Studie zu Migranten Besser integriert dank besserer Wirtschaftslage

Gerade Mädchen können vom deutschen Bildungssystem profitieren.

(Foto: dpa)

Migranten sind in Deutschland zunehmend besser integriert. Wie eine aktuelle Studie zeigt, ist das jedoch kaum der Politik zu verdanken, sondern einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften. Gerade bei der Bildung müsste noch viel getan werden. Doch was die Schulbildung angeht, sind einige Mädchen schon jetzt Integrationsgewinner.

Von Barbara Galaktionow

Fünf Jahre ist es her, da veröffentlichte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine erste Studie zur Situation von Migranten in Deutschland. Die Ergebnisse seien "dramatisch", sagte damals die amtierende Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU). Führten sie doch deutlich vor Augen, dass zumindest einige Migrantengruppen sehr viel schlechter gebildet und häufiger arbeitslos waren als die Einheimischen, darunter auch die große Gruppe der türkischen Zuwanderer. "Ungenutzte Potenziale" nannte das Berlin-Institut seine Studie.

Nun hat die Einrichtung eine neue Untersuchung veröffentlicht und schon der Titel deutet darauf hin, dass sich etwas verändert hat: "Neue Potenziale" heißt sie (hier als PDF). Der Studie zufolge hat sich die Integration von Migranten zumindest leicht verbessert. Hat also die Politik angemessen reagiert und Missstände behoben? Allenfalls zum Teil. Wobei zu berücksichtigen ist, dass jüngste Entwicklungen sich noch gar nicht in der Studie niederschlagen, da sie auf Zensusdaten von 2010 beruht. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Bessere Konjunktur - bessere Integration: Hauptverantwortlich für die bessere Integration der Migranten im Vergleich zur Vorläuferstudie sei die Wirtschaftlage, heißt es in der Studie. Von der besseren Lage am Arbeitsmarkt hätten nicht nur Einheimische, sondern auch Migranten profitiert - wenn auch nicht in gleichem Maße. Weil Unternehmen zudem öffentlich immer mehr betonten, wie wichtig qualifizierte Migranten für ihre Wettbewerbsfähigkeit seien, sei auch das Ansehen von Zuwanderern gestiegen.
  • Mehr Neuankömmlinge mit hohem Bildungsabschluss: Der wachsende Bedarf an Fachkräften führt zunehmend gut qualifizierte Migranten nach Deutschland. Der Anteil von Akademikern unter den neuen Zuwanderern liege inzwischen deutlich über dem durchschnittlichen Anteil von Akademikern in der deutschen Bevölkerung. "Von einer 'Armutszuwanderung' als Massenphänomen kann keine Rede sein", betonen die Forscher. Die Bundesregierung und die EU hätten die Zuzugsbedingungen für hochqualifizierte Ausländer zudem auch deutlich erleichtert.
  • Türkische Migranten am wenigsten integriert: Beim größten Aufregerthema der Vorgängerstudie hat sich nur wenig verändert. So zeigen sich weiterhin in der türkischen Community die deutlichsten Eingliederungsprobleme. Mit 2,9 Millionen Menschen ist sie immerhin die zweitgrößte Zuwanderergruppe nach den Aussiedlern (4,1 Millionen), also Zuwanderern aus Ost- oder Südosteuropa mit deutschen Wurzeln. Die Wissenschaftler schreiben das vor allem der geringeren Bildung zu. Die hätte sich zwar leicht verbessert, doch reiche sie immer noch nicht an die der Einheimischen oder den Durchschnitt aller Migranten heran. Als wesentliche Ursache hierfür nennt die Studie die Einwanderungsgeschichte der türkischen Zuwanderer, die in der ersten Generation meist als ungelernte Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Obwohl mittlerweile knapp die Hälfte der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund selbst in Deutschland geboren sei, schlägt sich das offenbar nur unzureichend im Bildungsniveau nieder. "Alte Probleme der Integration" blieben "weitgehend ungelöst", heißt es. Knapp die Hälfte der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fühle sich denn auch in der Gesellschaft weniger anerkannt als die Deutschen. Keine andere Migrantengruppe habe ein so schlechtes Bild von ihrem Platz in der Gesellschaft. Eine Ausnahme: die türkischen Mädchen. Sie gehören - zumindest was die Bildung angehe - zu den Integrationsgewinnern. Das zeigt sich sehr deutlich daran, dass der Anteil der türkischstämmigen Frauen, die gar keinen Schulabschluss haben, immer kleiner wird - vor allem in der zweiten Generation.
  • Bessere Chancen in Hamburg und im Süden: Dass eine gute Wirtschaftslage die Integration begünstigt, zeigt sich auch beim Blick auf unterschiedliche Regionen. In den Bundesländern, in denen der Arbeitsmarkt gute Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten biete, falle Migranten die Integration leichter. Zudem zögen wirtschaftsstarke Regionen tendenziell gut qualifizierte Migranten an, denen es selbst leichter falle, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Beispiele hierfür seien Hamburg und die südlichen Bundesländer.

Den Grad der Integration misst das Institut mittels eines von ihm entwickelten Index zur Messung von Integration (IMI). Dabei werden 15 Kriterien untersucht, überwiegend aus den Bereichen Bildung und Erwerbsleben, also mit einer deutlich sozio-ökonomischen Ausrichtung. Nicht berücksichtigt werden demgegenüber rein soziale Gegebenheiten, beispielsweise private Kontakte zu Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen deutscher oder nicht-deutscher Herkunft.

Aus den Ergebnissen der Studie leiten die Forscher eine Reihe von Forderungen ab, an welchen Stellen die Politik oder die Gesellschaft insgesamt tätig werden müsse. Der Arbeitsmarkt müsse weiter geöffnet werden. Zudem müsse der Politikbereich Integration vom Innenministerium, das von Sicherheitsinteressen geleitet werden, ins Arbeits- oder Wirtschaftsministerium verlegt werden. Vor allem räumen die Wissenschaftler einer besseren Bildung vom frühen Kindesalter an einen großen Stellenwert ein. Bildung könne zwar nicht alle Integrationshürden abbauen, heißt es, doch sei "ohne Bildung eine gleichwertige Teilhabe an der Gesellschaft kaum möglich".