Spanien in der Krise Pleite mit tödlichen Folgen

In Spanien hat sich ein Mann mit Benzin übergossen und angezündet - aus Verzweiflung über die Folgen der Krise. Es ist ein besonders aufsehenerregender Fall, aber nur einer von vielen Suiziden und Selbsttötungsversuchen, zu denen es derzeit in Spanien kommt. Immerhin häufen sich gleichzeitig Formen von ungewöhnlicher Solidarität.

Von Sebastian Schoepp

In Spanien häufen sich in Folge der Krise offenbar Suizide und Selbsttötungsversuche. So haben sich im südspanischen Málaga zwei Männer mit Benzin übergossen und angezündet. Am Donnerstag wurde ein 63-jähriger Mann mit schweren Verbrennungen unter einer Autobahnbrücke geborgen, tags zuvor retteten Passanten einen 57-Jährigen vor den Flammen. Auf dem Weg ins Krankenhaus soll er gesagt haben, er sei arbeitslos und habe nichts zu essen, berichtete ein Augenzeuge.

Laut spanischen Medien soll es sich um einen Obdachlosen gehandelt haben, der verheiratet sei und zwei Kinder habe. Vor zwei Wochen war ebenfalls in Málaga eine Frau aus dem Fenster gesprungen, weil sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnte und von der Bank aus ihrer Wohnung geworfen werden sollte.

Fast im Wochentakt berichtet die spanische Presse derzeit über solche Fälle. Dabei hat Spanien in seiner Geschichte zahlreiche tiefe Krisen durchgestanden, eine Zunahme an Suiziden war dabei jedoch nicht beobachtet worden.

Das hat sich geändert. Zwar veröffentlicht das Nationale Statistikamt seit 2010 keine Zahlen über Selbstmorde mehr. Doch regionale Gesundheitsämter und forensische Institute melden seit zwei Jahren Rekordwerte. Grund seien Arbeitslosigkeit und Schuldenkrise, die immer mehr Menschen in komplett ausweglose Situationen bringe. Die Plattform der Hypothekengeschädigten in Madrid (PAH) meldet 500 Zwangsräumungen täglich.

Die Regierung in Madrid hält diese Zahl für stark übertrieben. Schließlich würden auch Räumungen von Geschäften, Ferienwohnungen, Bars, Lokalen und Lagern eingerechnet. Die Bank von Spanien spricht immerhin von 15.000 Räumungen des Erstwohnsitzes in diesem Jahr. Für das kommende Jahr befürchtet sie steigende Zahlen.

Die Regierung von Mariano Rajoy reagierte mit dem Statement zu diesen Zahlen allerdings erst auf den enormen sozialen Druck von Bürgerbewegungen und sozialen Netzwerken. Empörung löste vor allem aus, dass jene Banken, die selbst mit Milliarden an Steuergeld vor der Pleite gerettet wurden, ohne jede Rücksicht auf jene losgehen, die ebenfalls pleite sind - die Ärmsten der Armen.

Eine Gesetzesänderung, die Zwangsräumungen erschweren soll, wurde von der Regierung im Spätherbst auf den Weg gebracht. In ihren Genuss kommen jedoch nur extreme Härtefälle, wie sie die spanische Presse in den vergangenen Monaten zuhauf meldete. Andere, darunter Großfamilien, Behinderte und Rentner, die für Kinder und Enkel gebürgt hatten, wurden an die Luft gesetzt - so lange, bis selbst die Richter protestierten. Die Sozialisten fordern, das Gesetz auszuweiten. Sozialverbände verlangen zudem, dass leer stehende Wohnungen zu sozialen Mieten an Obdachlose vergeben werden.

Obdachlose Familien in der Zweitwohnung

Während die Politik noch streitet, mehren sich die Formen individueller Solidarität. Kürzlich listete El Pais eine ganze Reihe von Immobilieneigentümern auf, die ihre Zweitwohnungen obdachlos gewordenen Familien zur Verfügung stellen. "Sie überholen den Staat links", schrieb die Zeitung. Das katalanische Rentnerpaar Eulogio Carmona und Felisa Garcia etwa überlässt seine 85 Quadratmeter große Ferienwohnung in Almeria nun Bedürftigen, die nur die Verbrauchskosten bezahlen müssen. "Wir haben ja nur eine Woche im Jahr dort verbracht", sagt der 64-Jährige. "Außerdem kenne ich die Bankenkloake." Eulogio Carmona stand 30 Jahre einem Unternehmen vor, das zwischen zahlungsunfähigen Kunden und Banken vermittelte.

Auch in anderen Bereichen macht sich die Solidarität bemerkbar, auf die die spanische Gesellschaft traditionell stolz ist. Zum Beispiel sind Rekordzahlen bei der Organspende zu vermelden. Und die Schlüsseldienste von Pamplona haben entschieden, bei Wohnungsräumungen keine Schlösser mehr auszutauschen.

"Wenn du das im Fernsehen siehst, ist das was anders, als wenn du dabei bist", sagte Iker de Carlos, Sprecher der Vereinigung der Schließdienste. "Du hilfst, Leute aus ihrem Haus zu werfen, von denen du weißt, dass sie auf ewig Schulden mit sich herumtragen werden, die sie begleichen müssen." David Ormaechea von der landesweiten Vereinigung der Schlüsseldienstbetreiber unterstützt die Initiative der Kollegen aus Pamplona. Er sagt: "Wenn die Bankdirektoren selbst dabei sein müssten, wenn Wohnungen geräumt werden, würden sich nicht solche Situationen ergeben."

Flucht nach Deutschland

Darauf zu warten, dass ihre Regierung die Krise in den Griff bekommt, haben viele Spanier längst aufgegeben. Sie suchen ihr Heil in der Emigration, etwa nach Deutschland. Die Zahl der Beschäftigten aus den vier Euro-Krisenstaaten legte binnen Jahresfrist um 7,6 Prozent zu, die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag mitteilte.

Düstere Aussichten für Griechenland und Spanien ließen vermuten, dass sich dieser Trend fortsetzen werde. Zwar ist die Arbeitslosenzahl in Spanien im Dezember leicht gesunken, aber das ist nach Meinung der Presse auf das Weihnachtsgeschäft zurückzuführen. Für 2013 hat die EU Spanien bereits eine weitere Rezession vorhergesagt.

Ministerpräsident Mariano Rajoy pflegt seinen Landsleute bei seinen seltenen Auftritten nur zu sagen, was sie alles falsch gemacht hätten. Dabei vergisst die Politik leicht ihre eigene Verantwortung, schließlich war es Rajoys eigene Partei, die die fatale Immobilienblase vor der Jahrtausendwende aufpumpte. Der frühere Merrill Lynch-Manager und Buchautor César Molinas schrieb kürzlich in El Pais: Die spanischen Parteien hätten sich stets nur als Selbstbedienungsladen verstanden, zündende Ideen, wie die Wirtschaft auf die Beine kommen könne, seien von ihnen nicht zu erwarten. "Die spanische politische Klasse hat kein anderes Mittel zur Hand, als darauf zu warten, dass der Sturm vorüberzieht."