Ukraine-Konflikt Amnesty wirft Separatisten Folter vor

Ukraine: Ein Kämpfer der Separatisten in den Außenbezirken von Donezk.

(Foto: REUTERS)

Schläge, Schikanen, Entführungen: Der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge haben Separatisten in der Ostukraine zahlreiche Menschen gefoltert. Doch auch die ukrainischen Kräfte sollen Aktivisten misshandelt haben.

  • Separatisten in der Ostukraine sollen Angaben von Amnesty International zufolge in Hunderten Fällen Menschen gefoltert und entführt haben. Die Organisation dokumentiert zahlreiche Menschenrechtsverletzungen bei dem bewaffneten Konflikt.
  • Auch ukrainische Kräfte haben demnach Gefangene misshandelt.

Separatisten sollen Hunderte Menschen gefoltert und entführt haben

Amnesty International macht die Separatisten im Osten der Ukraine für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. In der Region habe es Hunderte Fälle von Entführung und Folter gegeben, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation. Aktivisten, Demonstranten und Journalisten seien in den vergangenen drei Monaten schwer verprügelt und auf andere Weise gefoltert worden. Amnesty International hält ihre Ergebnisse in Bildern, Videos und Einzelfallberichten fest.

Die Organisation gibt unter anderem die Aussagen einer proukrainischen Aktivistin wieder, die im Mai in Donezk von bewaffneten Männern sechs Tage lang festgehalten und gequält wurde. Sie sei geschlagen und gezwungen worden, separatistische Parolen an eine Wand zu schreiben - mit ihrem eigenen Blut.

Ein 19-jähriger regierungstreuer Aktivist berichtete, 24 Stunden lang wiederholt geschlagen worden zu sein. "Sie schlugen mich mit ihren Fäusten, einem Stuhl, allem was sie finden konnten. Sie drückten Zigaretten auf meinem Bein aus", zitiert Amnesty den jungen Mann. Erst durch eine Ablösesumme, die sein Vater zahlte, sei er wieder freigekommen.

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Misshandlungen durch ukrainische Kräfte

"Die meisten Entführungen gehen auf das Konto von bewaffneten Separatisten", zitiert die Organisation ihren Vizedirektor für Europa und Zentralasien, Denis Krivosheew, in einer Pressemitteilung. "Die Opfer wurden oft brutal geschlagen und gefoltert. Aber auch seitens der regierungstreuen Kräfte haben wir Menschenrechtsverletzungen dokumentiert." Ein Regierungsvertreter in Mariupol berichtete, wie er einen Separatisten vor Schmerzen schreien hörte, weil Kiew-treue Kräfte Informationen von ihm erzwingen wollten.

Ein 16-Jähriger wurde seinen eigenen Erzählungen nach entführt und festgehalten, nachdem er ein Video veröffentlicht hatte, auf dem das Vorgehen der Behörden in Mariupol dokumentiert wird. Er sagt, gefoltert worden zu sein; er habe außerdem proukrainische Slogans rufen müssen. Amnesty forderte die ukrainische Regierung auf, alle Fälle gründlich und unabhängig zu untersuchen.

Hintergrund: Motive der Gewalt

Die Gewalt der Separatisten treffe nicht nur politische Gegner, hieß es von Seiten der Organisation. Oft gehe es auch darum, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und zu kontrollieren. Die Erpressung von Lösegeld sei ein weiteres Motiv. "In Mariupol waren Polizei und Militär nirgends zu sehen, als wir in den vergangenen Wochen dort waren", berichtete Amnesty-Sprecher Krivosheew. "Es herrscht ein Vakuum, was Autorität und Sicherheit angeht." Die Angst vor Repressalien, Entführungen und Folter sei allgegenwärtig.

Seit Wochen liefern sich Separatisten und Regierungstreue bewaffnete Gefechte im Osten der Ukraine. Die Regierungstruppen hatten am Wochenende die Rebellenhochburg Slawjansk zurückerobert. Doch die Separatisten sind nach wie vor aktiv in und rund um Luhansk, im Grenzgebiet zu Russland sowie in der 900 000-Einwohner-Stadt Donezk.