Streit um US-Fiskalklippe Das alte Amerika wird teilen müssen

In den USA kämpfen beim Konflikt um den Haushalt zwei Lager erbittert miteinander. Selbst wenn in letzter Stunde noch ein Notkompromiss gelingen sollte: Die Trennung geht tiefer. Es stehen sich Generationen gegenüber.

Ein Kommentar von Christian Wernicke, Washington

Die Amerikaner kennen das Schauspiel in Washington zur Genüge: Ein Präsident, blockiert vom Kongress, zwei politische Lager, die sich in ihrem seit Jahren währenden Nahkampf spinnefeind geworden sind. Die Blauen (Demokraten) und die Roten (Republikaner) sind längst nicht mehr nur Großparteien. Sie agieren wie politische Stämme, mit jeweils eigenen Riten und Reflexen, die jene angeblich Vereinigten Staaten in den Ruin treiben.

Also stürzt die Nation über die Klippe. Selbst wenn in letzter Stunde noch ein Notkompromiss gelingt: Die großen, inneren Probleme der Weltmacht - das kaputte Steuersystem, die Überlastung der Sozialversicherung, die Gefahr eines Staatsbankrotts - fassen beide Parteien nicht an. Präsident Obama, der Wahlsieger vom November, darf darauf vertrauen, dass sein Volk diesmal das Fiasko vorrangig der konservativen Opposition anlasten wird. Die Republikaner wiederum glauben, sie hätten im nächsten Jahr, wenn der Kongress erneut Amerikas Schuldendeckel erhöhen muss, bessere Chancen, den Demokraten Zugeständnisse abzupressen.

Ewiggleiche blau-rote Polit-Rituale

Die ewiggleichen blau-roten Polit-Rituale versperren freilich den Blick auf eine andere, tiefer liegende Konfliktlinie. Eingewebt in den Parteienkampf ist inzwischen ein sich zuspitzender Konflikt zwischen den Generationen, zwischen Jung und Alt. Zur Erinnerung: Drei Fünftel aller Wähler unter 30 Jahren (mit einem stetig wachsenden Anteil von Afro-Amerikanern und Latinos) haben im November Barack Obama gewählt. Derweil votierten Amerikas meist weiße Rentner (und ebenso viele Weißen kurz vor der Pensionierung) in der Regel für die Republikaner. Schon zeichnet sich im Verteilungskampf eine neue Farbenlehre ab: der Streit von Braun gegen Grau.

In Washingtons Spar- und Steuerkampf schimmert diese Frontstellung gleich dreimal durch: Alte Amerikaner lehnen Obamas Gesundheitsreform auch deshalb ab, weil die staatliche Krankenversicherung für Senioren gekürzt wird. Steuererhöhungen für Reiche, wie sie die Demokraten fordern, belasten vor allem vermögende und bestverdienende Weiße über 50. Und zu den ersten Kürzungen, die Republikaner allzeit fordern, zählen die Investitionen in Erziehung, Forschung und Infrastruktur - Ausgaben, die dem jungen Amerika auf die Beine helfen und die Wettbewerbsfähigkeit fördern würden. Die Zukunft eben.

Republikaner wenden ein, sie dienten dem jungen, braunen Amerika, weil sie die Staatsschulden reduzieren wollen. Schließlich muss die nächste Generation geradestehen für all die Billionen, die Washington jetzt verprasst. Nur, selbst dieses Argument ist fadenscheinig: Denn die Republikaner wollen weniger die Schulden als den Staat an sich abbauen. Gleichzeitig verlangen sie nämlich nach massiven Steuersenkungen, die aber neue Haushaltslöcher aufreißen würden. Und die kämen vorrangig ihrer grauen Klientel zugute.

Obamas Sieg am 6. November war auch ein Triumph der jungen Generation. Das alte Amerika wehrt sich. Aber es wird, langfristig jedenfalls, mehr teilen müssen.