Steinbrücks Wahlkampf Risiko-Kandidat engagiert Risiko-Sprecher

Von der Immobilien-Heuschrecke Deutsche Annington direkt in Steinbrücks inneren Berater-Zirkel: Rolf Kleine löst den glücklosen Michael Donnermeyer als Sprecher des Kanzlerkandidaten ab. Ob das die stockende Kampagne des Sozialdemokraten in Fahrt bringt, darf wohl bezweifelt werden.

Eine Analyse von Thorsten Denkler, Berlin

Jetzt ist ihnen also eingefallen, dass es ganz gut sein könnte, den Neu-Mitgliedern in Steinbrücks Kompetenzteam einen Tisch auf die Bühne zu stellen. Beim ersten Mal standen alle noch etwas verloren einfach so rum. Und als jetzt der Tisch endlich da steht, da funktioniert das Mikrofon von Cornelia Füllkrug-Weitzel nicht. Die weithin unbekannte Dame ist jetzt für Entwicklungspolitik zuständig. "Na, das fängt ja gut an", brummt sie. Peer Steinbrück steht ein paar Schritte neben ihr und witzelt zurück: "Das war die CDU."

Nein, das war nicht die CDU, das war die SPD. Das waren seine eigenen Leute, denen solche Kleinigkeiten nicht auffallen und die das Mikro offenbar nicht testen, bevor es benutzt wird. Es sind seine Leute, die ausgerechnet am vergangenen Mittwoch kurzfristig auf die glorreiche Idee kamen, weitere Mitglieder des Kompetenzteams vorzustellen. An einem Tag also, an dem die Aussagen von Verteidigungsminister Thomas de Maizière zum Euro-Hawk Desaster die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf sich ziehen.

Das sind jetzt nur die allerjüngsten Pannen. Manche fragen sich ohnehin seit Wochen, was denn eigentlich Steinbrücks Sprecher und Medienberater Michael Donnermeyer den lieben langen Tag so treibt.

Zu hohe Fehlerdichte

Die Frage hat sich mit diesem Tag erledigt. Steinbrück hat die Notbremse gezogen und Donnermeyer gefeuert. Drei Monate vor der Bundestagswahl. Ein Unding eigentlich. Was ein guter Wahlkampf braucht, sind die drei großen G: Glaubwürdigkeit, Geschlossenheit und Gelassenheit. Zu Steinbrücks erkennbaren Mängeln, was die Glaubwürdigkeit seiner neuerdings linken Positionen angeht, kommt jetzt noch der ebenso erkennbare Verlust an Gelassenheit hinzu.

Donnermeyers Fehlerdichte aber war wohl selbst einem Peer Steinbrück zu groß. Der hatte von Beginn den Ruf eines Risiko-Kandidaten und muss deswegen vor allem vor sich selbst geschützt werden, was dem Ex-Sprecher mehr schlecht als recht gelang. Donnermeyer hat etwa nicht die Brisanz der Aussage seines Chefs erkannt, der Kanzlerjob sei zu schlecht bezahlt im Vergleich zu Sparkassen-Direktoren. Das ist im Prinzip richtig. Dürfen aber bundesweit nur zwei Menschen nicht aussprechen: Die Kanzlerin und ihr Herausforderer.

Donnermeyer hat seinen Chef auch einmal gehörig auflaufen lassen, als er sinngemäß erklärte, Steinbrück kenne die Geldgeber hinter dem umstritten und inzwischen eingestellten "Peer-Blog". Steinbrück bestritt das.

Vergangene Woche noch erzählte Donnermeyer Journalisten im Vertrauen, Steinbrück werde sicher bald in die Flutgebiete fahren um die Schäden zu besichtigen. An diesem Montag aber erklärte Steinbrück: "Die Menschen dort brauchen die Bundeswehr. Und nicht Peer Steinbrück."

So reiht sich Missgeschick an Missgeschick.

Jetzt soll mit Rolf Kleine alles besser werden. Aber auch der ehemalige Bild-Mann könnte sich schnell als Fehlbesetzung erweisen. Das könnte schon mal an seinem bisherigen Job liegen. Der 52-jährige Journalist hat vor mehr als einem Jahr die Seiten gewechselt und war ab Februar 2012 Cheflobbyist der Immobilienheuschrecke "Deutsche Annington". Es ist Deutschlands größter Vermieter mit einem Bestand von 210.000 vermieteten Wohnungen.

Das Unternehmen steht nicht gerade im Ruf, des Mieters bester Freund zu sein. Mieterschützern ist das Unternehmen schon deshalb ein Dorn im Auge, weil dahinter eine auf Rendite geeichte Private-Equity-Gesellschaft steht, die Londoner Terra Firma Capital Partners. Die Deutsche Annington hatte schon mal ihren gesamten Mieterservice in Bochum zentralisiert und Hausmeisterdienste auf einige wenige Firmen konzentriert um die Rendite zu erhöhen. Jetzt steht der Börsengang an. Die Interessen der deutschen Annington dürften denen der selbsternannten Mieterschutz- und Niedrig-Mieten-Partei SPD also diametral entgegenstehen.

Steinbrück scheint das nicht zu stören. Kleine gilt als alter Haudegen im Politikbetrieb. Journalistisch erfahren, keine Frage. Ein Klassik-Fan, überaus gebildet und schlagfertig, Duz-Freund von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Einer, der Steinbrück sicher intellektuell nicht unterfordert.

Aber mit der Medienberatung von Wahlkämpfern hatte er bisher gar nichts zu tun. Er ist in der Bundespresse gut vernetzt mit Vertretern klassischer Medien, ein Old-Boys-Netzwerk. Die Medienwelt aber hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Wie gut er in und mit sozialen Medien umgeht, muss sich erst zeigen.

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Womöglich hält er es damit aber auch einfach wie Gerhard Schröder, über den er 2002 zusammen mit Schröders späterem Regierungssprecher Bela Anda eine Biographie veröffentlicht hat: Alles, was der zum Regieren brauche sei "Bild, BamS und Glotze".

Gewisse Zweifel scheint aber auch Kleine gehabt zu haben, ob er den Job annehmen soll. Auf seiner Facebook-Seite postete er: "Heute morgen aus gegebenem Anlass Beethoven gehört: Streichquartett Nr. 16 F-Dur op. 135 - "Muss es sein? Es muss sein...!"