Ukraine im Umbruch Google Maps spaltet Krim für die Russen ab

Der Norden der Krim auf Google Maps Russland

(Foto: Screenshot Google Maps)

Welche Grenze soll's denn sein? Von Russland aus betrachtet, zieht Google Maps eine Grenze zwischen der Krim und dem Festland, als wäre die Halbinsel unabhängig. Von der Ukraine aus sehen die Karten dagegen anders aus.

Von Markus C. Schulte von Drach

Landkarten können extrem heikle Dokumente sein - schließlich dokumentieren sie Landesgrenzen. Und die sind häufig umstritten. Das zeigt sich gerade wieder in der Ukraine. Aus Sicht der Regierung in Kiew umschließen deren Grenzen eindeutig die Halbinsel Krim.

Russland und große Teile der Bevölkerung auf der Krim sehen das allerdings völlig anders. Und der Kartendienst Google Maps versucht nun, beiden Seiten gerecht zu werden.

Das macht Google folgendermaßen: Das US-Unternehmen stellt seine Karten in verschiedenen Sprachen weltweit zur Verfügung. Und um niemanden zu verärgern, sieht die Welt unterschiedlich aus - je nachdem, von welchem Ort aus sie mit Hilfe des Internets betrachtet wird.

Der Norden der Krim auf Google Maps Ukraine oder Deutschland

(Foto: Screenshsot Google Maps Ukraine)

Wie die britische Zeitung Guardian berichtet, stellt Google Maps das Verhältnis zwischen der Krim und der übrigen Ukraine mit Hilfe einer Linie dar. Die sieht jedoch nicht immer gleich aus.

Betrachtet man die Region mit Hilfe der ukrainischen Google-Seite (google.com.ua), so verläuft zwischen der Halbinsel und dem Festland im Norden eine deutliche, jedoch gestrichelte Linie. So ähnlich werden auch innerhalb der übrigen Ukraine verschiedene Regionen voneinander getrennt. Und genauso sieht der Grenzverlauf auch auf Google Deutschland aus.

Startet man jedoch mit der russischen Google-Seite (google.ru), befindet sich dort nun eine durchgezogene Landesgrenze. So als sei die Unabhängigkeit der Krim und die entsprechende Grenze schon eine allgemein anerkannte Tatsache.

Aufgefallen ist das dem Guardian, der nun bei dem Unternehmen nachgefragt hat. Ein Google-Sprecher erklärte der Zeitung, die unterschiedliche Darstellung so: Man bemühe sich, umstrittene Regionen und Eigenschaften objektiv darzustellen. Wo es lokale Versionen der Produkte gebe, würden Namen und Grenzverläufe auch den jeweiligen Regeln folgen.

Solche Versuche, es allen recht zu machen, kommen nationalen Befindlichkeiten entgegen. Ob sie für das friedliche Miteinander förderlich sind, ist nicht gewiss. So dürfte es vielen Ukrainern nicht behagen, dass Google Maps den Völkerrechtsbruch durch Russland dort gewissermaßen akzeptiert und den Grenzverlauf nicht einmal als umstritten darstellt. Separatisten dürften sich dagegen bestätigt fühlen - sofern sie Google nicht von einer nicht-russischen Seite aus benutzen.

Die Krim-Grenze ist nicht die einzige, deren Bedeutung auf Google unterschiedlich dargestellt wird. So hat der Guardian als weiteres Beispiel die Region Aksai Chin entdeckt, die sowohl von China als auch von Indien beansprucht wird - und auf den Karten entsprechend dargestellt wird.

Die Region Aksai Chin auf den Karten von Google Maps in China (links) und in Indien (rechts). Die Grenze zeigt auf der indischen Version eine deutliche Ausweitung des Landes nach Osten.

(Foto: Screenshots Google Maps)

Anders als bei der Krim kommt Google Russland in Bezug auf Südossetien und Abchasien nicht entgegen. Beide georgischen Regionen werden auch auf den russischen Google-Maps-Seiten nicht als souveräne Staaten dargestellt, obwohl Russland sie als solche anerkannt hat.

Darin immerhin unterscheidet sich Google von Russlands größter Suchmaschine Yandex.ru. Deren Kartendienst stellt Abchasien und Südossetien als eigenständige Nationen dar. Und die Krim wird als Teil Russlands markiert.

Die Krim und Georgien werden auf den Seiten der russischen Suchmaschine Yandex deutlich anders dargestellt als auf Google Maps. Die Krim scheint zu Russland zu gehören. Und bei Georgien (im Osten, grün) ist Abchasien (gelb, im Westen Georgiens) und Südossetien (gelb, im zentralen Norden Georgiens) abgetrennt.

(Foto: Screenshot Yandex)

Wie wichtig eine genaue Darstellung der Grenzen auf Google Maps ist, wurde zuletzt 2010 deutlich. Als damals Soldaten aus Nicaragua den Fluss San Juan überquerten und auf der Insel Calero ihr Lager aufschlugen, gingen sie aufgrund der Grenze auf Google Maps davon aus, sich auf heimischem Boden zu befinden. Costa Ricas Präsidentin Laura Chinchilla betrachtete das als "Invasion". Und beide Länder heizten den bereits seit 1858 bestehenden Konflikt um die Grenzziehung weiter an. Zwar korrigierte Google die tatsächhlich falsch dargestellte Grenze und eine militärische Auseinandersetzung konnte vermieden werden. Doch der Streit um die Insel hält bis heute an.

Hätte Google bereits in den 50er oder 60er Jahren existiert, dann wären vermutlich auch die Grenzen Deutschlands unterschiedlich dargestellt worden - je nachdem, ob man von West- oder Ost-Berlin aus ins Netz gegangen wäre. Bis zu den Ostverträgen der Regierung unter Willy Brandt Anfang der 70er Jahre galt in der Bundesrepublik die Teilung Deutschlands nicht als rechtsverbindlich. Auf westdeutschen Atlanten und Globen wurde Deutschland deshalb in den Grenzen des Deutschen Reiches von 1937 dargestellt - inklusive der Ostgebiete.

Die Erde bei Google Maps - egal von welchem Land aus

(Foto: )

Google Maps lässt sich übrigens auch nutzen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie absurd die Streitereien und Konflikte um künstliche Grenzen zwischen Gruppen von Menschen eigentlich sind. Das geht so: Einfach auf die Satellitenansicht gehen, die Ländergrenzen verschwinden lassen und aus großer Distanz auf die Erde schauen. Da ist sie plötzlich nur noch ein kleiner, verlorener Planet im Kosmos. Da bekommt der Begriff Heimat plötzlich eine ganz andere Dimension.