TV-Sendung mit Wladimir Putin Väterchen Putin spricht mit seinen Kindern

Wirtschaftskrise, Reformstau, niedrige Löhne, der Tod von Boris Beresowskij: Der russische Präsident Wladimir Putin stellt sich bereits zum elften Mal in einer Fernsehsendung ausgewählten Fragen russischer Bürger aus allen Regionen des Landes. Dabei spöttelt er auch scharfe Kritik lässig weg.

Von Hannah Beitzer

Wladimir Putin, der sich auf internationaler Bühne gerne mal als aggressiver Hardliner präsentiert, hat im jährlichen Zwiegespräch mit seinem Volk deutlich sanftere Gesichtsausdrücke mitgebracht als sonst. Ernst macht er sich Notizen, während Bürger aus allen Teilen Russlands dem Präsidenten beinahe ein Jahr nach seiner Wiederwahl live im Fernsehen zuvor ausgewählte kritische Fragen stellen dürfen. Damit will Putin Volksnähe demonstrieren, den Russen zeigen, dass er auch auf unbequeme Fragen eine Antwort weiß.

Mehrere Sender und einige Internetseiten übertragen den "Heißen Draht" mit Russlands Staatsoberhaupt - eine mehrstündige Veranstaltung, die Putin inzwischen zum elften Mal abhält. Es geht dabei um unterschiedlichste Probleme und Problemchen: Eine Krankenschwester beschwert sich über niedrige Löhne, eine Großfamilie aus dem östlichsten Zipfel des Landes berichtet von ihren finanziellen Nöten, ein Geschichtslehrer aus Moskau kritisiert das Schulsystem. Und natürlich werden auch Kriegsveteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, der in Russland "Großer Vaterländischer Krieg" genannt wird, ins Studio zugeschaltet.

Und Putin? Bedankt sich für die Fragen, scherzt ein wenig herum, feuert Zahlen und Statistiken ab. Kurz: Er gibt sich ganz und gar wie ein strenger, aber durchaus gütiger Vater, der sich beim Abendbrot die Sorgen und Beschwerden seiner höchst unterschiedlichen Kinder anhört. Die reichen vom Hickhack rund um die Winterzeit, die in Russland erst abgeschafft und dann wieder eingeführt wurde, bis hin zu scharfer Kritik am wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung.

Letztere äußerte kein gewöhnlicher Mann aus dem Volk, sondern der ehemalige Finanzminister des Landes, Alexej Kudrin. Im September 2011 war er nach einem Streit mit dem damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedjew zurückgetreten und ist mit den Entwicklungen in Russland immer noch nicht einverstanden. "Wir haben bis heute keinen Plan dafür, wie die Abhängigkeit der Wirtschaft von den Ölexporten verringert wird", sagt Kudrin im Studio, der als wirtschaftsliberal gilt. Das Angebot Putins, zurück in die Regierung zu kommen, lehnt der ehemalige Finanzminister vor laufender Kamera ab.

"Er ist ein Faulpelz und will nicht arbeiten", sagt der Präsident darauf grinsend, um dem soeben noch als "besten Finanzminister der Welt" gelobten Kudrin zu bescheinigen: Er sei zwar auf seinem Fachgebiet äußerst bewandert, aber beileibe kein Experte in sozialen Fragen. "Hartes Handeln in der Wirtschaft ohne Rücksicht darauf, wie die sozialen Folgen aussehen, ist nicht immer gerechtfertigt", belehrt er den ehemaligen Minister.

Auch auf den kürzlich in London verstorbenen Putin-Widersacher Boris Beresowskij kommt die Sprache. Dieser habe, so berichtet Putin, ihm noch kurz vor seinem Tod zwei Briefe geschrieben, in denen er Fehler zugegeben und um eine Rückkehr nach Russland gebeten habe. Geantwortet habe Putin allerdings nicht. "Wir standen uns nie sehr nah", so seine Begründung.

Ähnlich wie Beresowskij dürfen auch weitere Putin-Gegner nicht auf Milde hoffen. Dem bekannten Oppositionellen Alexej Nawalnij wird gerade in der Provinzstadt Kirow der Prozess gemacht. Und der Kremlkritiker Konstantin Lebedew wurde just am Tag des "Heißen Drahts" wegen der Organisation von Massenunruhen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Mit Material von dpa.