Slowakei EU-Delegation will offenbar Journalistenmord untersuchen

Das Grab des ermordeten Ján Kuciak. Der Journalist wurde am Samstag in der slowakischen Ortschaft Stiavnik beerdigt.

(Foto: AFP)
  • Einem Medienbericht zufolge reist eine Delegation von EU-Parlamentariern diese Woche in die Slowakei, um sich über den Mord an dem Journalisten Ján Kuciak zu informieren.
  • Kuciak wurde am Samstag in der Nordslowakei beigesetzt. Erzbischof Stanislav Zvolenský sagte: "Wenn der Mörder Ján zum Schweigen bringen wollte, hat er das Gegenteil erreicht."
  • Sieben im Zuge der Ermittlungen festgenommene Italiener wurden am Samstag wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nach dem Doppelmord an dem Enthüllungsjournalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnírová in der Slowakei will eine Delegation des Europaparlaments den Fall einem Bericht zufolge schon in der kommenden Woche untersuchen.

Acht Parlamentarier aller EU-Fraktionen wollten von Mittwoch bis Freitag in die Slowakei reisen, um Informationen über die Tat und ihre Hintergründe zu sammeln, schrieb die Welt am Sonntag unter Berufung auf EU-Kreise. Es seien Treffen mit dem slowakischen Premierminister Robert Fico, mehreren Ministern und regierungskritischen Journalisten geplant. Auch die deutsche Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU) sprach von der geplanten Reise.

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani hatte am Donnerstag angekündigt, einen Beschluss zur Entsendung eines Untersuchungsteams vorzubereiten. Details dazu waren zunächst offengeblieben.

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Ein Mitglied der Reisegruppe ist der Zeitung zufolge der deutsche Grünen-Politiker Sven Giegold. Er bezeichnete den Doppelmord demnach als "europäische Innenpolitik". Das EU-Parlament dürfe "dem Verfall von Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit" in Mitgliedstaaten nicht tatenlos zusehen. "Sonst ist das ganze Gerede von der EU als Wertegemeinschaft nur Schall und Rauch."

Der 27-jährige Journalist Kuciak und die gleichaltrige Kušnírová waren Ende Februar erschossen in ihrem Haus in Veľká Mača, 65 Kilometer östlich von Bratislava, aufgefunden worden. Kuciak hatte über den Filz zwischen Politik und Geschäftemacherei recherchiert. Als er erschossen wurde, arbeitete er gerade an einem Artikel über mutmaßliche Verbindungen der slowakischen Regierungspartei zur italienischen Mafia.

Kuciak am Samstag beigesetzt

Bei den Ermittlungen erhält die slowakische Polizei Hilfe von Europol, der US-Bundespolizei FBI, Scotland Yard aus Großbritannien sowie der italienischen und der tschechischen Polizei. Sieben am Donnerstag im Zuge der Ermittlungen festgenommene Italiener setzte die slowakische Polizei am Samstag wieder auf freien Fuß.

Am Samstag erwiesen mehrere hundert Trauernde dem Enthüllungsjournalisten die letzte Ehre. Kuciak wurde am Nachmittag in der nordslowakischen Ortschaft Stiavnik beerdigt. Dank Kuciaks Recherchen wolle nun jeder in der Slowakei mehr über den Einfluss der italienischen Mafia wissen, sagte Erzbischof Stanislav Zvolenský beim Trauergottesdienst. "Wenn der Mörder Ján zum Schweigen bringen wollte, hat er das Gegenteil erreicht." Kušnírová war bereits am Vortag beigesetzt worden.

Peter Bardy, Chefredakteur des Nachrichtenportals Aktuality.sk, für das Kuciak arbeitete, appellierte an die EU, demokratische Institutionen in der Slowakei zu schützen. Er wolle "alle politischen Führer der Europäischen Union" dazu aufrufen, "die Ereignisse in der Slowakei noch genauer" zu beobachten, sagte Bardy der Bild am Sonntag.

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