 bis 2008 war einer der ungewöhnlichsten Politiker Lateinamerikas Landwirtschaftsminister, zwischendurch heiratete er die frühere Guerillera und spätere Senatorin Lucia Topolansky. 2009 wurde Pepe Mujica zum Präsidenten gewählt. Jetzt leitet der Staatschef das Projekt Cannabis.