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Ukraine nach dem Krim-Referendum:Machtlos gegen Putin

Members of a 'Maidan' self-defense battalion take part in a training at a Ukrainian Interior Ministry base near Kiev

Rekruten des "Maidan-Selbstverteidigungbataillons" bei einer Militärübung in der Nähe der Hauptstadt Kiew

(Foto: REUTERS)

Im Grunde weiß jeder, dass die Regierung in Kiew gegen Russland wenig ausrichten kann. Trotzdem mobilisiert die Ukraine, was mobilisiert werden kann. Der Militärhaushalt wird um 600 Millionen Dollar aufgestockt, 20 000 Reservisten sollen einberufen und die kürzlich gegründete Nationalgarde verstärkt werden. Moskau reagiert mit vergifteten Ratschlägen.

Vitali Klitschko kommt eine Dreiviertelstunde zu spät, aber Klitschko kommt eigentlich immer zu spät. Zu viele Meetings, zu viel Stress. Er ist jetzt nicht nur Udar-Parteichef und Abgeordneter, sondern auch noch Präsidentschaftskandidat für die Wahl am 25. Mai.

Am Tag eins nach dem Referendum, das in Kiew nur "Pseudo-Referendum", "ferngesteuertes Votum" oder "Farce" genannt wird, sind es noch ein paar Meetings mehr als sonst. Die Abgeordneten, die Parteichefs, die Regierungsmitglieder müssen eine Haltung, eine Sprachregelung, eine Strategie finden für eine historische Entwicklung, die fast jeder Ukrainer als Katastrophe empfindet.

Klitschko steht also mit einem Zettel vor Journalisten aus aller Welt. Darauf hat er eine Menge Forderungen an die internationale Gemeinschaft und Szenarien für den Umgang mit den Separatisten auf der Krim formuliert. Die Journalisten wollen wissen, wie es nun weitergeht: auf der Krim, im unruhigen Osten, in der Hauptstadt. Das zu erklären, ist allerdings eine fast unlösbare Aufgabe, wenn die wichtigsten Spieler nicht in Kiew, sondern in Brüssel, Washington und vor allem in Moskau sitzen.

Die Politiker tun, als gebe es ein "Weiter so"

Klitschko spricht mehr als einmal von einer "fremden Macht" in einem "benachbarten Land", in dem "alle wesentlichen Entscheidungen" fielen. Er scheut sich, präziser zu werden - so wie in den Harry-Potter-Romanen, in denen der böse Lord Voldemort immer nur als der Mann bezeichnet wird, der "nicht genannt werden darf" - the one who must not be named.

Vor Klitschko hatte schon der Verteidigungsminister im Pressezentrum mit dem traurigen Namen "Ukrainische Krise" gesprochen, nach ihm ist der Justizminister dran. Und während draußen vor der Tür, auf dem Maidan, die Depression fast physisch zu spüren ist, während dort die obligatorischen "Ruhm-der-Ukraine"-Rufe verhallen und die einst ebenso obligatorische Antwort "Ruhm den Helden" immer öfter ausbleibt, tun die Politiker so, als hätten sie eine Antwort auf die Katastrophe. Und als könnte man, in Maßen zumindest, so tun, als gebe es ein "Weiter so".

Auf der Krim, in einem besetzten Land, wolle niemand Urlaub machen

Klitschko jedenfalls - aber auch Verteidigungsminister Igor Tenjuch sowie Justizminister Pawlo Petrenko - verkünden immer wieder, das Referendum sei illegal. Die Krim sei und bleibe Teil der Ukraine. Die Truppen, die seit Wochen in ihren Kasernen von russischen Bewachern umstellt waren, sollen dort ausharren. Man werde auch Strom und Wasser für die Halbinsel (beides kommt zu etwa 80 Prozent aus der Ukraine) nicht abstellen, denn das träfe ja vor allem Ukrainer. Ohnehin bestehe die Gefahr des ökonomischen Niedergangs, weil sicher kaum jemand noch Urlaub machen wolle auf der Krim, umgeben von Soldaten, in einem besetzten Land.

Im Osten wolle man zwar Provokateure aus Russland abfangen und Separatisten bestrafen, aber wenn die Unruhestifter, die von außen kämen, abgedrängt oder abgefangen worden seien, dann werde wieder Ruhe einkehren. Ab und zu fallen Sätze, die von einem "danach" ausgehen. Zum Beispiel: "Wenn wir das Territorium zurückerhalten haben". Oder: "Russland sorgt durch sein Vorgehen dafür, dass sich die Ukraine als Nation vereint."