Ukraine-Krise Nichts wie weg

Verzweifelt: Eine Ukrainerin, die ihr Dorf verlassen hat.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Wie viele sind es? 100 000? Mehr als eine halbe Million? Sicher ist nur: Viele Ukrainer haben seit Ausbruch der Kämpfe ihre Heimat verlassen. Sie setzen auf private Hilfe - und fürchten den Winter.

Von Frank Nienhuysen

Was ihr fehlt? Natalja Karaschewitsch fallen da am Telefon eine Menge Dinge ein, und sie meint nicht einmal ihr Haus in Makejewka im Osten der Ukraine, das zwar noch steht, aus dem sie aber vor den Kämpfen geflüchtet ist. Sie sagt: "Wir brauchen Kochplatten, Lebensmittel, überhaupt: Unterstützung."

Karaschewitsch lebt seit Ende Mai in einem privaten Wohnheim in der Nähe von Kiew. Sieben Jahre lang hatte das Gebäude einfach leer gestanden, war zugesperrt. Der Besitzer aber dachte sich, irgendwohin müssten die Menschen ja, die damals nicht auf der Krim bleiben wollten, und sperrte auf. Dann begann der Konflikt im Osten der Ukraine, und so kam Karaschewitsch mit ihrer 18 Jahre alten Tochter nach Kiew, und von dort aus weiter ins Umland. Nach Bolschaja Dymerka.

Drei Familien in einem Zimmer

Etwa 150 Menschen leben jetzt in dem privaten Flüchtlingsheim, oft teilen sich zwei, drei Familien ein Zimmer. "Das Haus ist überfüllt", sagt Karaschewitsch. Sie hat einst in der Verwaltung von Donezk gearbeitet, ehe die Separatisten in der Stadt das Kommando übernahmen. Jetzt hilft sie im Flüchtlingsheim, beim Kochen, beim Saubermachen. Und der Tochter, dass die in Kiew einen Job findet. Sie hofft, dass sie irgendwann zurückkehren kann, aber im Moment ist das noch weit weg, und das macht ihr erst recht Sorgen.

In der Ukraine ist es zwar seit Wochen hochsommerlich heiß, aber bald kommt schon der Herbst und dann der Winter, und Natalja Karaschewitsch fürchtet, dass sie auch dann noch in dem Flüchtlingsheim leben muss. "Dann wird es richtig schwer", sagt sie. "Denn wir leben von der Hilfe Freiwilliger. Vom ukrainischen Staat bekommen wir keine Kopeke. Anfangs waren ja noch Leute vom Roten Kreuz hier, aber die kommen auch nicht mehr." Nicht, dass sie auf den Staat schimpfen würde; "ich verstehe das sehr gut", sagt sie, "der Staat ist einfach arm."

Hunderttausende Menschen sind vor dem Konflikt im Osten der Ukraine geflüchtet. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, hat am Dienstag die neuesten Zahlen herausgegeben, die mathematisch präzise wirken und es doch nicht unbedingt sind. 168 000 Menschen sind demnach in diesem Jahr nach Russland geflüchtet, mehr als 117 000 haben in der Ukraine Schutz gesucht.

Das UNHCR erwähnte auch eine sehr viel höhere Zahl; dass nämlich 730 000 Ukrainer nach Russland geflüchtet seien. Diese Zahl stammt von den russischen Behörden. Aber auch in der Ukraine kennt das Hilfswerk das Ausmaß nicht genau. Kiew müsse ein zentrales Melderegister einführen, sonst könne man sich auch nicht auf den Winter vorbereiten. "Die meisten Unterkünfte sind für kalte Wintermonate einfach ungeeignet."

Keiner weiß, wie viele Flüchtlinge es wirklich gibt

Ähnlich wie das UNHCR spricht auch die ukrainische Regierung von täglich etwa 1500 Menschen, die ihre Wohnungen und Häuser in und um Donezk, Lugansk und Gorlowka verließen. Ein großer Teil der Infrastruktur dort ist zerstört, Strom und Trinkwasser gibt es nur stark eingeschränkt. Die ukrainische Führung selber spricht von einer "schwierigen Situation, all die Menschen unterzubringen und zu versorgen". Vor allem gelte dies für etwa 15 000 Menschen in Kiew, für mehr als 10 000 in Charkow, und jeweils Tausende in Dnjepropetrowsk, Saporoschja, Odessa, Poltawa, Lwiw (Lemberg). Natalja Karaschewitsch sagt, "die Behörden schicken die Flüchtlinge, die in Kiew ankommen, gleich weiter", Richtung Tscherkassy im Südosten von Kiew, oder in den Westen, nach Iwano-Frankiwsk und Lemberg.

Und wer weiß schon, wie hoch die Zahl der Flüchtlinge tatsächlich ist in einem Land, in dem viele direkt von Verwandten aufgenommen werden, von Freunden, Bekannten. Vitali etwa, der seinen Nachnamen nicht nennen will, hat in seiner Kiewer Wohnung einen Mann und dessen Frau aufgenommen, die aus Lugansk geflüchtet sind. "Ich habe da nicht lange nachgefragt. Es ist eine Frage der Solidarität", sagt Vitali. "Die Regierung hat ja auch empfohlen, dass ihre Behörden mit Freiwilligen zusammenarbeiten sollen. Aber ich finde grundsätzlich, dass das Thema Flüchtlinge schon zentral vom Staat organisiert und kontrolliert werden sollte."

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Weil der Staat nicht mitkommt, und die Ukrainer es auch gewöhnt sind, sich auf ihn erst gar nicht zu verlassen, haben sich in den vergangenen Monaten diverse Anlaufstellen für Flüchtlinge gebildet. Etwa Vostok-SOS, eine Bürgerinitiative, deren Hotlines derzeit heiß laufen vor Anfragen. Sie helfen mit Transporten, rechtlicher Beratung, organisieren Unterkünfte, Medikamente und auch Kinderwagen. "Als die Kämpfe begannen, hat sich gezeigt, dass nicht eine einzige staatliche Behörde die Verantwortung auf sich genommen hat, sich um all dies zu kümmern", schrieb auch die Zeitung Ukrainska Prawda.

Immerhin, Tausende Flüchtlinge sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, nach Slawjansk oder Kramatorsk. Das UNHCR versucht, den Menschen zu helfen, mit Lebensmitteln und Hygiene-Artikeln. Aber Risiken bleiben. Viele hätten Angst, in Schusswechsel zu geraten, erklärt die UN-Organisation. Oder vor Entführungen und Schikanierung in der Nachbarschaft.