Zawahiri wird Nachfolger Bin Ladens Al-Qaidas neue Nummer eins

20 Jahre lang war er die Nummer zwei an der Seite Osama bin Ladens: Aiman al-Zawahiri übernimmt die Führung von al-Qaida, berichtet eine islamistische Website. Die Terroristen nehmen die Ernennung Zawahiris offenbar auch zum Anlass, ihre Position zu grundlegenden Fragen darzulegen - darunter auch ihre Haltung zur Protestbewegung in der arabischen Welt.

Er gilt als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September - und als ideologischer Kopf des Terrornetzwerks al-Qaida: Der Ägypter Aiman al-Zawahiri soll dem getöteten Osama bin Laden an der Spitze der Organisation nachfolgen. Das geht aus einer Botschaft hervor, die an diesem Donnerstag von einer Islamisten-Website im Internet veröffentlicht wurde. Darin heißt es, das "Generalkommando" von al-Qaida habe nach ausführlichen Debatten beschlossen, dass Zawahiri der neue "Emir" des Terrornetzwerks werden solle.

Aiman al-Zawahiri in einer kürzlich veröffentlichten Videobotschaft: Das Terrornetzwerk al-Qaida soll den Ägypter nun zum Nachfolger des getöteten Osama bin Laden ernannt haben.

(Foto: AFP)

Die Terroristen nehmen in der Botschaft die Ernennung Zawahiris zum Anlass, um ihre Position zu verschiedenen grundlegenden Fragen darzustellen. In der Botschaft heißt es unter anderem: "Wir bereiten uns vor auf den Heiligen Krieg gegen die ungläubigen Invasoren und an ihrer Spitze die Kreuzfahrer aus den USA und ihr Mündel Israel sowie gegen jeden Herrscher, der sie unterstützt." Außerdem erklärten die Terroristen: "Wir loben die arabischen Revolutionen in Ägypten, Tunesien, Libyen, im Jemen, in Syrien und in Marokko, und wir ermutigen auch die anderen muslimischen Völker, ihre korrupten Regime zu stürzen." Lange Zeit hatte al-Qaida zu der Protestbewegung in der arabischen Welt geschwiegen, es schien, als sei sich das Terrornetzwerk nicht einig, welche Haltung es zu der Entwicklung in den Ländern einnehmen solle.

Ihren Mitstreitern im Irak, in Somalia, im Maghreb, auf der arabischen Halbinsel und in Tschetschenien sicherte die al-Qaida-Führung die unverminderte Unterstützung zu. Zu Afghanistan erklären die Terroristen in der Botschaften, sie wollten sich dort weiterhin dem Kommando von Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar unterwerfen, "um die amerikanische Besatzung im ganzen Land zu beenden".

Es wird eine der Herausforderungen für den neuen Mann an der Spitze des Terrornetzwerks sein, die Beziehungen zu den Taliban zu pflegen. Anders als sein Vorgänger Bin Laden hat Zawahiri die Interessen Afghanistan eher als nebensächlich erachtet im Vergleich zu den Ländern des Nahen Ostens oder Ägypten. Allerdings ist die Organisation in Afghanistan und Pakistan auf den Schutz der Taliban angewiesen.

Die Authentizität der neuen Botschaft ließ sich noch nicht überprüfen. Der Inhalt und die Art und Weise, wie sie veröffentlicht wurde, legen jedoch die Vermutung nahe, dass sie tatsächlich von der Führungsebene des Terrornetzwerkes stammt. Zawahiri galt bei Sicherheitsexperten schon lange als Nachfolger Bin Ladens. Der Aufenthaltsort des Ägypters ist unbekannt.

Der Londoner Analyst Noman Benotman, einst selbst Dschihadist im Umfeld al-Qaidas, schätzt, dass Zawahiri versuchen werde, die Organisation deutlich politischer auszurichten. Während Bin Laden dem Netzwerk als charismatische Führungsperson diente, könnte Zawahiri versuchen, die Organisation mit einer deutlicheren politischen Botschaft auszustatten. Zum Beispiel, dass sie das Ziel verfolge, die muslimische Mehrheit vom Einfluss westlicher Länder zu befreien, schreibt Benotman in einem Aufsatz für die renommierte Londoner Quilliam Foundation.

Zawahiris Vorgänger Bin Laden war Anfang Mai von einem US-Spezialkommando in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad getötet worden. Seither galt Zawahiri als wahrscheinlichster Nachfolger. Zwar ist die Personalstruktur von al-Qaida fließend, doch bildete Zawahiri seit mehr als 20 Jahren zusammen mit Bin Laden eine Art Doppelspitze: Innerhalb des Terrornetzwerks galt Zawahiri als ideologischer Kopf, während bin Laden die Rolle des Terror-Gurus einnahm. Die beiden verband der fanatische Hass auf Amerika, Israel und die Herrschaftsstrukturen in ihrer jeweiligen Heimat. Dass Zawahiri Bin Laden nachfolgen werde, sei Benotman zufolge innerhalb des Terrornetzwerks nie umstritten gewesen.

Wie Bin Laden hat auch Zawahiri berühmte Vorfahren: Der Großvater mütterlicherseits des Ägypters war Präsident der Universität Kairo und sein Großonkel väterlicherseits Rektor der Al-Azhar-Universität, der angesehensten Bildungseinrichtung der islamischen Welt. Zawahiri wuchs in einem wohlhabenden Vorort von Kairo auf.

Während seiner Ausbildung zum Chirurgen knüpfte Zawahiri Kontakte zu radikalen Muslimgruppen. Mit dem Ziel, einen islamischen Staat in Ägypten zu gründen, trat Zawahiri in den siebziger Jahren der neuen Terror-Gruppe Al-Dschihad (Egyptian Islamic Jihad) bei, die 1981 Präsident Anwar as-Sadat ermordete. Zusammen mit 300 anderen Verdächtigen wurde Zawahiri festgenommen und blieb drei Jahre in Haft, bis er 1985 über Saudi-Arabien nach Pakistan ausreiste. Dort half er als Chirurg und zunehmend als Stratege für arabische Kämpfer im Krieg gegen die Sowjetunion und stieg auf bis zum Vertreter Bin Ladens.

Gemeinsam mit Bin Laden proklamierte er den Krieg gegen die USA: Auf der Gründungsurkunde der 1998 am Hindukusch gebildeten "Islamischen Weltfront für den Dschihad gegen Juden und Kreuzfahrer" steht Zawahiris Unterschrift an zweiter Stelle direkt unter der Bin Ladens. Neben den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt Zawahiri auch als einer der Drahtzieher hinter den Angriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Die US-Behörden haben für seine Ergreifung eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt.