Syriens Religionen und Ethnien Verfehlte Wirtschaftspolitik als Auslöser des Aufstands

Für zusätzlichen Zündstoff sorgt, dass diese Gruppen nicht klar abgegrenzt voneinander leben. Die Hauptstadt Damaskus liefert ein signifikantes Beispiel: das Christenviertel in der Altstadt, an das sich ein paar Blocks weiter eine sunnitische Wohngegend anschließt. Die verschiedenen Gruppen vermischen sich quer durch die Millionenstadt, vom Zentrum bis in die Ausläufer. Und die Syrer heiraten oft untereinander, sind befreundet, wohnen Haus an Haus. Aber sie beten getrennt in Kirche und Moschee - wenn sie überhaupt beten.

Der eigentliche Auslöser für den Aufstand war die verfehlte Wirtschaftspolitik des Assad-Regimes. Sie hat zur Verelendung der ländlichen Regionen geführt, während Städte wie Damaskus profitiert haben von der konzeptionslosen und korruptionsgetriebenen Liberalisierung der Wirtschaft. Nicht ohne Grund hatte der syrische Aufstand im Frühjahr 2011 in der Provinzstadt Daraa an der jordanischen Grenze begonnen.

In Damaskus selbst ist der Aufstand am stärksten in den Orten des ländlichen Gürtels rund um die Hauptstadt zu spüren, wo sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich Sunniten angesiedelt haben. Sie hatten auf Arbeit in der Nähe der Metropole gehofft, kamen aber zu kurz. Die Einwohner von Randstädten wie Duma sind religiöser als die echten Hauptstädter, damit stärker verbunden mit der sunnitisch geprägten Opposition.

Nicht alle Aufständischen sind Sunniten

Andere Sunniten - etwa die einflussreiche Händlerschicht in Damaskus und Aleppo - haben vom Assad-Regime profitiert. Sie halten sich deshalb bisher aus dem Konflikt heraus. Zu dieser großen Gruppe zählt auch die Familie des desertierten Generals und Assad-Freunds Manaf Tlass, dessen Bruder ein Business-Tycoon ist. Ohnehin sind nicht alle syrischen Aufständischen Sunniten, nicht alle potenzielle Islamisten. Auch eine kleine Gruppe von Christen, Alawiten und Säkularen geht auf die Straße oder greift zur Waffe. Aber im Zentrum des Aufstands steht wie in allen Nahost-Staaten die Moschee: Sie ist der traditionelle Mittelpunkt islamisch geprägter Gesellschaften. Von ihr aus wird der Widerstand organisiert.

Ein weiterer Reibungspunkt im aktuellen Konflikt ist die Siedlungspolitik. Die Assads sind Alawiten, haben deshalb Alawiten zu einer Säule der Macht gemacht. Alawiten finden sich in Schlüsselpositionen von Armee und Sicherheitskräften, wurden auch gezielt zwischen Sunniten angesiedelt. Etwa in Homs, einer der Hochburgen der Opposition. Auch auf dem Land finden sich, meist historisch gewachsen, Enklaven. Alawitische Dörfer liegen in Sunnitengebieten, einzelne sunnitische Dörfer finden sich dort, wo Alawiten stark sind. Vor allem im Nordwesten.

Die Dörfer dort gelten als letzter Zufluchtsort und möglicher Rumpfstaat des Assad-Clans, wenn der Bürgerkrieg voll in Gang kommen und Damaskus fallen sollte. Solche Enklaven - egal, von welcher Gruppe besiedelt - sind extrem gefährdet. Sie könnten Schauplatz von Massakern werden, wenn Syrien in einem Bürgerkrieg versinken sollte.