Umstrittenes Grass-Gedicht Von einem Land, das sich selbst misstraut

Günter Grass' Gedicht ist zum Politikum geworden, die Auseinandersetzung darüber wird in Deutschland mit einer Härte geführt, wie es sonst nirgends auf der Welt geschehen würde. Das Land wird von großer Unsicherheit gepackt, wenn ein Urteil Israel gelten soll. Am Ende lehrt der aktuelle Fall eines: Auch der gesellschaftliche Frieden ist ein hohes Gut.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Ob man Günter Grass nun mag oder nicht: Er gehört zum politischen und intellektuellen Inventar der Republik. Was er sagt und schreibt, entfaltet Wirkkraft. Es mag stimmen oder falsch sein - ignorieren oder sich taub stellen geht nicht.

Die Republik verfügt über einige wenige dieser Echokammern, die das geistige und politische Klima im Land reflektieren und verstärken. In den großen Fragen der Weltpolitik sind diese Stimmen besonders rar. Das ist ein Mangel, gerade weil strategische Debatten in Deutschland nicht mit dem kühlen Verstand der Realisten geführt werden, die weniger an die Bekehrbarkeit der Welt glauben und mit den Unzulänglichkeiten leben können. Moral und Geschichte, das gebrochene Verhältnis zur Macht und zum Militärischen, die immer wiederkehrenden Fragen von Schuld und Recht - das sind Vermessungspunkte deutscher Debatten.

Eine Auseinandersetzung über ein Gedicht, wie sie das Land nun seit fast einer Woche erlebt, würde wohl nirgendwo auf der Welt in dieser Härte geführt. Auch das ist typisch deutsch, das macht ein gesellschaftlich-feuilletonistisches Ereignis zum politischen Vorgang. Grass hat objektiv viele Fehler in sein Gedicht eingebaut, aber das scheint die Worte nicht zu diskreditieren. Warum nur? Nicht weil Grass insgeheim doch recht hat, sondern weil sich dieses Land misstraut. Deutschland ruht nicht in seinem Urteil über die Welt, es fehlt vielmehr der Maßstab, das Vermessungsgerät. Und das Land wird von besonderer Unsicherheit gepackt, wenn das Urteil Israel gelten muss.

Dabei fällt die Bewertung in der Nuklearsache zunächst leicht. Iran ist im Nuklearstreit der Aggressor, nicht Israel. Israel ist bedroht und denkt über einen Präventivschlag zur Abwehr der Bedrohung nach. Dabei geht es nicht darum, Israels militärische Dominanz zu festigen - das ist Unfug in einer Zeit, in der die Nachbarschaft des jüdischen Staates durch Revolutionen erschüttert wird und Gefahren nicht mehr militärisch gebannt werden können. Es geht darum, ob die Welt in exakt dieser Region eine zusätzliche Nuklearmacht verträgt. Die Antwort heißt eindeutig: Nein.

Nun lässt sich trefflich über die Argumente hinter dem Bedrohungs- oder Abwehrszenario streiten. Es lässt sich streiten, ob ein Präventivschlag hilft oder schadet. Es ließen sich Bibliotheken voller Argumente und Gegenargumente füllen. Für ein vernünftiges Urteil hilft es, sich in der iranischen Innenpolitik auszukennen oder die Fähigkeiten der israelischen Luftwaffe einschätzen zu können. Am Ende sind die Erkenntnisse so mächtig und aussagekräftig, dass billige Verdrehungen und ideologische Überspitzungen - Vernichtungsphantasien, Nuklearschlags-Gerede - daran abprallen.

Am Ende bleibt aber eine sehr einsame Entscheidung: Muss man Irans Nuklearprogramm hinnehmen und damit das Risiko akzeptieren, dass Israel mit einer einzigen Atombombe vernichtet werden kann? Oder muss man mit allen Mitteln, auch mit jenen des Militärs, diesen nuklearen Wahnsinn stoppen (und die Gefahr akzeptieren, dass diese Operation scheitert)? Israels Premier muss diese Entscheidung treffen. Vielleicht auch der Präsident der Schutzmacht USA. Deutschland braucht sich nur ein Urteil darüber zu bilden, schwerwiegende Konsequenzen muss es nicht fürchten.

Wie diese Urteilsbildung funktionieren kann, hat Grass in grotesker Überdrehung vorgeführt. Aus einem Gedicht ist ein Politikum geworden. Israels Regierung hat albern darauf reagiert, indem sie den Schriftsteller zur unerwünschten Person erklärte und ihn nicht mehr ins Land lassen möchte. So schafft man Mythen und Märtyrer. So bedient man Vorurteile. Und so pflegt man Radikale im eigenen Lager, die sich umstellt sehen von Feinden. Klüger wäre es gewesen, Grass einzuladen und ihm eine Debatte anzubieten. Er hätte sie nicht gewonnen.

In Deutschland hat die Politik sehr laut geschwiegen, was auch eine Art der Antwort ist. Das zeugt von gewaltiger Unsicherheit. Grass hat mit dieser Unsicherheit gespielt, indem er die Reizthemen israelischer Politik miteinander verrührte und unter dem Titel "Bedrohung für den Weltfrieden" verdichtet hat. Siedlungsbau, Nuklearwaffen, Gaza, Unfähigkeit zur Versöhnung mit Palästinensern - Israels Politik und speziell die amtierende Regierung des Landes bieten wahrlich viel Angriffsfläche. Der Unmut darüber schlägt auch hierzulande schnell in dumpfen Zorn um. Beschwert mit dem historischen Motiv ("man wird ja wohl mal sagen dürfen"), entsteht eine gefährliche Stimmung.

Anderswo auf der Welt wird diese sehr deutsche Debatte nicht in ihren Feinheiten wahrgenommen. Es bleibt lediglich, dass ein deutscher Nobelpreisträger mit einer Vergangenheit als SS-Mann Israel angreift und von Iran dafür belobigt wird. Bebildert werden die Fernsehnachrichten - etwa in Italien oder England - mit stahlbehelmten Wehrmachtssoldaten und Bombenruinen aus dem Zweiten Weltkrieg. So sieht es aus, wenn man holzschnittartig über ein Land berichtet.

Der aktuelle Fall lehrt, dass Frieden, auch der gesellschaftliche, ein kostbares Gut ist. Dass Demagogie auch heute noch funktioniert. Und dass jedes Land Sachlichkeit und Fairness verdient.