Stuttgart 21: Streit um Stresstest "Die Bahn macht sich unglaubwürdig"

Nach Auffassung der Bahn hat Stuttgart 21 den Stresstest bestanden: Wie die SZ aus Konzernkreisen erfuhr, soll der umstrittene Durchgangsbahnhof um 30 Prozent leistungsfähiger sein als der jetzige Kopfbahnhof. Kritiker werfen der Bahn jetzt vor, gezielt ein ihr genehmes Ergebnis des Tests zu streuen - sie sprechen von "Tricksereien".

Von Roman Deininger und Daniela Kuhr

Der umstrittene Tiefbahnhof Stuttgart 21 hat nach Auffassung der Deutschen Bahn den "Stresstest" bestanden. In einer aufwendigen Computersimulation sei nachgewiesen worden, dass der Durchgangsbahnhof um 30 Prozent leistungsfähiger sei als der jetzige Kopfbahnhof, erfuhr die "Süddeutsche Zeitung" am Wochenende aus dem Umfeld des Konzerns.

Ein Bahnsprecher wollte das Ergebnis am Sonntag noch nicht offiziell bestätigen. "Wir haben immer unsere Zuversicht ausgedrückt, dass Stuttgart 21 den Stresstest besteht", sagte er. Man könne einer Prüfung der Ergebnisse durch den unabhängigen Gutachter aber nicht vorgreifen. Die Resultate des von Schlichter Heiner Geißler im Dezember verordneten Tests werden derzeit von dem Schweizer Verkehrsberatungsunternehmen SMA geprüft. Die Bewertung soll der Bahn und der grün-roten Landesregierung am 11. Juli vorliegen. Öffentlich vorgestellt werden soll das Ergebnis am 14. Juli.

Die Grünen lehnen das Projekt ab. "Offenbar streut die Bahn gezielt vorab ein ihr genehmes Ergebnis. Damit macht sie sich aber unglaubwürdig", sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Sonntag. "Ob der geplante Tiefbahnhof den Stresstest tatsächlich besteht, kann man aber erst sagen, wenn die Bewertung der Gutachterfirma SMA vorliegt". Der Sprecher der Parkschützer, Matthias von Herrmann, sagte, es stelle sich die Frage, "ob die Bahn nicht massiv trickst".

Bahn hält offenbar nur zwei Nachbesserungen für notwendig

Nach SZ-Informationen rechnet die Bahn damit, dass der neue Bahnhof, um die vereinbarten 49 Züge pro Stunde abfertigen zu können, keine grundlegenden Nachbesserungen braucht, vor allem kein neuntes und zehntes Gleis - eine Option, die Schlichter Heiner Geißler ins Spiel gebracht hatte, um eventuelle Kapazitätsmängel zu beseitigen. Wie aus dem Umfeld der Bahn verlautete, haben sich in der Simulation keine besonderen Engpässe ergeben. Es könnten sogar mehr als 49 Züge pro Stunde möglich sein. Die Bahn habe sich aber an die Vorgaben aus der Schlichtung gehalten.

Nur zwei Nachbesserungen, die Geißler vorschlug, hält der Konzern nach SZ-Informationen für notwendig. Eine ist die zweigleisige Anbindung des Flughafens an die Neubaustrecke. Diese hatte die Bahn ohnehin schon zugesagt, ebenso die dafür nötigen 25 Millionen Euro. Die zweite Nachbesserung betrifft die Ausrüstung aller Strecken nicht nur mit moderner, sondern zusätzlich mit konventioneller Leit- und Sicherungstechnik. So wird sichergestellt, dass auch ältere Züge mit der neuen Infrastruktur zurechtkommen. Die dafür nötigen 10 bis 15 Millionen Euro möchte die Bahn dem Vernehmen nach jedoch von den anderen Projektpartnern ersetzt bekommen.

Weitere Mehrkosten, heißt es, fielen nicht an. Für die Projektgegner dürfte das überraschend kommen, hatten sie doch unzählige Gutachten vorgelegt, die belegen sollten, dass der neue Bahnhof falsch konzipiert sei. Sie halten Nachbesserungen im hohen dreistelligen Millionenbereich für nötig - was den Kostenrahmen des derzeit auf gut vier Milliarden Euro taxierten Projekts wohl sprengen würde.

Ob der Stresstest allerdings tatsächlich den Vorgaben des Schlichters entspricht, wird erst feststehen, wenn das abschließende Testat des Gutachterbüros SMA vorliegt. Auf dieses hatten sich Projektgegner und -befürworter geeinigt. Es gilt als durchaus kritisch eingestellt gegenüber S 21. Dennoch hört man nun, die Bahn-Verantwortlichen seien optimistisch, dass die Ingenieure das Testat erteilen. Das Büro sei eng in den Test eingebunden worden.