Terrornetzwerk in Jemen Al-Qaida bekennt sich zu Anschlag

Fast unbemerkt hat sich im Jemen die Terror-Holding ausgebreitet. Jetzt bekennt sich ihr regionaler Zweig auf der Arabischen Halbinsel zum Anschlag.

Von H. Leyendecker

Vor gut sieben Jahren war es noch eine Spitzennachricht, als die amerikanische CIA im Jemen eine neue Front im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus eröffnete: Spezialisten zielten mit einer ferngesteuerten Rakete auf einen Geländewagen, der durch die Rub-al-Chali-Wüste karriolte. Sechs Männer starben. Einer der Getöteten war Abu Ali, früher Leibwächter von Osama bin Laden und angeblich einer der Organisatoren des Sprengstoffangriffs auf das amerikanische Kriegsschiff "USS Cole" im Oktober 2000.

Dieses Bild aus einem Al-Qaida-Video soll den Terroristen Mohammend al-Kalwi zeigen, wie er vergangene Woche an einem unbekannten Ort in Jemen zu seinen Anhängern spricht.

(Foto: Foto: AP)

An die Drohnen am Himmel haben sich die Bewohner mittlerweile gewöhnt. Und fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren im Jemen die Terror-Holding al-Qaida ausgebreitet.

Erst die Erklärung des 23-jährigen nigerianischen Terrorverdächtigen Umar Farouk Abdulmuttalab, Terror-Kader im Jemen hätten ihm beigebracht, ein Flugzeug in die Luft zu jagen und ihm Sprengstoff überreicht, richtet den Blick auf die Verhältnisse im Jemen.

Am Montagabend bekannte sich al-Qaida selbst zu dem Angriff. Der regionale Zweig der Organisation "al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP) stellte ein Schreiben ins Internet, zusammen mit einem Bild des mutmaßlichen Täters. Abdulmuttalab wird als "Bruder und Märtyrer" dargestellt, der den "großen Mythos des US-Geheimdienstes" zerschlagen habe.

Dass der eigens entwickelte Sprengsatz nicht explodiert sei, habe an einem "technischen Fehler" gelegen. Der Angriff sei eine Vergeltung dafür gewesen, dass die Amerikaner im Jemen gegen al-Qaida vorgingen. Zudem rief AQAP dazu auf, die Mitarbeiter westlicher Botschaften in der Region in einem "totalen Krieg" zu töten.

Spezialisten haben oft darauf hingewiesen, dass der islamistische Terrorismus besonders gut in Ländern mit vielen Konfliktherden gedeiht: im Süden des Jemen kämpfen Sozialisten um Autonomie, im Norden rebellieren die schiitischen Huthi-Rebellen, und dazwischen wächst das Terror-Netzwerk al-Qaida.

Als ein amerikanischer Diplomat, Matthew P. Hoh, vor einigen Wochen seinen Dienst in Afghanistan quittierte, erklärte er: Wenn es wirklich darum gehe, "ein Wiederaufleben von al-Qaida zu verhindern, müssten wir konsequenterweise" auch im Jemen, im Westen Pakistans und in Somalia einmarschieren.

Die New York Times berichtete am Montag, seit einem Jahr hielten sich einige der besten im Anti-Terrorkampf geschulten CIA-Agenten im Jemen auf, und das US-Verteidigungsministerium werde in den kommenden Monaten 48 Millionen Euro für Spezialtruppen ausgeben, um im Jemen den Kampf gegen den Terrorismus zu intensivieren.

Ganz neu sind solche Anstrengungen nicht. Schon im Herbst vergangenen Jahres hatten Mitglieder der Regierung des jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih um ausländische Unterstützung im Kampf gegen die Extremisten gebeten. Der Jemen ist die Heimat der Familie bin Laden. Hier kam Osamas Vater Mohammed zur Welt. Seit der Gründung der Terrororganisation vor mehr als zwei Jahrzehnten stellten Jemeniten einen Großteil der Kämpfer. Die meisten der in Guantanamo noch einsitzenden Häftlinge stammen aus dem Land.

Der ehemalige Guantanamo-Häftling Mohammed al-Awfi gab im Januar 2009 in einem Video der al-Qaida den Zusammenschluss der Terrorgruppen in Saudi-Arabien und im Jemen bekannt. Awfi gilt zwar als wenig verlässlich, weil er mehrmals die Seiten gewechselt hat, aber AQAP gibt es wirklich. Die Gruppierung soll von Nasi Abdelkarim al-Wuhaishi, einem früheren Sekretär bin Ladens, angeführt werden. Als einer der wichtigsten Propagandisten gilt der radikale Prediger Anwar al-Awlaki, ein US-Bürger jemenitischer Herkunft, der in seine Heimat zurückgekehrt ist.

Awlaki kannte nicht nur zwei der Attentäter des 11. September, sondern hatte auch E-Mail-Kontakt zu dem Militärpsychiater Nidal Hassan, der Anfang November auf einem US-Militärstützpunkt in Texas 13 Menschen tötete. Auch soll Awlaki Kontakt zu dem 23 Jahre alten nigerianischen Terrorverdächtigen Abdulmutallab gehabt haben - ein Netz mit vielen Spinnen und einflussreichen Helfern.

"Der richtige Weg zum Töten"

Im Februar 2006 brachen 23 jener Terroristen, die am Attentat auf den US-Zerstörer Cole beteiligt gewesen sein sollen, aus einem Hochsicherheitsgefängnis aus. Angeblich wurden sie von jemenitischen Geheimdienstlern unterstützt.

Einige der Geflohenen bilden heute den harten Kern der AQAP, die in diesem Jahr allein auf der arabischen Halbinsel fünf Anschläge begangenen haben soll. Früher gingen die Nachrichtendienste davon aus, AQAP habe etwa hundert Kämpfer. Mittlerweile soll die Zahl weit größer sein.

Die Bande, die Geheimdienstberichten zufolge auch junge Islamisten aus Deutschland, Australien und Frankreich ausbildet, soll sogar Zulauf aus Pakistan und Afghanistan bekommen haben. Auch die Ziele ändern sich. Bislang waren nur Anschläge in der Heimatregion geplant. In einem Online-Magazin von AQAP fand sich im Oktober der Hinweis, die Organisation werde jedermann unterstützen, der in den Dschihad ziehe. AQAP weise Gefolgsleute in den "richtigen Weg zum Töten" ein.