Urteil im Sauerland-Prozess Gefährliche Dilettanten

Lange Haftstrafen für die Angeklagten: Ein kluger Richter, vernünftige Verteidiger und ein angemessenes Urteil machen den Sauerland-Prozess zu einem Erfolg.

Ein Kommentar von Hans Leyendecker

Lateinisch gebildete Juristen sprechen gern vom Strafverfahren als einem Prozess, der deshalb Prozess heißt, weil er voranschreiten soll. Für die Beteiligten kann daraus sogar ein Lernprozess werden, wie der Sauerland-Prozess zeigte.

Niemals zuvor hat die Öffentlichkeit solche Einblicke in das Innenleben des deutschen Dschihad bekommen. Noch niemals zuvor wurde der Widerspruch zwischen der Unreife von Spätpubertierenden und ihrer Gefährlichkeit für die Gesellschaft so deutlich.

Das Urteil, das der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling an diesem Donnerstag gegen die vier Angeklagten verkündete, ist - alles in allem - angemessen. Mehr Strafrabatt für Geständnisfreude war angesichts der verheerenden Anschlagsziele und des geplanten Massenmords nicht drin.

Ein Verteidiger hatte vom "größten untauglichen Versuch eines terroristischen Anschlags" gesprochen. Diese Diagnose war richtig, aber wahr ist auch, dass dieser untaugliche Versuch sehr ernsthaft gemeint war.

Dass der Prozess ein Erfolg wurde, ist vor allem Richter Breidling zu verdanken. Mit guter Vorbereitung und straffer Verhandlungsführung steuerte er die Beteiligten durch die Klippen dieses Monster-Verfahrens. Die Verteidiger sind zu loben, weil sie im Interesse ihrer Mandanten verteidigten und nicht die große Show suchten.

Die Geständnisse der Angeklagten füllen mehr als 1000 Seiten und verraten die Sehnsucht nach einer Perspektive für die Zeit nach der langen Haft. Selbst solch irrwitzig anmutende Täter lassen sich also erreichen. Bei der Roten-Armee-Fraktion (RAF) hat es so etwas nicht gegeben.

Der Prozess bot viele Einblicke in die Gedankenwelt der islamistischen Gotteskrieger und die Betrachter im Gerichtssaal schauten auf die Überreste familiärer Katastrophen: die Eltern geschieden, Suche nach irgendeiner Orientierung, kein innerer Kompass, erst Gefühlschaos, dann nur noch Chaos - so sah das Lebensmuster der Angeklagten aus.

Sie suchten Werte und Orientierung und endeten im abgrundtiefen Hass. Sie waren fanatisch und spürten keine Zweifel am Erfolg ihrer wahnsinnigen Mission, selbst als sie wussten, dass sie beobachtet wurden.

Die Heimwerker des Todes verhielten sich so auffällig, dass deutsche Terrorermittler im Herbst 2007 rätselten, ob diese Truppe nur von einem anderen Trupp ablenken wolle, in dem echte Profis Anschläge planten. Durch den Sehschlitz von Verschwörungstheoretikern betrachtet, hätte es sich bei der Sauerland-Bande um Provokateure der Nachrichtendienste handeln können - so auffällig dilettantisch gingen diese Gotteskrieger vor. Sie waren aber tatsächlich echte Dilettanten.

Der Prozess hat auch Aufklärung über das Gewese der seltsamen Islamischen Dschihad Union (IJU) gebracht, die Dschihadisten vom Schlag der Sauerland-Bande ausgebildet und mit einem Auftrag versehen hat. Vor der Hauptverhandlung stritten sich Experten, ob es die IJU überhaupt gibt.

Sie existiert wirklich und ist ein unorganisierter Haufen von Kämpfern, die unter primitivsten Bedingungen ein paar junge Leute für den Kampf in Afghanistan oder Europa mehr schlecht als recht ausbilden. Ein Grund für Entwarnung ist der marode Zustand der IJU nicht. Aber auch kein Grund für übertriebene Terrorwarnungen.

Im Video: Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat die vier Angeklagten der sogenannten Sauerland-Gruppe am Donnerstag zu langen Haftstrafen verurteilt.

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