Schweden Abschied vom Willkommensland

Wohnungsnot ist das Hauptproblem der Flüchtlinge: Drei Männer aus Uganda teilen sich ein Zimmer im Stockholmer Vorort Sollentuna.

(Foto: Cathal McNaughton/Reuters)
  • Kein EU-Land nimmt mehr Flüchtlinge pro Einwohner auf als Schweden. Offenheit gehört für das Land zum Selbstverständnis.
  • Doch der hohe Ansturm belastet zunehmend die Systeme: Die Unterkünfte reichen nicht mehr aus, Sachbearbeiter kümmern sich um mehr als doppelt so viele Flüchtlinge parallel wie früher.
  • Offen gegen Zuwanderung stellen sich nur die rechtsextremen Schwedendemokraten - sie wollen diese auf zehn Prozent begrenzen.
  • Kippt die Stimmung im Land? Auch in anderen Parteien wird das Thema Zuwanderung mittlerweile kritischer gesehen.
Von Silke Bigalke, Stockholm

In Märsta sitzen sie wieder auf ihren Koffern. Die Flüchtlinge, die hier im Aufnahmezentrum ankommen, bleiben nur kurz. Sobald sie registriert sind, Namen, Foto und Fingerabdruck abgegeben haben, fahren sie in ein größeres Flüchtlingsheim. Sie füllen jeden Tag einen Bus, manchmal zwei, machen Platz für die nächsten Neuankömmlinge.

Märsta liegt nahe dem Flughafen Arlanda, 40 Kilometer vor Stockholm. Eine Durchlaufstation. Im Warteraum klettern Kinder über Bänke und über große blaue Plastiktaschen. Die stehen überall herum, wie vollgepackte Ikea-Tüten. Sie enthalten das Nötigste für die ersten Tage: Blümchen-Bettwäsche, Handtücher, Zahnbürste, Shampoo. Willkommen in Schweden.

Für die Schweden gehört diese Offenheit zu ihrem Selbstverständnis

Kein EU-Land nimmt mehr Flüchtlinge pro Einwohner auf. 81 300 Menschen haben vergangenes Jahr Asyl in Schweden beantragt, die meisten kamen aus Eritrea und Syrien. Sie erhalten in der Regel unbegrenztes Aufenthaltsrecht. Dieses Jahr erwartet Schweden bis zu 105 000 Hilfesuchende - eine riesige Zahl angesichts der 9,7 Millionen Menschen, die hier leben.

Für die Schweden gehört diese Offenheit zu ihrem Selbstverständnis. Egal, wie sehr das System unter dem Zustrom ächzt, niemand stellt sie grundsätzlich infrage. Niemand, außer den Schwedendemokraten, einer Partei mit rechtsextremen Wurzeln. Sie fordern, die Einwanderung um 90 Prozent zu senken.

Alle anderen Parteien möchten jede Verbindung zu den Rechtspopulisten unbedingt vermeiden. Auch deswegen wagen sie sich nun nur zögerlich an das Thema Einwanderung. Sie haben aber kaum eine Wahl: Unterschwellig wird längst die Frage gestellt, wie lange das Land seine großzügige Flüchtlingspolitik noch durchhält. Die Unterkünfte werden knapp, die Behörden sind überfordert, die Zugewanderten oft frustriert. Seit Jahren tut sich Schweden schwer, sie nicht nur aufzunehmen, sondern auch zu integrieren.

Nicholas Aylott ist einer der wenigen, die das Schweigen darüber schon lange kritisieren. "Persönlich möchte ich nicht, dass die Schweden Einwanderung in demselben scharfen Ton diskutieren, wie es dänische oder britische Parteien tun", sagt der britische Politikwissenschaftler von der Stockholmer Södertörn Uni. "Aber es beunruhigt mich, dass es nicht etwas mehr Freiheit gibt, über dieses Thema zu sprechen." Die Schwedendemokraten haben sich diese Freiheit genommen und erhielten 13 Prozent bei den Wahlen im Herbst.