Stammzellenforschung Der Durchbruch berührt alles, was hierzulande abgelehnt wird

Die neueste Errungenschaft in der Stammzellforschung hat ihre Wurzeln in Deutschland. Doch wie so oft, hat sich die Gesellschaft fast reflexhaft gegen eine neue Technologie gestellt. Deshalb feiern jetzt die Japaner den Erfolg.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Als Bundespräsident Joachim Gauck kürzlich im Berliner Konzerthaus zu einer Rede vor Wissenschaftlern anhob, sah er sich zu einer Vorbemerkung veranlasst. Die oft doch sehr negative Einstellung gegenüber Innovationen in Deutschland sei ihm unverständlich. Neue Technologien würden "eine Fülle von sozialen, ethischen, rechtlichen und kulturellen Fragen" aufwerfen, sicher, denen man sich stellen müsse. "Ich finde, wir sollten das mit Pioniergeist tun - und mit der Zuversicht, dass es gelingen wird, diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern."

Es mag dem nahenden Dienstende Gaucks geschuldet sein, dass er sich so beherzt äußerte. Aber der Bundespräsident hat recht. Und was er sagt, könnte sich an einer Errungenschaft zeigen, wie sie soeben im Bereich der Fortpflanzungsmedizin verkündet wurde. Eizellen können nun grenzenlos im Labor aus ganz normalen Hautzellen erzeugt werden - bisher nur bei der Maus, aber zweifellos bald auch beim Menschen. Es ist das Ende der sogenannten Keimbahn, die Forscher seit Jahrzehnten für unantastbar hielten - die geschützte Linie besonderer Zellen, die allein in der Lage sind, neues Leben und neue Keimzellen hervorzubringen. Diese natürliche Herberge für die menschliche Würde gibt es nicht mehr.

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Jede Zelle kann nun alles sein, auch Eizelle, auch Spermium. Die Implikationen dieses Durchbruchs gehen weit über das hinaus, was man in der Reproduktionsmedizin bislang verhandelt hat, biologisch wie ethisch. Und sie geht weit über alles hinaus, was in Deutschland längst verboten, abgelehnt und als unnatürlich verteufelt wird.

Gewiss sind - wieder einmal - Reproduktionsfabriken vorstellbar, die Designerbabys hervorbringen, vielleicht in einer "Welt ohne Sex", womöglich gar ohne Liebe, weil körperliche Berührung mit der Keimzelle aus dem Labor überflüssig würde. Das sind ernst zu nehmende Bedenken. Mindestens genauso wichtig und vielleicht realistischer sind jedoch die Chancen, die sich nun auftun. Zum Beispiel für homosexuelle Paare, die sich eigene Kinder wünschen. Männer wären in der Lage, nicht nur Spermien sondern auch Eizellen hervorzubringen. Auch für Alleinstehende oder für Frauen, die bis Mitte oder Ende 40 hart arbeiten und gerne Mutter werden würden, kann die Stammzelltechnologie ein Segen sein.

Es hat sich jedoch als deutsche Eigenheit erwiesen, die möglichen negativen Folgen wissenschaftlicher Durchbrüche überzubetonen, bis die Mehrheit der Legislative sich nicht mehr traut, den Fortschritt zu regulieren, sondern ihn lieber gleich verbietet. Die Folge ist, dass viele aussichtsreiche Technologien bereits anderen Ländern und kulturellen Umfeldern überlassen wurden.

Ein Beispiel dafür war die grüne Gentechnik, deren Chancen damit zweifellos verhindert wurden. Denn eine durchdachte, sorgfältig regulierte und dadurch in die gewünschte Richtung gelenkte Beteiligung am Fortschritt kann Vorbildcharakter haben. Man muss sich nur darüber einig werden, was abgesehen von apokalyptischen Szenarien noch in einer Technologie steckt. Und dabei auch mal über den eigenen Gartenzaun hinausschauen, hin zu Menschen, für die das Leben etwas weniger bereithält.

Die ersten Eizellen aus Stammzellen entstanden übrigens nicht in Japan, sondern in Münster. Vor 13 Jahren schaffte der deutsche Forscher Hans Schöler dort, am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, das Fundament für den Durchbruch der Japaner, der absehbar neue Möglichkeiten in der Fortpflanzungsmedizin eröffnen wird. Die Frage ist nun, ob und wie sich Deutschland in Zukunft dazu verhalten will. Vielleicht kommt ja tatsächlich Pioniergeist auf. Und die Zuversicht, dass Gutes daraus entstehen kann.

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