Türkei Istanbul feiert Verbrüderung auf dem Taksim

Demo auf dem Taksim: Die Oppositionspartei CHP feiert die Demokratie.

(Foto: AFP)
  • Die größte Oppositionspartei in der Türkei, die CHP, feiert auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul ein Demokratiefest.
  • Auch die AKP von Präsident Erdoğan ist eingeladen. Dass er die CHP auf den Platz lässt, ist eine kleine Sensation.
  • Die Regierung macht derweil weiter Jagd auf mutmaßliche Verräter.
Von Mike Szymanski, Istanbul

Schon am Sonntagmorgen fahren Autos durch die Nebenstraßen am Taksim und rufen per Lautsprecher die Bürger auf, zur großen Kundgebung zu kommen. Seit Tagen halten allabendlich Erdoğan-Angänger den Platz in Istanbul besetzt. Ein Meer aus roten Türkei-Fahnen und Erdoğan-Fanschals. Die Leute feiern, dass diese Regierung, dass dieser Staatspräsident noch im Amt sind und nicht das Militär die Herrschaft übernommen hat.

Die Armee hatte am Abend des 15. Juli einen blutigen Putschversuch gestartet. Gut eine Woche ist das jetzt her. An diesem Sonntag ist es aber nicht die Erdoğan-Partei, die islamisch-konservative AKP, welche die Leute aufruft zu kommen. Es ist die größte Oppositionspartei, die CHP. Sie darf sogar auf den Taksim.

Der Taksim in Istanbul ist mehr als ein Treffpunkt. Er ist sein symbolischer Ort. Seit den Protesten um die Bebauung des angrenzenden Gezi-Parks im Jahr 2013 haben regierungskritische Gruppen diesen Platz nicht mehr für einen solchen Auftritt nutzen dürfen. Zwischenzeitlich war der Platz eine Baustelle, die nicht fertig zu werden schien. Seit Donnerstag lebt das Land unter dem erklärten Ausnahmezustand. Und plötzlich ist auch dies möglich: Der Einladende heißt jetzt CHP, die alte, säkulare Atatürk-Partei.

Kurden, Konservative, Kemalisten: Das sind die Akteure in Erdoğans Reich

Die türkische Bevölkerung besteht aus verschiedenen Ethnien, Glaubensrichtungen und politischen Lagern - die Grenzen fließen. Eine Übersicht. Von Deniz Aykanat, Minh Thu Tran und Markus Mayr mehr ...

Ihr Vorsitzender Kemal Kılıçdaroğlu hält Erdoğan eigentlich für einen "Möchtegern-Diktator". Aber jetzt steht er am Rednerpult und sagt: "Heute ist der Tag der Einheit. Der Tag des Widerstandes gegen den Putsch." "Hakimiyet Milletindir", steht auf einem Plakat, das die gesamte Fassade des baufälligen Atatürk-Kulturzentrums verhüllt. "Die Macht geht vom Volk aus."

Am Mittwoch hatte Partei-Vize Tekin Bingöl den Vorstoß unternommen und die Demonstration angekündigt. Nach den Ereignissen vom 15. Juli wolle man klarmachen, wo die Partei steht. Ein "Republik- und Demokratie-Fest" werde die CHP veranstalten. "Mit allen Bürgern." So bekam auch die AKP eine Einladung. "Wir bedanken uns sehr", sagte AKP-Vizechef Yasin Aktay, der schon eine neue Einheit in der türkischen Politik beschwört. Seine Partei werde Abgeordnete und Vertreter aus der Führungsriege auf den Taksim entsenden. Wirklich viele sieht man nicht. Aber es ist schon eine kleine Sensation, dass die CHP hier sein darf.

"Heute wird Geschichte geschrieben", schreibt Serdar Turgut, Kolumnist der Zeitung Habertürk. Endlich bewegten sich die beiden großen Blöcke der türkischen Politik aufeinander zu. In der Tat hat es den Anschein, als ob sich Erdoğan und sein politisches Spitzenpersonal darum bemühten, ein weiteres Auseinanderbrechen der türkischen Gesellschaft zu verhindern.

Als Erdoğan in der Nacht auf Donnerstag den Ausnahmezustand verhängte, musste hinterher das Parlament noch zustimmen. Vor allem Abgeordnete der CHP und der prokurdischen Partei HDP verweigerten ihm in der Nationalversammlung die Gefolgschaft. Kılıçdaroğlu warnte später davor, auf Hexenjagd nach Verrätern zu gehen. Aber anders als sonst fiel die Reaktion aus der AKP nicht hitzköpfig, sondern eher milde, geradezu verständnisvoll aus. Ihr Spitzenpersonal verzichtete darauf, die Opposition wegen ihrer Weigerung in die Nähe der Putschisten zu rücken.

Und nun steht man Seite an Seite auf dem Taksim. Ob dies tatsächlich ein Wendepunkt in der türkischen Politik ist, wie manche Kommentatoren am Wochenende schreiben? Es ist noch ein bisschen früh, um das zu beantworten.