Schweizer Polizei rollt Mordfall neu auf Spuren des Neonazi-Trios führen nach Zürich

Der Rabbi war auf dem Weg in die Synagoge, als ihn zwei Kugeln aus nächster Nähe trafen. Die Züricher Polizei konnte den Mordfall aus dem Jahr 2001 nie aufklären - nun gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Morden des Zwickauer Neonazi-Trios.

Von Jan Bielicki

Der Mörder lauerte dem Rabbi auf dem Weg zur Synagoge auf. Abraham Grünspan, Leiter einer Talmudschule im israelischen Bnei Brak und mit seinem Bart, Hut und Mantel leicht als orthodoxer Jude zu erkennen, ging am Abend des 7. Juni 2001 durch die Weberstraße in Zürich-Wiedikon, als ihn aus nächster Nähe zwei Schüsse trafen.

Neben der Leiche des 71-Jährigen fanden Polizisten zwei Patronenhülsen, Zigarettenstummel und im Speicher einer Überwachungskamera die verschwommene Aufnahme eines wegrennenden Mannes. Die Tat wurde nie aufgeklärt - nur eines erscheint sicher: Ein Raubmord war es nicht. Mehr als tausend Franken in bar steckten noch in der Tasche des Opfers.

Nun prüft die Züricher Kantonspolizei laut einem Bericht des Tagesanzeiger, ob der Fall mit der neonazistischen Mordserie in Deutschland zu tun haben könnte. Ein Polizeisprecher wollte den Bericht "aus polizeitaktischen Gründen" nicht kommentieren, nur so viel: "Wenn sich neue Straftaten ereignen, prüfen wir immer, ob es Verbindungen zu ungeklärten Fällen gibt." Eine Sprecherin der deutschen Bundesanwaltschaft sagte, es gebe derzeit "keine Anhaltspunkte" für eine Beteiligung der Zwickauer Terrorzelle an dem Züricher Mord.

Allerdings fällt die zeitliche Nähe des Verbrechens zu anderen Mordtaten der Terroristen auf. Nur sechs Tage nach dem Tod des Rabbiners erschossen sie in Nürnberg einen Schneider, zwei Wochen darauf einen Gemüsehändler in Hamburg, Ende August einen Ladenbesitzer in München - es war ein mörderischer Sommer 2001.

Außerdem verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Terrorzelle Verbindungen in die Schweiz hatte. Die prominenteste Tatwaffe der Mordserie, eine Ceska 83, wurde in den neunziger Jahren im Kanton Solothurn verkauft. Wie sie in die Hände der Mörder geriet, ist eines der noch ungelösten Rätsel.

Enge Kontakte zu Schweizer Neonazis

Mindestens eines der Mitglieder der Zelle soll Ende der neunziger Jahre ein Gespräch aus einer Schweizer Telefonzelle geführt haben und dabei laut Berliner Zeitung von deutschen Sicherheitsbehörden abgehört worden sein. Zeugen wollen das Trio aus Zwickau zudem in einem Auto mit Schweizer Kennzeichen auf der Ostseeinsel Fehmarn gesehen haben.

Klar ist, dass es aus dem Umfeld des mutmaßlichen Terrortrios enge Kontakte zu Neonazis aus der Schweiz gab - vor allem zu Kadern der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos). Deren Ex-Funktionär Mario F. interviewte den Jenaer André K., der den Untergetauchten sehr nahestand, und war 2008 bei führenden Leuten des thüringisch-sächsischen Neonazi-Netzwerks zu Besuch.

Auch zum "Fest der Völker", von André K. und dem als möglichen Helfer der Mörder verhafteten Ralf Wohlleben organisiert, kamen regelmäßig Schweizer Extremisten nach Thüringen. Pnos-Leute wie Pascal T. und Markus M. traten sogar als Redner auf. "Diese Verbindungen werfen ein schlechtes Licht auf die Pnos", versuchte sich Parteipräsident Dominic Lüthard nun zu distanzieren. Was er nicht sagte: Beim "Fest der Völker" in Jena spielte 2005 auch die Schweizer Hetzrockband Indiziert - Lüthard ist ihr Sänger.