Türkei Dieser Mann könnte hochrangige Politiker in der Türkei nervös machen

Geldwäsche, Bruch des Iran-Embargos, Bankbetrug: Das werfen die USA Reza Zarrab vor; er soll Geschäfte der Türkei mit Teheran eingefädelt haben.

(Foto: Ozan Kose/AFP)
  • Der türkisch-iranische Geschäftsmann stand im Zentrum einer Korruptionsaffäre, die Ende 2013 die türkische Regierung erschütterte.
  • Zarrab wurde vorgeworfen, er habe zwischen 2009 und 2012 Milliarden Euro Schwarzgeld aus illegalen Ölgeschäften mit Iran erhalten und über Scheinfirmen gewaschen.
  • Auch im Umfeld von Präsident Erdoğan wurde ermittelt, was dieser zum Anlass nahm, Tausende Beamte im Justiz- und Sicherheitsapparat versetzen, entlassen oder anklagen zu lassen.
Von Luisa Seeling

Eigentlich wollte Reza Zarrab mit seiner Frau und seiner Tochter ins Disneyland fahren. Doch der Familienausflug nahm am Flughafen von Miami ein jähes Ende: US-Polizisten nahmen den türkisch-iranischen Geschäftsmann fest, eine der Schlüsselfiguren im größten Korruptionsskandal, den die Türkei je erlebt hat. Die amerikanische Justiz hatte den 33-Jährigen im Visier, weil er hinter illegalen Geschäften zwischen der Türkei und Iran stecken soll. Konkret wirft ihm die Staatsanwaltschaft Geldwäsche, Umgehung des Iran-Embargos und Bankbetrug vor. Am Montag wurde Zarrab in New York einem Haftrichter vorgeführt; im Fall einer Verurteilung droht ihm eine lange Haftstrafe.

Die Festnahme dürfte einige türkische Politiker nervös machen. Denn der Mann, der sich nun in den USA vor Gericht verantworten muss, stand im Zentrum der Korruptionsaffäre, die Ende 2013 die türkische Regierung erschütterte. Damals ließen Staatsanwälte landesweit Razzien bei Geschäftsleuten und Politikern im engsten Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan vornehmen.

Es gab mehr als 50 Festnahmen; Zarrab, einer der Hauptverdächtigen, wurde vorgeworfen, er habe zwischen 2009 und 2012 Milliarden Euro Schwarzgeld aus illegalen Ölgeschäften mit Iran erhalten und über Scheinfirmen gewaschen. Auch die staatliche Halkbank sei in die Geschäfte verwickelt. Zarrab soll außerdem Bestechungsgeld in Millionenhöhe an hochrangige Beamte und Minister gezahlt haben. Verhaftet wurden damals auch der Sohn von Innenminister Muammer Güler und der Sohn von Wirtschaftsminister Zafer Çağlayan. Am Ende mussten vier Minister ihren Posten aufgeben.

Erdoğan, damals ohnehin unter Druck wegen der rabiaten Niederschlagung der Gezi-Proteste im Sommer 2013, stand mit dem Rücken zur Wand - und ging in die Offensive. Die Korruptionsermittlungen erklärte er zum Putschversuch des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der seit 1999 im selbstgewählten US-Exil lebt. Mit dem Gülen-Netzwerk verband die islamisch-konservative Regierungspartei AKP lange ein Zweckbündnis, nun aber brachen schwelende Konflikte voll aus. Dass die Staatsanwälte, die in Erdoğans Umfeld ermittelten, der Gülen-Bewegung nahestanden, nahm die Führung in Ankara zum Anlass für eine Säuberungswelle: Tausende echte und vermeintliche Gülen-Anhänger im Justiz- und Sicherheitsapparat wurden versetzt, entlassen oder gar angeklagt.

Von Präsident Erdoğan erhielt er einen Preis als "Export-Champion"

Der brisante Fall wurde anderen Staatsanwälten übergeben, die Untersuchungen wurden bald eingestellt. Zarrab blieb zwei Monate in Haft, Ende Februar 2014 kam er frei. Fortan hielt Erdoğan seine schützende Hand über den Jungunternehmer, der zu den vermögendsten Männern der Türkei zählen soll. Im vergangenen Juni erhielt Zarrab vom türkischen Vize-Premier und in Anwesenheit von Präsident Erdoğan einen Preis als "Export-Champion" - eine Auszeichnung, die angesichts der nie wirklich ausgeräumten Geldwäsche- und Bestechungsvorwürfe vielen Türken wie Hohn vorgekommen sein muss.

Der mächtige Widersacher Erdoğans

Er lebt im Exil in Pennsylvania, hat mehr als 60 Bücher geschrieben und steht im Verdacht, der "glorreichen osmanischen Vergangenheit" hinterherzutrauern. Dennoch hat Fethullah Gülen Millionen Anhänger. Diese könnten dem türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan im aktuellen Machtkampf das Leben schwer machen. Von Tim Neshitov mehr ...

Viele hoffen - oder befürchten -, dass Zarrab nach seiner Verhaftung mit den US-Ermittlern einen Deal machen könnte. Er sei absichtlich in die USA gereist, um auszupacken, vermutet die Zeitung Özgür Gündem. Und die linksliberale Cumhuriyet, die schon lange mit der Regierung über Kreuz ist, druckte eine Zeichnung mit Dominosteinen, der Tenor: Wenn Zarrab auspackt, gerät hier politisch einiges ins Wanken.

Zarrabs Anwältin wiegelt ab: Hintergrund seien Geschäftsangelegenheiten, ihr Mandant sei bald auf freiem Fuß. Die regierungsnahe Zeitung Sabah druckte eine Fotomontage, die den zuständigen US-Staatsanwalt Preet Bharara neben Erdoğans Erzfeind Fethullah Gülen zeigt - die stecken unter einer Decke, soll das heißen. Es dürfte aber schwer werden, Bharara zu diskreditieren.

Der Jurist hat einen Ruf als hartnäckiger Verfolger ganz dicker Fische, er hat es schon mit der kolumbianischen Farc, Waffenschmugglern und Geldwäschern aufgenommen, was ihm einen Platz auf der Times-Liste der wichtigsten Persönlichkeiten einbrachte. Gut möglich, dass der "Sheriff der Wall Street" etwas Licht ins Dunkel von Zarrabs Geschäftsbeziehungen bringt.