Thüringen Eine Bürgerwehr macht Angst

  • In der Thüringer Gemeinde Gerstungen im Wartburgkreis hat sich eine Bürgerwehr formiert. Deren Mitglieder führen per Facebook ihre eigene "Kriminalitätsstatistik", die sich vor allem gegen Migranten richtet.
  • Auslöser für die Gründung der Gruppe waren mehrere Einbrüche.
  • Einer der Sprecher hat eine rechtsextreme Vergangenheit.
Von Antonie Rietzschel

Gerstungen kann aufatmen. Die Polizei hat vier Männer gefasst, die mehrere Einbrüche in der Gegend begangen haben sollen. Auch der Innenminister des Landes, Holger Poppenhäger, freut sich über den Fahndungserfolg seiner Beamten. Er hofft, dass nun wieder Normalität in die Thüringer Gemeinde einziehe.

Gerstungen hat fast 6000 Einwohner, sieben Einbrüche gab es seit März dieses Jahres. Keine besonders hohe Zahl, heißt es aus dem Innenministerium. Dennoch hatten sich viele Menschen in der thüringischen Gemeinde zuletzt nicht mehr sicher gefühlt. Manche nahmen das zum Anlass, eine sogenannte Bürgerwehr zu gründen, eine Art Ersatzpolizei. Auf der zugehörigen Facebookseite haben sich mittlerweile 2700 Mitglieder versammelt, die ihre eigene Kriminalitätsstatistik führen: Sie geben darin Hinweise auf möglichen Diebstahl oder verdächtige Fahrzeuge. In Gerstungen multipliziert sich seit den Einbrüchen die Angst. Misstrauen macht sich breit - und es richtet sich vor allem gegen Migranten.

Mit dem Auto auf Streife

Da wird vor bettelnden Rumänen gewarnt ("Macht die Türen zu"). Vor einer Person mit "südlichem Aussehen", die um ein Café herumschleichen soll ("Bin mal kontrollieren"). Vor einem Pärchen ("nicht deutscher Herkunft"), das angeblich an Haustüren klingelt. Einige Beiträge wurden mittlerweile gelöscht, nachdem sie in der medialen Berichterstattung aufgetaucht waren. Andreas Niebling, ein Sprecher der Bürgerwehr in Gerstungen bestätigt jedoch, dass sie ursprünglich von der Facebookseite stammen.

Im Gespräch mit SZ.de macht er keinen Hehl daraus, wer aus seiner Sicht für die angebliche Zunahme von Vorfällen verantwortlich ist: "Es kommen ja immer mehr Menschen zu uns, vor allem junge Männer." Er meint die Asylbewerber. 117 wohnen derzeit in einer Gemeinschaftsunterkunft in Gerstungen. Und es könnten mehr werden.

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Niebling ist einer von denen, die nicht nur auf der Facebookseite posten, sondern auch mit dem Auto Streife fahren. Nur wenn er jemanden auf frischer Tat ertappt, darf er ihn festhalten, bis die Polizei eintrifft. Aufgrund verdächtigen Verhaltens Personalien aufnehmen dürfen nur Polizisten. Das hatte in der Diskussion um die Bürgerwehr in Gerstungen nicht nur der thüringische Innenminister Poppenhäger wiederholt klargestellt, sondern auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei GdP.

Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime gibt es schon länger. Die Geschehnisse in Gerstungen sind Teil einer Entwicklung, die sich besonders in den vergangenen Monaten verstärkt hat. "Seit Anfang des Jahres nimmt die Zahl der Bürgerwehren zu", sagt Simone Rafael von Netz gegen Nazis. Es gehe darum zu suggerieren, dass man das Problem jetzt selbst anpacke, so Rafael.

Netz gegen Nazis zählt derzeit 100 solche Gruppen allein auf Facebook - in ganz Deutschland. Nur in wenigen Fällen gehen deren Mitglieder auch tatsächlich auf Streife. "Es geht vor allem darum, ausländerfeindliche Propaganda zu verbreiten", sagt Rafael. "Da werden dann vermeintlich von Asylbewerbern verübte Diebstähle gemeldet, doch bei der Polizei wurde nichts angezeigt", sagt Rafael. Ihrer Einschätzung nach stecken hinter den neueren Gruppen nicht selten Rechtsextreme. Beispiele wie Güstrow oder Eisenhüttenstadt geben ihr Recht.

Auch die politische Gesinnung von Andreas Niebling ist zweifelhaft. In der Gruppe gibt er sich im Vergleich zu anderen Mitgliedern moderat. Doch in den Neunzigerjahren soll Niebling der Anti-Nazi-Organisation Mobit zufolge einen NPD-Kreisverband geleitet haben, gemeinsam mit dem Neonazi Patrick Wieschke. Im Gespräch mit SZ.de gibt er zu, früher NPD-Mitglied gewesen zu sein. Heute habe er aber keine Verbindungen mehr zur Partei.

Genugtuung für die Bürgerwehr

Dass er im vergangenen Jahr an einer Demo des rechtextremen Ablegers von Pegida, Thügida, teilnahm, bestätigt er ebenfalls. Er habe lediglich mal zuschauen wollen, sagt er. Unter seinen Facebook-Freunden findet sich Patrick Wieschke und unter den Likes eine rechtsextreme Band aus Thüringen und die Modemarke Thor Steinar.

Für jemanden wie Niebling ist es eine gewisse Genugtuung, dass die nun gefassten Einbrecher nicht ursprünglich aus Deutschland kommen. Das Innenministerium hat diese Information nicht verbreitet. Die Herkunft spiele im Zusammenhang mit der Tat keine Rolle, heißt es. Für die Bürgerwehr schon: "Aber wir haben ja alle nur gehetzt und Mist erzählt!", kommentiert Niebling auf Facebook einen Bericht über die Einbrecher. "1:0 für die Bürgerwehr". Bleibt zu hoffen, dass es in Gerstungen künftig nicht zu ähnlichen Szenen wie im Mai 2013 kommt. Damals hatten Mitglieder einer Bürgerwehr in Brandenburg zwei Männer verprügelt, die sie für Einbrecher hielten. Es waren polnische Erntehelfer.

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