Umfrage unter syrischen Flüchtlingen Sie fliehen wegen der Fassbomben

Wer würde da nicht fliehen? Szene nach einem Angriff mit einer Fassbombe in Aleppo im September 2015.

(Foto: AFP)
  • Eine nicht repräsentative Umfrage unter Geflohenen aus Syrien dokumentiert erstmals die Gründe, weshalb die Menschen ihr Land verlassen.
  • Demnach spielt die Angst vor der Gewalt des Assad-Regimes eine viel größere Rolle als die vor dem selbsternannten Islamischen Staat.
  • Wirtschaftliche Gründe führen nur sehr wenige Menschen als Motivation an - die meisten Flüchtlinge würden gerne wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Von Thorsten Denkler, Berlin

Siebzig Prozent fliehen aus Lebensgefahr

Als Behälter dienen alte Wassertanks oder Heizkessel. Sie werden gefüllt mit Düngemittel, Heizöl, Schrauben, Nägeln oder anderem kleingehäckseltem Metall-Abfall. Dann noch ein Zünder - fertig ist die Fassbombe. Sie ist billig, schnell zusammengebaut, und die Bestandteile sind leicht zu bekommen. Ihre Wirkung: tödlich.

Das syrische Assad-Regime setzt solche Bomben hundertfach ein, wie an diesem Mittwoch ein Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte. Assad lässt sie bis weit hinter die Frontlinien im Norden des Land abwerfen. Opfer sind so gut wie immer Zivilisten. Die Sprengsätze detonieren auf Marktplätzen, in Einkaufsvierteln, da, wo viele Menschen sind. Sie zerfetzen jeden, in dessen unmittelbarer Nähe sie explodieren.

Diese Fassbomben sind einer der Hauptgründe für Flüchtlinge aus Syrien, ihr Land zu verlassen. Nach einer Umfrage unter Flüchtlingen, die Deutschland erreicht haben, sagen knapp 70 Prozent, das unmittelbare Lebensgefahr sie zur Flucht gezwungen habe. Die Ergebnisse der Umfrage wurden an diesem Mittwoch vor der Bundespressekonferenz vorgestellt.

Wirtschaftliche Gründe spielen fast keine Rolle

Zu den unmittelbaren Gefahren zählen 92 Prozent den bewaffneten Konflikt in Syrien, 86 Prozent die Angst vor Verhaftung und Entführung und 73 Prozent sehr konkret die Gefahr, von Assads Fassbomben getötet zu werden. Noch im Februar hatte Assad den Einsatz von Fassbomben in einem Interview mit der BBC bestritten.

Andere Gründe spielen kaum eine Rolle für die Flucht. Ökonomische Gründe geben lediglich 13 Prozent an. Acht Prozent sagen, sie hätten sich mit der Flucht einer drohenden Rekrutierung entzogen. Sechs Prozent fliehen nach Deutschland, weil Teile ihrer Familien schon da sind.

Narben auf der Seele

Sie beißen ihre Pausenbrote zu Pistolen und haben Angst vor Hubschraubern: Wie traumatisiert viele Kinder aus Syrien und dem Irak sind, zeigt sich in der Kita. Von Annette Zoch mehr ... Reportage

Die Studie ist die erste umfassende und wissenschaftlich begleitete Umfrage unter Flüchtlingen. Dafür haben Mitarbeiter der deutschen Organisation "Adopt a Revolution" knapp 900 Flüchtlinge vor zwölf Erstaufnahmeeinrichtungen in ganz Deutschland befragt. Begleitet wurde die Studie vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) in Berlin. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber "so eindeutig, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass an der Realität der syrischen Flüchtlinge vorbeigemessen wurde", sagt Heiko Giebler vom WZB.

Angst vor Assad, nicht vor dem IS

Als verantwortlich für die Gewalt in Syrien machen die befragten Flüchtlinge zu knapp 70 Prozent das syrische Assad-Regime aus. Der Islamische Staat (IS) wird nur von etwa 30 Prozent genannt. Die Rebellen-Organisationen in Syrien werden von jeweils höchstens 18 Prozent der Befragten als mitverantwortlich genannt. Elias Perabo von Adopt a Revolution bewertet diese Einschätzung der Flüchtlinge so: "Wenn der IS der Vorhof zur Hölle ist, dann ist das Assad-Regime das Zentrum der Hölle."

Entgegen mancher Darstellung haben sich die meisten Flüchtlinge nicht erst nach einem langen Aufenthalt in den großen Flüchtlingslagern im Libanon oder Jordanien auf den Weg nach Deutschland gemacht. Laut der Umfrage haben 65 Prozent der Befragten erst in diesem Jahr ihre syrische Heimat verlassen.

Nur acht Prozent der Befragten Flüchtlinge wollen dauerhaft in Deutschland bleiben. Alle anderen geben klare Bedingungen an, die vor einer Rückkehr in ihre Heimat erfüllt sein müssen: Ein Ende des Krieges natürlich - knapp über 50 Prozent wollen erst dann zurückkehren, wenn Assad nicht mehr an der Macht ist. Ein Syrien ohne IS ist für 44 Prozent ein Rückkehrgrund, freie Wahlen für gut 42 Prozent. 70 Prozent der Befragten haben angegeben, Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss zu besitzen.

Warum Assad kein Teil der Lösung ist

Die Lage in Syrien bringt Russland und den Westen wieder an einem Tisch zusammen - sie eint die Feindschaft zum IS. Doch der syrische Diktator ist keineswegs das kleinere Übel. Ein Kommentar von Kurt Kister mehr ... Kommentar

Für den syrischen Aktivisten Haid Haid wäre ein Anfang gemacht, wenn mit einer Flugverbotszone über den umkämpften Gebieten zumindest die Gefahr durch Fassbomben eingedämmt werden könnte. Das würde weiteres Leid unter den Zivilisten verhindern.

Adopt a Revolution unterstützt in Syrien Projekte zum Aufbau einer Zivilgesellschaft, aber keine bewaffneten Gruppierungen. Die Studie wurde aus den Kleinspenden an Adopt a Revolution finanziert.