Türkei und IS Erdoğans Zögern

Bis an die Grenze zur Türkei ist die Terrormiliz vorgerückt, doch Premier Erdoğan hält sich im Kampf gegen den IS zurück. Auch, weil er das Leben türkischer Geiseln schützen wollte. Jetzt sind die Geiseln frei und über die Umstände wird gerätselt.

Von Luisa Seeling

Mehr als drei Monate waren sie in der Gewalt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), am Samstag kamen sie endlich frei: 46 Türken und drei irakische Mitarbeiter des türkischen Konsulats im nordirakischen Mossul. Über die Umstände der Freilassung wurde gerätselt. In einem Bericht der Zeitung Hürriyet am Dienstag heißt es, Ankara habe einen Gefangenenaustausch eingefädelt. Damit entfällt für die Regierung ein wichtiges Argument, das sie stets angeführt hat, um ihre Zurückhaltung im Kampf gegen den IS zu begründen.

Dem Zeitungsbericht zufolge hat die syrische Rebellengruppe Liwa al-Tauhid 50 Angehörige des IS freigelassen, um im Gegenzug die Freilassung der 49 Geiseln zu erwirken. Liwa al-Tauhid sei nach Verhandlungen zu dem Schritt bereit gewesen, heißt es in dem Bericht. Neben Kämpfern sei darunter auch die Familie des IS-Kommandeurs Hadschi Bakr gewesen, der im Februar im syrischen Aleppo getötet wurde. Hürriyet beruft sich dabei auf eine anonyme Quelle. Die Gruppe Liwa al-Tauhid ist in Aleppo aktiv. Sie gehört zu einer breiteren Koalition islamischer Gruppierungen, die gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpft, mit dem IS aber verfeindet ist.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte nach der Freilassung der Geiseln betont, dass kein Lösegeld geflossen sei. Zu den Umständen der Freilassung äußerte er sich aber nur in Andeutungen. Am Sonntag sagte er der Nachrichtenagentur Anadolu zufolge: "Ob es einen Austausch gab oder nicht, alle unsere 49 Bürger und Beamte sind in die Türkei zurückgekehrt." Auf die Frage, ob ein Gefangenenaustausch stattgefunden habe, sagte Erdoğan der Nachrichtenagentur AP: "Solche Dinge sind möglich." Jerusalem habe bereits 1500 Palästinenser für einen einzigen Israeli freigelassen. "Sie sehen also, es ist möglich."

Mit der Befreiung der Geiseln steigt der Druck auf das Nato-Land. US-Außenminister John Kerry sagte, die USA erwarteten, dass sich die Türkei stärker am Kampf gegen die IS-Milizen beteiligen werde, nachdem die 49 Geiseln nun in Sicherheit seien. Bisher hatte sich die Türkei beispielsweise geweigert, IS offiziell als Terrororganisation zu bezeichnen. Er lasse sich nicht zu einer Wortwahl drängen, die die Geiseln in Gefahr bringen könnte, hatte Erdoğan gesagt.

Doch nicht nur die USA und westliche Verbündete appellieren an die Regierung, endlich gegen die Terror-Miliz vorzugehen - sondern auch der türkische Geheimdienst. Das geht aus einem knapp 100-seitigen Bericht hervor, den die Bild-Zeitung einsehen konnte. In dem internen Dokument werde beschrieben, wie der IS im Süden der Türkei neue Kämpfer anwerbe und nach Syrien einschleuse. So sollen Kinder und Jugendliche aus türkischen Familien verschleppt worden sein. In einem Fall seien acht Kinder im Alter zwischen 13 und 17 Jahren von den Terroristen "vergewaltigt und dabei per Handy gefilmt" worden, um sie zum Kampfeinsatz zu erpressen. Die Familien hätten eine Entschädigung von bis zu 3000 Dollar erhalten.

"Der ISIS ist sehr stark geworden"

Weiter heißt es in dem Bericht, dass Freiwillige aus aller Welt über die Türkei nach Syrien gelangten - die Rede ist von etwa 50 Personen, die jeden Tag am Flughafen von Gaziantep im Südosten der Türkei ankämen. Es gebe sogar eine Art Shuttle-Service zur syrischen Grenzstation in der Provinz Hatay. Zudem werbe der IS in den sozialen Netzwerken offen um Spenden. Viele der Internetseiten würden von Vereinen betrieben, die offizell registriert und als gemeinnützig anerkannt seien. Der Bericht, so Bild, sei ein Alarmruf an die türkische Regierung, gegen das Terrornetzwerk im eigenen Land vorzugehen. Fazit sei: "Der ISIS ist sehr stark geworden und wir haben ihn nicht mehr unter Kontrolle."

Linktipps:

  • Ein Journalisten-Team der Hürriyet ist den Spuren der IS-Anwerber gefolgt und hat einiges über die Methoden des Terrornetzwerks, aber auch über die Motive junger Kampfwilliger zusammengetragen - mehr dazu hier.
  • Wie der IS Öl in die Türkei schmuggelt und warum der Staat diese Praxis bisher weitgehend geduldet hat, analysiert die New York Times.
  • SZ-Korrespondentin Christiane Schlötzer beschreibt, wie nah der Terror des IS an die Türkei herangerückt ist: Seit Freitag sind mehr als 130 000 Menschen in die Türkei geflohen, weil die Dschihadisten etwa 60 Dörfer in den Kurdengebieten im Norden Syriens erobert haben und die Stadt Ain al-Arab (Kurdisch: Kobanê) belagern.