SPD: Hermann Scheer ist tot Sie nannten ihn "Sonnengott"

Der langjährige SPD-Politiker und Streiter für erneuerbare Energien, Hermann Scheer, ist gestorben - wenige Tage, bevor er sein neues Buch vorstellen wollte. In Hessen wäre der Träger des Alternativen Nobelpreises fast Wirtschaftsminister geworden.

Über Jahre hinweg hat er Häme einstecken müssen, weil er sich für umweltfreundliche Energien engagiert und, ja, auch dafür exponiert hat: Hermann Scheer, der Mann mit seinen ewigen Liedern auf Sonne, Mond und Sterne, der "Sonnengott". Am Ende aber sollte er doch recht behalten - und Anerkennung bekommen.

1998 erhielt Scheer für sein Umwelt-Engagement den Weltsolarpreis, 1999 den Alternativen Nobelpreis. Das amerikanische Time Magazine zeichnete ihn sogar als "Hero for the Green Century" (Held des grünen Jahrhunderts) aus.

Am kommenden Montag wollte der Gepriesene sein neues Buch vorstellen: Der energethische Imperativ heißt es, und verspricht im Untertitel: "100 Prozent jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist". Eine Inventur der Energiedebatte hielt er für geboten, ein Votum gegen Atom als Brückentechnologie und gegen Industrieprojekte wie Desertec. Sei Votum über die neue Energiepolitik Angela Merkels: "Der suggerierte Konsens über erneuerbare Energien lenkt davon ab, dass die eigentlichen Konflikte erst begonnen haben."

Scheer trat den Sozialdemokraten 1965 bei, engagierte sich auch in der Studentenrevolte und war seit 1980 Mitglied des Bundestages für die SPD Baden-Württemberg. Von 1993 bis 2009 gehörte er dem SPD-Bundesvorstand an. Er war ein beharrlicher Linker, treu der eigenen Position, überzeugt davon, dass es in der Wirtschaft eine Öko-Revolte brauche. Beim wirtschaftsfreundlichen Part seiner Partei galt er als manchem als "Spinner".

Der Kritisierte wiederum verabscheute die Praktiken der Machtpolitik à la SPD, die Manöver unter Gerhard Schröder, die Industriepolitik des Wolfgang Clement. Ihn empörte es richtig, wie die Stars der rot-grünen Koalition später in Aufsichtsratsposten und über Beratermandate Industriegelder abkassierten. Das hielt er für unmoralisch, wenn nicht für korruptiv.

Hermann Scheer, geboren 1944 im hessischen Wehrheim, wuchs in Berlin auf. Er war ein exzellenter Schwimmer und schaffte es als Fünfkämpfer zunächst in die Jugendnationalmannschaft, später auch in die Fünfkampf-Nationalauswahl. Nach dem Abitur diente er freiwillig bei der Bundeswehr, studierte später in Heidelberg und Berlin Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

In den achtziger Jahren machte der SPD-Linke sich für eine aktive Friedenspolitik und Abrüstung stark. Im SPD-Vorstand brachte Scheer Ende der 90er Jahre mit Äußerungen, das Nato-Vorgehen im Kosovo sei ein "Kriegsverbrechen", den damaligen Bundeskanzler Schröder gegen sich auf. Dieser meinte seinerzeit sogar, Scheer gehöre aus der Partei geworfen. Dennoch war seine Nominierung auf der Landesliste der SPD Baden- Württemberg nie in Gefahr.

Als in Hessen die SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti vor zwei Jahren kurz davor stand, Ministerpräsidentin zu werden, war für ihn eine tragende Rolle vorgesehen: als Wirtschaftsminister. Hier sollte er seine Öko-Rezepte durchsetzen.

1988 gründete Scheer die gemeinnützige Vereinigung für Erneuerbare Energien Eurosolar und wurde deren ehrenamtlicher Präsident. Das Ziel: die vollständige Ablösung atomarer und fossiler Energiequellen durch erneuerbare Energien. Mittlerweile hat die Vereinigung zwölf Sektionen in Europa und weltweit 20.000 Mitglieder.

Mitte der neunziger Jahre gelang es dem profilierten Umweltpolitiker, zwölf Zeilen ins SPD-Wahlprogramm zu schmuggeln: Erstmals versprach die Partei darin, 100.000 Dächer in Deutschland mit Solarzellen auszustatten. Kaum hatte die rot-grüne Koalition 1999 in Berlin die Macht übernommen, steckte sie eine Milliarde Mark in das Solar-Programm.

Immer wieder mischte er sich in die Debatte ein. In dem Dokumentarfilm "Let's make money" kritisierte er die Profitsucht von Konzernen - und das tatenlose Zusehen von Politikern: "Diejenigen (Politiker), die wissen, was sie da anrichten, haben nur noch einen kurzen Karrierezeitraum im Blick - nach mir die Sintflut. Und dieses radikale Kurzzeitdenken, nicht mehr das Denken in längerfristigen Verantwortungskategorien, ist typisch für das gesamte Neoliberale Zeitalter. Im Neoliberalen Zeitalter ist alles verkürzt ... auf die aktuelle Erzielung einer höchstmöglichen Rendite, koste es was es wolle."

Im derzeitigen Konflikt um Stuttgart 21 war der SPD-Abgeordnete vor Kurzem noch bei einer Demonstration gegen das Milliarden-Bahnprojekt aufgetreten und hatte sich für einen Volksentscheid ausgesprochen. Scheer galt als herausragender Umweltpolitiker seiner Partei, der auch zahlreiche Bücher schrieb und herausgab.

Scheer war ein "engagierter Kämpfer für die dringend notwendige Energiewende", erklärt SPD-Chef Sigmar Gabriel und hob seine "visionäre Kraft" hervor. Die Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir erklärten, Scheer sei ein "Vordenker und Architekt des solaren Zeitalters" und somit als Sozialdemokrat auf besondere Weise mit den Grünen verbunden gewesen.

Die Linke-Parteichefs Gesine Lötzsch und Klaus Ernst loben Scheer als "engagierten Kämpfer für eine radikale Wende in der Energie- und Klimapolitik".

Hermann Scheer starb im Alter von 66 Jahren am Donnerstagmittag in einem Berliner Krankenhaus, in das er sich in der Nacht wegen Herzbeschwerden hatte einliefern lassen. Es sei ein plötzlicher, unerwarteter Tod gewesen, sagte Helmut Lölhöffel, Scheers Sprecher bei Eurosolar zu sueddeutsche.de. Er hinterlässt eine Frau, ein Kind und eine sechs Jahre alte Enkelin - der er sein neues Buch gewidmet hat.

Kämpfer für eine bessere Welt

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